Vom Notnagel zum PopstarGuttenberg im Höhenflug
Wurde er anfangs als unerfahrenes Greenhorn beäugt, hat zu Guttenberg in Windeseile sämtliche Spitzenpolitiker der Bundesrepublik an Beliebtheit überflügelt. Er kommt an - gerade weil er abweichende Meinungen klar und deutlich äußert.
Vom Notnagel zum Popstar: Wo auch immer Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg derzeit hinkommt, stößt er auf Begeisterung. Bei seinem Amtsantritt im Februar noch skeptisch als unerfahrenes Greenhorn beäugt, hat der oberfränkische Freiherr in Windeseile sämtliche Spitzenpolitiker der Bundesrepublik an Beliebtheit überflügelt, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeschlossen. Guttenberg ist allgegenwärtig: Auf Wahlveranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Unternehmensbesuchen, als "cooler Baron" auf dem Titelblatt des "Stern", in Fernsehnachrichten und Talkshows.
Der Ge- und Verehrte selbst ist geschmeichelt, ächzt mittlerweile aber auch: Er sei jemand, "der das Licht der Öffentlichkeit spürt, manchmal auch verspürt, auch verspüren muss", sagt Guttenberg beim Politischen Club der Landtags-CSU in München. Mittlerweile wird er schon als künftiger Kanzlerkandidat gehandelt.
"Es reicht für einen 17-Stunden-Tag"
In die Bewunderung der Parteifreunde mischt sich inzwischen auch Neid: Guttenberg könne zwar sehr schön reden - aber man wisse nicht immer, was er eigentlich gesagt habe, wird auf den Fluren geflüstert. "So normal und so authentisch bleiben wie möglich", gibt Guttenberg nach der Veranstaltung als Devise aus. Er wird überschüttet mit Terminwünschen. "Es reicht für einen 17-Stunden-Tag."
Guttenberg stößt auf eine Zuneigung, wie sie für die von alltäglichem Misstrauen begleitete deutsche Politikerklasse vollkommen unüblich ist. Normalerweise kommen 300 bis 400 Gäste zum christsozialen Club im Münchner Maximilianeum - bei Guttenberg sind es mehr als 900. Der Landtag platzt aus allen Nähten. "Einem Beliebtheitswert begegnet man am ehesten mit Bescheidenheit und einem gerüttelt Maß an Bodenhaftung", ermahnt sich Guttenberg vom Rednerpodium aus selbst.
Guttenberg habe sich von Anfang an eine eigene Meinung geleistet, sagt der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein, der selbst langjährige Erfahrung als Liebling der CSU hat - wenn auch nie in Guttenbergschem Ausmaß. "Normalerweise schwimmen die Leute am Anfang immer im Windschatten der Großen", sagt Beckstein über politische Karrieren. Bei Guttenberg sei das nicht der Fall.
Flirt mit dem Publikum
Der gibt sich zwar einerseits bescheiden, flirtet aber gleichzeitig mit seinem bewundernden Publikum: "Wenn ich mich weiter so schlecht benehme wie derzeit, dann habe ich im nächsten Jahr auch wieder die Zeit, darüber zu reflektieren", kokettiert er mit einem baldigen Abschied aus der Spitzenetage der Politik - womit niemand ernsthaft rechnet.
Viele CSUler registrieren aufmerksam, dass Guttenberg ankommt, gerade weil er abweichende Meinungen klar und deutlich äußert. "Das ist ein schönes Signal für die Politik insgesamt", sagt der als Nachwuchshoffnung geltende Münchner Landtagsabgeordnete Markus Blume.
"Wettlauf der Kassandras"
Vor allem aber: "Er redet sehr klar und präzise und gibt Zuversicht", sagt CSU-Landtagsfraktionschef Georg Schmid. In der Tat: Guttenbergs Münchner Rede über die Krise klingt wie eine Predigt zum Thema Hoffnung: "Wenn wir beginnen, die Zuversicht aus den Augen zu verlieren, verlieren wir gleichzeitig das Fundament unter unseren Füßen", sagt er. In Deutschland gebe es einen "Wettlauf der Kassandras", klagt der Wirtschaftsminister. "Deutschland sucht den Super-Pessimisten."
Related contentCSU-Chef Horst Seehofer machte zwischenzeitlich den Eindruck, als sei ihm der rasante Aufstieg Guttenbergs nicht geheuer. Inzwischen betont Seehofer lieber, wie willkommen ihm dessen Popularität sei: Er sei "froh", dass ein CSU-Politiker solchen Zuspruch finde. Seehofers gestürzter Amtsvorgänger Beckstein hat selbst reichlich Erfahrung mit Glück und Unglück: "Politik ist etwas Wechselhaftes", sagt er. Guttenberg ein möglicher Kanzler? "Fragen Sie noch mal in 15 Jahren."