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Dossier

Dienstag, 04. Juli 2006

1.100 Soldaten im Kongo: Hubschrauber statt Patrouille

"Visibility" ist das große Schlagwort des bevorstehenden europäischen Kongo-Einsatzes: Die Soldaten sollen sichtbar sein und die bewaffneten Gruppen durch ihre bloße Anwesenheit davon abhalten, bei einer Wahlniederlage das Land in Unruhen zu stürzen. Einige der deutschen Soldaten vor Ort fragen sich allerdings angesichts der Einsatzplanung, wie sichtbar 1.100 Europäer, darunter 280 Deutsche, in Kinshasa tatsächlich sein können.

Die offizielle Linie im Camp der Europäer am Flughafen N'Djili ist klar. "Deutsche Soldaten werden in Kinshasa keine Patrouille fahren - und andere auch nicht", sagt ein hochrangiger deutscher Soldat. Die Bevölkerung soll anders erreicht werden: Über eine Medienkampagne etwa, bei der die EUFOR mit Radiosendungen auf Französisch und der kongolesischen Sprache Lingla über die Wahlen und die europäische Truppe informiert. Außerdem sollen die drei deutschen Transporthubschrauber über der unübersichtlichen kongolesischen Millionenstadt kreisen. Deren Wirkung sei nicht zu unterschätzen, die Einheimischen seien Hubschrauber nicht gewöhnt, heißt es bei der Bundeswehr. Und: "Mehr ist mit diesen Kräften überhaupt nicht zu machen".

Das Camp der Europäer selbst entsteht derzeit auf dem eingezäunten Gelände des Flughafens N'Djili. Die Belgier haben schon 140 klimatisierte braune Zelte in Reih und Glied aufgebaut, drinnen werden auf dem stabilen Holzboden später je vier Pritschen mit darüber gespannten Moskitonetzen stehen. Ein Stück weiter haben die Deutschen in einem Hangar ihr Feldlazarett aufgebaut. "Wir rechnen primär mit Infektionserkrankungen wie Durchfall, ausgelöst durch Essen, Wasser oder die Klimaumstellung", sagt Oberfeldärztin Yvonne Engelmann-Zorn. Das Lazarett ist aber auch auf ernstere Fälle eingerichtet: Es gibt zehn normale Betten und eine Ein-Bett-Intensivstation, zwei Chirurgen können vor Ort operieren.

Dies alles spielt sich hinter dem Flughafen-Zaun ab. Draußen leben Millionen Kongolesen in Armut, die meisten im Land verdienen weniger als 60 oder 80 Dollar im Monat. Und nicht alle in der Bevölkerung freuen sich auf die Europäer. In einigen Gebieten der Stadt passiere es den deutschen Soldaten schon mal, dass ihnen die Türgriffe von einer aufgebrachten Menge fast aus dem Auto herausgerissen würden, sagt ein Soldat. Ein anderer spricht gar von Todesdrohungen.

"Das ist ein Pulverfass hier"

"Wir sind Militär - und das Volk hat gelitten", mutmaßt ein deutscher Soldat mit Blick auf die blutige Geschichte des rohstoffreichen Landes mit ihren zahlreichen Bürgerkriegen. "Wir schauen, dass wir die Leute auf unsere Seite holen". Die Skepsis gegenüber dem EU-Einsatz ist trotzdem im deutschen Kontingent zu spüren, auch im Vergleich etwa zum Einsatz in Afghanistan. "Natürlich machen wir unseren Job. Aber es ist schwer nachzuvollziehen, wie mit den paar Leuten eine Wahl abzusichern ist", sagt einer der Soldaten. "Wir sollen eine Streitmacht darstellen, die nicht vor Ort ist". Es gebe Gegenden in Kinshasa, in die die Bundeswehr nach schlechten Erfahrungen momentan nicht hineinfahre. "Das ist ein Pulverfass hier, und die Mentalität ist nur schwer verständlich", sagt er.

Auch auf ein eher unerwartetes Problem sind die Deutschen im Kongo gestoßen: Viele Kongolesen verwechselten die deutsche Fahne mit der der recht ähnlichen früheren belgischen Kolonialherren, auf die viele im Land weiter nicht gut zu sprechen seien, berichten die Soldaten. Dabei fänden gerade die Deutschen, wenn sie erkannt würden, viel eher Respekt und Zuneigung in der Bevölkerung, sagt ein Soldat. Ohne bedeutende koloniale Vergangenheit werde ihnen zu Gute gehalten, im Kongo anders als Franzosen und Belgier keine eigenen Interessen durchsetzen zu wollen.

Auch die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland sorgt für Sympathien: "Nach dem Sieg gegen Argentinien haben uns die Leute auf der Straße gratuliert und die Daumen hochgehalten", berichtet ein Soldat. Zumindest das Problem der Verwechslung mit den Belgiern wollen die Deutschen jetzt - zusätzlich zu den Informationssendungen über die EUFOR im Radio und informativen Handzetteln - auf simple Weise lösen: Die deutschen Fahrzeuge würden demnächst mit einem Schriftzug versehen, der die Nationalität der Truppen klarstelle.

(Sabine Siebold, Reuters)

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