Freitag, 03. Februar 2006
"Clash of Civilizations": Huntingtons Vision
Bewaffnete Muslime stürmen in Gaza das Büro der Europäischen Union, Al-Aksa-Kämpfer verschleppen einen Deutschen, Demonstranten stecken dänische und französische Flaggen in Brand. Angesichts der eskalierenden Proteste gegen die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung wird erneut in der öffentlichen Debatte vor dem Schreckensszenario des globalen "Kampfes der Kulturen" des amerikanischen Professors Samuel P. Huntington gewarnt. Mit seinem Buch "The Clash of Civilizations" erregte der Harvard-Professor und Mitbegründer der Zeitschrift "Foreign Affairs" 1996 weltweites Aufsehen.
Seine Thesen haben seitdem für allerlei Disput gesorgt. Mit dem Ende des Kalten Krieges, so Huntington, sei die bipolare Machtstruktur - die Sowjetunion auf der einen Seite, die USA auf der anderen - aufgebrochen. Heute verliefen die weltpolitischen Konfliktlinien nicht mehr entlang ideologischer, sondern religiös-kultureller Gräben. Nationen definierten sich durch Stämme, Religions- und Volksgemeinschaften sowie Kulturgruppen. Alte Gegensätze zwischen kulturell andersartigen Staaten oder Bevölkerungsgruppen lebten wieder auf.
Huntington identifiziert als Weltkulturen die westliche, islamische, chinesische, japanische, hinduistische, lateinamerikanische und afrikanische. Die kulturellen Differenzen zwischen ihnen ließen keine Verständigung anhand von universellen Werten zu. So schreibt Huntington: "Es gibt keine gemeinsame Basis für Menschenrechte zwischen Christentum und Islam." Notwendig sei demnach eine enge Zusammenarbeit beispielsweise zwischen den USA und der EU, wobei Deutschland eine besondere Verantwortung als treibende Kraft trage.
Bestätigt sah sich Huntington durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, der als Zusammenstoß zwischen orthodoxen Serben, muslimischen Bosniern und Albanern und katholischen Kroaten begonnen habe. Auch die ablehnende Haltung eines Großteils der Europäer gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei passt in sein Konzept. Kritiker von Huntingtons Werk warnen davor, derart den Teufel an die Wand zu malen. Auch vereinfache die These die Realität zu sehr.
Dossier
-
Necla Kelek und ihre Zweifel
"Der Islam braucht Kritik"
-
Chaos im deutschen Stromnetz
Der Flickenteppich bleibt
-
Türkei lehnt Resolution ab
"Messer im Rücken"
-
"Es kann ziemlich frustrierend sein"
Koalition irritert europäische Nachbarn
-
Schwarz-Grüne Perspektiven in NRW
"CDU ist verlässlicher Partner"
-
Regimekritiker zwischen den Fronten
Robert Havemann wäre 100
-
Mit Wirtschaftsboss, ohne Gattin
Politiker reisen meist solo
-
Amoklauf von Winnenden
Das Unfassbare bleibt möglich
-
Schröder und von der Leyen
Zwei Ministerinnen, zwei Stile
-
Uhl für konsequente Integration
"Eine Islamisierung gibt es nicht"
-
"Ich weiß, dass es das Richtige ist"
Die kranke Reform
-
Der Irak wählt
"Großer Erfolg der US-Politik"

