Politik
Vor modernem Purpur-Hintergrund: Heiko Maas.
Vor modernem Purpur-Hintergrund: Heiko Maas.(Foto: picture alliance / dpa)

Heiko Maas über "saarvoir vivre" und die Farbe Lila: "Ich lasse mich nicht unterkriegen"

Heiko Maas ist Mitte 40 und war einer der jüngsten Minister Deutschlands. Sein Ziel, jüngster Ministerpräsident zu werden, hat der Sozialdemokrat von der Saar verfehlt. Trotz der Koalition mit der CDU sei sein Bundesland jetzt sozialdemokratischer als zuvor, sagt der verheiratete Vater zweier Kinder. Im n-tv Interview spricht er über das "saarvoir vivre", den saarländischen Beitrag zum deutschen WM-Sieg in Bern und die Farbe Lila.

n-tv.de: Herr Maas, es heißt, bei Ihnen sagte man immer noch "ich fahr' ins Reich", wenn man die Landesgrenzen überschreitet. Stimmt das?

Heiko Maas: Es gibt schon Leute, die das so sagen. Sie meinen das aber nicht ganz so ernst, wie es auf Außenstehende wirken mag. Das ist ein Stück saarländische Folklore, ein alter Sprachgebrauch aus jener Zeit, in der die Saarländer nicht so richtig wussten, wohin sie gehören. Das Saarland war auch aufgrund seiner reichhaltigen Kohlevorkommen bis 1956 immer wieder ein politischer Spielball zwischen Frankreich und Deutschland. Wir sind nicht ein Land an einer Grenze, wir sind ein Land auf der Grenze. Das prägt. Wir haben mal zu Frankreich gehört, dann zu Deutschland. Dann hatten wir von 1947 bis 1956 ein eigenes Statut, waren teilweise autonom. Es gab also Zeiten, in denen Deutschland für die Saarländer Ausland war. Es gab sogar einmal eine saarländische Fußballnationalmannschaft, die 1953 in der Qualifikationsrunde die deutsche Mannschaft mit 3:1 gewinnen ließ und so deren Sieg bei der WM in Bern ermöglichte (lacht). Trainer der Saarländer war übrigens Helmut Schön, der dann 1974 die deutsche Mannschaft zum Titelgewinn führte. Und zu den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki hat das Saarland eine eigene Mannschaft entsandt.

Maas ist nach Annegret Kramp-Karrenbauer die Nummer zwei im Saarland.
Maas ist nach Annegret Kramp-Karrenbauer die Nummer zwei im Saarland.(Foto: picture alliance / dpa)

Das Saarland hat – Sie haben es gesagt – eine wechselvolle Geschichte hinter sich, zwischen Deutschland und Frankreich. Was verbindet Sie mit Frankreich, was mit Deutschland?

Es gibt im Saarland eine eigene Identität, die sich aus seiner Geschichte in den vergangenen hundert Jahren entwickelt hat. Meine Oma hat zeit ihres Lebens am selben Ort, in derselben Straße, im selben Haus gewohnt - und doch fünf verschiedene Pässe besessen, fünfmal die Nationalität und auch die Währung wechseln müssen. Daraus resultiert auch das besondere Verhältnis zu Frankreich, das "saarvoir vivre", das man uns gerne nachsagt. Mich persönlich verbindet mit dem Land etwa seine Sprache. Französisch ist eine sehr gefühlvolle, herzliche Sprache. Der "Grenzwechsel" ist hier alltäglich: Die Großregion SaarLorLux ist ein eng miteinander verflochtener Wirtschafts- und Kulturraum, in dem über elf Millionen Menschen leben. Beispiel Arbeitswelt: Die Großregion SaarLorLux zählt über 200.000 Grenzgänger und bildet damit den größten grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt in der EU. Dann kommen bei uns gewisse Lebensgewohnheiten hinzu, zum Beispiel – dieses Vorurteil kann ich gerne bestätigen - das gute Essen. In den Restaurants bei uns gibt es, bezogen auf die Einwohnerzahl, die höchste Dichte an Guide-Michelin-Sternen in Europa. Auch deshalb ist das Saarland mittlerweile zu einem Geheimtipp im Tourismus geworden. Die Saarländer sind stolz auf ihre Geschichte und ihre Eigenständigkeit. Aber es gibt so etwas wie ein deutsches Grundgefühl: In beiden Volksabstimmungen, bei denen es um den völkerrechtlichen Status des Saarlands ging, hat man sich mit großer Mehrheit zu Deutschland bekannt. Durch diese Bipolarität zwischen Deutschland und Frankreich hat sich aber auch eine europäische Haltung herausgebildet. Das Saarland ist von allen 16 Bundesländern das europäischste, wir sind bis heute das Verbindungsscharnier zwischen Deutschland und Frankreich.

Als sich das Saarland 1957 an die Bundesrepublik anschloss, sprach man von einer "kleinen Wiedervereinigung". Wie haben Sie die "große Wiedervereinigung" empfunden?

Als sehr spannend. Es war emotional sehr berührend, auch weil ich damals sicher alles andere als ein abgebrühter Politiker war …

Sind Sie heute abgebrüht?

Ich hoffe nicht. Aber mit der Zeit wird man als Politiker von Ereignissen ganz anders angesprochen. Ich habe die Vorgänge damals als ganz normaler junger Mensch wahrgenommen. Aber ich musste mich der neuen Situation erst annähern. Damals waren mir meine französischen Nachbarn noch deutlich näher als die Ostdeutschen. Heute weiß ich auch Dank der Wiedervereinigung noch mehr zu schätzen, in einem freien Europa leben zu dürfen.

Der damalige Spitzenkandidat der SPD für das Amt des Bundeskanzlers, Oskar Lafontaine, hat zu jener Zeit gesagt, man solle doch mit der wirtschaftlichen Vereinigung noch etwas warten. Dabei hatte er sicher auch im Blick, dass das Saarland die Wirtschafts-und Währungsunion erst 1959, also zwei Jahre nach dem politischen Verbund mit der Bundesrepublik, vollzogen hat. Hätte man bei der "großen Vereinigung" nicht auch etwas warten sollen? Hätten massenhafte Firmenpleiten und sprunghafter Anstieg der Erwerbslosigkeit dann nicht vermieden werden können?

"Fehlgeleiteter Ehrgeiz kann in der Politik oftmals ganz negative Folgen haben", so Maas.
"Fehlgeleiteter Ehrgeiz kann in der Politik oftmals ganz negative Folgen haben", so Maas.(Foto: picture alliance / dpa)

Im Nachhinein betrachtet hätte man bei der ökonomischen Zusammenführung der beiden Volkswirtschaften vielleicht einiges anders machen können. Aber die Menschen wollten die schnelle Wiedervereinigung und wer weiß, ob sich dann nicht andere Probleme ergeben hätten. Die Gunst der historischen Stunde musste man nutzen – auch wenn damit für viele Menschen in der Folge auch wirtschaftliche Nachteile verbunden waren. Ich denke, dass wird in ähnlichen Situationen auch künftig so sein: Manche Entscheidungen fallen aus der Situation heraus und man erkennt erst im Nachhinein ihre Dimension und die Größe der Herausforderung. Bei allem aber würde ich sagen, dass es schon schlimmere geschichtliche Entwicklungen gegeben hat, als das, was sich nach 1989/90 abgespielt hat.

Die Idee von der schrittweisen Vereinigung der beiden deutschen Staaten stammt von jenem Mann, der immer wieder als Ihr politischer Ziehvater bezeichnet wird. Stimmt das Wort vom Ziehvater? Und was für ein Verhältnis haben Sie heute zu ihm?

Mit dem Begriff vom Ziehvater kann ich nichts anfangen. Wenn ich einen hätte, würde ich ihn in Reinhard Klimmt sehen, der einmal saarländischer Ministerpräsident und Bundesverkehrsminister war. Er hat mich ins Parlament geholt, bei ihm habe ich erstmals als Minister gearbeitet. Wenn es also so etwas wie einen Ziehvater gibt, ist er es. Oskar Lafontaine und ich sind jetzt in verschiedenen Parteien. Das Verhältnis ist nüchtern, so wie es Parlamentarier zweier miteinander konkurrierender Parteien pflegen. Ich nehme auch nicht wirklich alles ernst, was er sagt. Ich weiß noch, wie er die Dinge gesehen hat, als er SPD-Mitglied und saarländischer Ministerpräsident war. Da hat er ein Konsolidierungsprogramm durchgesetzt, das härter war als alles, was danach kam.

Die deutsche Sozialdemokratie speist sich ideologisch aus verschiedenen Quellen: aus dem Christentum, der humanistischen Philosophie, der Aufklärung, Marxscher Geschichts- und Gesellschaftslehre und den Erfahrungen der Arbeiterbewegung. Welcher Tradition sind Sie besonders verbunden?

Ich fühle mich besonders dem Humanismus zugetan. In der immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind die humanistischen Ideale von Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde ganz, ganz wichtig. Vieles von dem finde ich im demokratischen Sozialismus wieder.

Sie hätten jüngster Ministerpräsident eines Bundeslandes werden können, begnügen sich in der Koalition mit der CDU aber mit dem zweiten Platz. Mangelt es Ihnen an Ehrgeiz?

Maas zusammen mit Ehefrau Corinna.
Maas zusammen mit Ehefrau Corinna.(Foto: picture alliance / dpa)

Fehlgeleiteter Ehrgeiz kann in der Politik oftmals ganz negative Folgen haben. Wir haben uns für eine Große Koalition entschieden, weil sich das Saarland in einer Haushaltsnotlage befindet. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Jamaika-Regierung hatte zuvor ein Großteil des Vertrauens in die Politik verspielt. Diese Regierung war eine wirkliche Chaoskombi. Die Leute haben sich danach nach Seriosität gesehnt. Die Grünen sind völlig zerstritten, die Linkspartei kommt praktisch nicht mehr vor. Vor dem Hintergrund der Probleme des Saarlandes wollten die Menschen eine große Koalition.

Sie haben zweimal Anlauf genommen, Ministerpräsident zu werden, mussten zweimal Niederlagen einstecken. Was treibt Sie an, trotzdem weiterzumachen? Verantwortung für die Partei, fürs Land?

Vielleicht ganz einfach das Bestreben, sich nicht unterkriegen zu lassen. Verantwortung zu übernehmen ist ein großer Begriff, aber im Kern sicher etwas, was mich antreibt. Mein politischer Anspruch lautet: Wer nicht bereit ist, nach politischer Macht zu greifen, wird nie umsetzen können, was er für richtig hält. Natürlich hätten wir lieber eine Regierung angeführt. Ich gehöre aber nicht zu jenen, die sagen: Wahl verloren, jetzt mach ich mal etwas anderes. Ich habe den Anspruch, Dinge umzusetzen, die ich für richtig halte, die sich die SPD auf die Fahne geschrieben hat: Gute Arbeit, faire Bildungschancen, eine bezahlbare und sichere Energiewende. Genau das machen wir jetzt. Das Saarland ist heute wieder ein Stück sozialdemokratischer und gerechter, als die 13 Jahre zuvor.

Sie haben von politischem Anspruch gesprochen. Die Farbe der SPD ist Rot. In letzter Zeit sehe ich auf Veranstaltungen immer öfter ein eher befremdlich wirkendes Lila. Ist das ein Zeichen der Zeit?

(lacht). Das ist definitiv ein Zeichen der Zeit! Alle, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben und sich im Gegensatz zu mir mit Farbsymbolik auskennen, sagen, dass Purpur wirkt und die Menschen anspricht. Es ist eine moderne Farbe für eine moderne Partei.

Wenn ich mir Ihre Umfrageergebnisse ansehe, scheint das eher nicht so positiv zu sein.

Heiko Maas im Gespräch mit Manfred Bleskin.
Heiko Maas im Gespräch mit Manfred Bleskin.

Ich glaube nicht, dass dies an der Farbe der Podiumshintergründe auf SPD-Parteitagen liegt. Ich finde es sowieso blöd, zu sagen, wenn du in der SPD bist, muss deine Lieblingsfarbe Rot sein. Meine Lieblingsfarbe ist Blau. Die Lieblingsblume muss in der SPD immer die Rose sein, meine aber ist die Lilie. Wir sollten uns von diesen Dogmen freischwimmen und aus dem Schubladendenken lösen. Bei der Optik, aber auch bei Inhalten. Die Farbe Rot ist natürlich weiter die bestimmende Farbe in der SPD, auch wenn der Hintergrund auf dem Plakat mal ein anderer Farbtupfer ist. Genauso wie die soziale Gerechtigkeit unser Leitbegriff bleibt. Beides ist gut so.

Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder. Wie viel Zeit bleibt für die Familie?

Eindeutig zu wenig.

Meckert Ihre Frau?

Das ist noch zurückhaltend formuliert an der einen oder anderen Stelle (lacht). Es hört sich vielleicht blöd an: Wenn man ein einigermaßen vernünftiges Familienleben haben will, dann muss man die Familie in die alltägliche Zeitplanung einbeziehen. Ich habe gelernt: Wenn man am Ende der Woche nicht erschrocken feststellen will, dass man sieben Tage und Abende auf politischen Terminen verbracht hat, muss man sich seine Familienzeit ganz bewusst in den Terminkalender eintragen.

Steht dann da "17.00 Uhr Familie"?

Ja. Das ist kein Witz. Das steht so im Kalender. Und das ist mir dann auch heilig.

Sie sind Triathlet. Was machen Sie sonst in Ihrer Freizeit, wenn Sie welche haben?

Ehrlich gesagt: Viel Zeit bleibt nicht. Ich mache natürlich noch ein bisschen Sport. Aber im Wesentlichen versuche ich, die Freizeit mit der Familie, mit den Kindern zu verbringen. Das eine ist sechs, das andere zehn Jahre alt. Die wollen mit Papa Fußball spielen oder sonst was mit ihm machen. Und es ist ihr gutes Recht, auch was vom Papa zu haben ohne Politik.

Wenn jetzt die gute Fee hereingeflogen käme und sagte, Heiko, Du hast einen Wunsch frei. Was wäre Ihre Antwort?

Ich habe mit solchen "Was-wäre-wenn-Fragen" echt immer Probleme. Aber wahrscheinlich würde ich mir ganz einfach wünschen, dass es meiner Familie, meinen Kindern gut geht.

Mit Heiko Maas sprach Manfred Bleskin

Quelle: n-tv.de