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Streitpunkt Schweinegrippe-Impfung"Ich war ja selber verunsichert"

12.11.2009, 21:12 Uhr
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Impfen oder nicht impfen? (Foto: dpa)

Vor vier Wochen sprach sich Dr. Windhorst öffentlich gegen die Schweinegrippe-Impfung mit Pandemrix aus. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt er, warum er sich nun doch impfen lassen hat - und diese 180-Grad-Wende richtig war.

Am 26. Oktober ist in Deutschland die Massenimpfung gegen die Schweinegrippe mit dem umstrittenen Impfstoff Pandemrix angelaufen. Schon zuvor wurde die Frage kontrovers diskutiert: Impfen oder nicht impfen? Klarheit gibt es noch immer nicht. Einer der Experten, die sich zunächst öffentlich gegen die Massenimpfung ausgesprochen haben, war Dr. Theodor Windhorst. Zur Begründung verwies der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Anfang Oktober auf mögliche Risiken der in Pandemrix enthaltenen Zusatzstoffe und erklärte, er selbst werde sich nur gegen die saisonale Wintergrippe impfen lassen. Im Gespräch mit n-tv.de erläutert Windhorst, warum er sich doch gegen das H1N1-Virus impfen lassen hat - und diese 180-Grad-Wende in seinen Augen richtig war.

n-tv.de: Viele Menschen sind noch immer unsicher, ob eine Impfung gegen Schweinegrippe überhaupt sinnvoll ist. Was empfehlen Sie als Mediziner?

Auf jeden Fall impfen. Impfen ist die beste Vorbeugung, gerade für eine Viruserkrankung, für die es sonst keine Medikamente gibt.

Anfang Oktober haben Sie sich noch explizit gegen eine Impfung ausgesprochen und auf die Risiken des Serums Pandemrix verwiesen. Wie kommt es zu diesem Sinneswandel?

Sie haben völlig Recht. Ich war damals aber nicht so ein Hitzkopf, der gesagt hat, nee, nee, das mache ich nicht, weil mir das nicht einleuchtet. Sondern es gab klare Vorgaben im "Arzneimitteltelegramm", einem medizinischen Fachblatt. Das war meine erste große Informationsquelle. Es gab drei Nummern zur Schweinegrippe und in den ersten beiden wurde relativ klar gesagt: Erstmal nicht, nur bei besonderem Wunsch. Und erst jetzt, in der dritten Nummer, wird alles locker. Da sind zwar auch noch Fragezeichen, aber die erst negative Haltung ist völlig konvertiert. Nach dieser ersten Kakophonie von Desinformationen und Widersprüchen haben wir gesagt: Wir machen eine eigene Expertenkommission auf. Da haben wir zusammengetragen, was es alles auf der Informationsseite gibt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Impfung auf keinen Fall ein Feldversuch ist.

Worauf basiert diese Einschätzung?

Das Impfserum ist seit längerem bekannt, der Verstärker ist bekannt, der Haltbarkeitsmacher, das Thiomersal, ist bekannt. Für die Menschen, wenn sie nicht schwanger sind oder Kinder unter sechs Monaten, ist dieser Impfstoff im Moment der Impfstoff, der uns immunisiert und der die Pandemie bekämpfen kann.

In der Schweiz ist Pandemrix für Kinder unter 18 Jahren, Erwachsene über 60 Jahren sowie Schwangere nicht zugelassen.

Wieso die Schweizer so eine spezielle Risikoselektion machen, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die skandinavischen Länder mit mehreren zig Millionen Impfdosen schon seit vier Wochen arbeiten, mit Pandemrix, und es gibt keine systemisch schwerwiegenden Reaktionen bei den Patienten.

Können Sie dennoch nachvollziehen, dass die Bevölkerung stark verunsichert ist?

Absolut. Ich war ja selber verunsichert. Man wird ja misstrauisch, wenn einer hü, einer hott sagt. Da muss eine ganz klare, breite Kampagne laufen, damit man nicht nur die Ärzte mitnimmt, sondern auch die Bewohner dieses Landes.

Warum sind sich die Fachleute so uneinig?

Weil wir einen medizinischen Fortschritt im Impfwesen haben. Wir haben früher ausschließlich Impfstoffe genommen ohne Wirkverstärker in größeren Maßen. Es ist von selbst ernannten Experten etwas hochstilisiert worden auf Basis einer schlechten Informationslage. Ich mache überhaupt keinem Menschen einen Vorwurf. Aber was ich sagen will: Man muss sich informieren, man darf sich nicht durch Zeitungsveröffentlichungen von selbst ernannten Expertengruppen und Verbänden irritieren lassen. Es gibt schon Spezialisten auf diesem Gebiet und wenn wir ein wissenschaftliches Argument haben in der Medizin, dann sollten wir das auch zur Kenntnis nehmen. Das sage ich auch an die Adresse der Ärzte, obwohl ich weiterhin für Therapiefreiheit bin.

Die USA verzichten allerdings genau auf diesen Wirkverstärker.

Dafür haben sie ja auch den Notstand ausrufen müssen, weil kein Impfstoff mehr zur Verfügung steht. Mit einem Wirkverstärker hätten sie die Impfdosen verdoppeln können. Das ist einfach eine Frage der Perspektive: Wo will man hin? Und wir wollten mit einer relativ klaren Menge statt 25 Millionen Impfdosen 50 Millionen Impfdosen herstellen. Das wurde mit dem Wirkstoffverstärker erreicht.

Bislang verläuft die Schweinegrippe in Deutschland in den meisten Fällen sehr mild. Wie gefährlich ist der H1N1-Erreger überhaupt?

Das wird jeder Spezialist erst nach der Pandemie sagen können, wenn es die denn gibt. Wir haben Verläufe in Australien, die sind sehr mild, während in der Ukraine, Mexiko und anderen Ländern sehr aggressiv verlaufende Stämme auftreten. Ich denke auch, wir sind noch vor der Pandemie, deshalb muss man jetzt auch keine Panik bekommen. Schwieriger könnte es ab der zweiten Dezemberwoche werden, wenn die Kälte kommt und vielleicht auch eine Konversion mit dem normalen Grippevirus eintritt.

Ist eine schnelle Mutation des Virus zu befürchten, auch vor dem Hintergrund der verzögerten Lieferung der Impfdosen?

Nein, das ist nicht wahrscheinlich. Weil wir da auch die Erfahrungen aus den Ländern haben, die vor uns diese Pandemie durchgemacht haben.

Wer sollte sich nicht mit Pandemrix impfen lassen?

Es gibt zwei Risikogruppen. Das sind die ganz jungen Kinder unter einem halben Jahr und die Schwangeren. Kinder unter sechs Monaten würde ich als Empfehlung nicht impfen, nur nach Absprache mit einem Kinderarzt. Bei Schwangeren würde ich warten, bis Ende November der neue Impfstoff kommt, der ohne Wirkstoffverstärker und Thiomersal angeboten werden kann.

Impfkritische Ärzte warnen ihre Patienten vor Pandemrix, weil der enthaltene Wirkverstärker Squalen die so genannte Golfkriegskrankheit auslösen könne. Wie ist diese Warnung einzuschätzen?

Seit 1997 wird Squalen als Wirkstoffverstärker gebraucht, zunächst in Italien, dann auch in Deutschland, jetzt bei 40 Millionen Impfdosen des Impfstoffes gegen die Vogelgrippe. Da haben wir mit Squalen also auch eine Mengenerfahrung gemacht. Es kann nicht darauf geschlossen werden, dass das Squalen eine besondere Misswirkung bei der derzeitigen Impflage bringt.

Wie verträglich ist die Impfung gegen die Schweinegrippe, auch mit Blick auf eine normale Grippeimpfung?

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Pandemrix enthält unter anderem den Wirkverstärker Squalen. (Foto: dpa)

Ich habe mich vor drei Wochen impfen lassen, rechts mit dem saisonalen Grippevirus und auf der linken Seite mit dem H1N1-Impfstoff. Bei mir ist individuell überhaupt nichts an Symptomen aufgetreten. Ich kann nur empfehlen, angesichts dieser Symptomschwachheit des Impfstoffs, sich den Schutz zu holen, um den Winter gut zu überstehen. Die Empfehlung ist allerdings, erst die saisonale Impfung und zwei Wochen später dann die spezielle, neue Grippeimpfung durchführen zu lassen. Dann sollten auch die Impfdosen bereitstehen.

Mit Theodor Windhorst sprach Christoph Wolf