Freitag, 23. September 2005
n-tv-Interview: Immendorff: "Betrachter spielt die Hauptrolle"
Mit einer großen Werkschau würdigt Berlins Neue Nationalgalerie den Maler Jörg Immendorff. Anlässlich seines 60. Geburtstags werden ab 23. September mehr als 100 Werke unter dem Titel "Male Lago -unsichtbarer Beitrag" ausgestellt. Das Museum zeigt seine Werke in einer spektakulären, von ihm selbst entworfenen Ausstellungsarchitektur.
Immendorf, der im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geriet, weil er wegen Kokainbesitzes vor Gericht stand, gilt als einer der herausragenden deutschen Maler der Gegenwart. Obwohl er seit Jahren an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidet und teilweise gelähmt ist, hat er nicht aufgehört zu arbeiten als Künstler und als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie.
n-tv.de: Herr Professor Immendorff, was erwartet die Besucher in Ihrer Ausstellung in Berlin?
Jörg Immendorff: Die Besucher erwartet in erster Linie das, was sie mit sich selber anfangen können, wenn sie auf Kunst treffen, bzw. auf Material, was ich zur Verfügung stelle. Gemäß dem Motto von Marcel Duchamp: Bei 50 Prozent eines Kunstwerks spielt der Betrachter die Hauptrolle. Es wird ein Zusammentreffen unterschiedlichster Gruppen und Menschen geben, und da kommt es darauf an, ob Funken überspringen, ob der Besucher auch in sich hineinhört und schaut: Ist er bereit, sich zu öffnen? Was entsteht da für eine Atmosphäre? Wie machen wir klar, dass Kunst nicht nur ein Nebenprodukt in der Gesellschaft ist? Denn meiner Auffassung nach gehört Kunst, also das Kultivieren aller, ganz nach oben.
Wie fühlen Sie sich denn selbst, mit Blick auf diese Ausstellung, es ist ja sicher auch für Sie spannend?
Ja, es ist spannend, allein schon deshalb, weil natürlich die Institution der Nationalgalerie über eine hohe Reputation verfügt. Ich bin sehr froh, dass ich da dieses Projekt realisieren kann. Vom Chef über die Kuratoren, den Freunden und Förderern der Nationalgalerie bis hin zu meinen Mitarbeitern sind alle Beteiligten sehr engagiert. Ich will jetzt nicht wie ein Politiker klingen, der nach der Wahl sagt, ich danke allen Wählern, aber ich darf mich trotzdem bedanken, weil dieses Engagement für mich auch ein Stück ungewohnt ist, weil es so bemerkenswert intensiv ist.
Die Architektur der Neuen Nationalgalerie ist ja fantastisch, aber sehr anspruchsvoll, weil sie von allen Seiten verglast ist, sie ist ja rundherum einsehbar. Die Besucher sind wie Fische, die in einem Aquarium schwimmen. Hier gilt es, eine Situation zu schaffen, in der Neugier geweckt wird, wo aber auch das Gesamtkonzept eine Plausibilität hat.
Die einzelnen Häuser sind strukturiert nach verschiedenen Etappen, sie haben immer eine Art Motto. Die Arbeiten der 60er, die Lidl-Arbeiten, wichtige Bilder wie "Hört auf zu malen", sind Auseinandersetzungen in der Phase, in der besonders intensiv gefragt wurde: Wofür steht die Kunst? Was haben wir von ihr? Warum sind Künstler wichtig für die Gesellschaft? Dieses Haus ist z.B. versehen mit dem Titel "Der Garten macht uns fertig". Also eher eine ambivalente Bezeichnung. Der Garten kann uns ja positiv fertig machen, er kann uns Kraft spenden, Ruhe geben, Konzentration, er kann aber auch durch seine Modrigkeit an den Garten Eden erinnern, von dem an der Mensch sich ja mit seiner Vergänglichkeit auseinander setzen muss und nicht zuletzt auch mit dem Hässlichen, was er in sich trägt. Dieses ständige Ringen, einer guten Spur zu folgen oder einer bösen Spur zu folgen. Das alles steckt da drin.
Ihre Arbeit war ja immer auch sehr zeitgeschichtlich geprägt. Was prägt Ihr Schaffen im Augenblick?
Zeitgeschichtlich würde ich nicht sagen. Es sind natürlich Themen, die vor einem stehen. Aber wenn Sie mit dieser Zeitgeschichte auf meine "Caf Deutschland" -Arbeiten anspielen, so hat mich da ein Thema bewegt, was dann noch weitere elf Jahre brauchte, um in der Realgesellschaft zu landen. Das Niederreißen der Mauer es gibt ja ein Bild, wo ein Arbeiter mit der Spitzhacke von Osten gen Westen die Mauer zerhackt. Ich fühle mich jetzt nicht als Druide, der mit einer Wahrsager-Kugel begnadet ist, aber das ist ein interessantes Phänomen.
Die Themen sind mir immer zugeflogen, ich habe also nicht krampfhaft suchen müssen. Die deutsche Teilung war ja nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern DDR und BRD waren die Stoßstangen der beiden großen Weltautos, nämlich Sowjetunion und USA, die drohten, in Europa aufeinander zu zu rasen. Das war jedem klar und die Situation war ja oft genug sehr dramatisch in den 50er und 60er Jahren. Für mich hatte das eine persönliche Grundlage, denn ich hatte meinen Freund A.R. Penk, der in der DDR Künstler war und ich in der BRD. Uns war nicht einsehbar, warum wir uns nicht dann besuchen konnten, wann wir wollten, so selbstverständliche Fragen: Warum war da eine Mauer? Warum wurden wir daran gehindert? Wir konnten uns keine Informationen zukommen lassen und nur dann gemeinsame Ausstellungen machen, wenn genügend Bilder von Penk herübergeschmuggelt wurden. Was wir ja auch betrieben haben, inklusive meiner Wenigkeit, bei meinem Besuch 1979, im Koffer zwischen der Unterwäsche.
Die Kunst, sofern es sich um Kunst handelt, muss sich immer auch wieder vom Zeitgeist trennen. Mona Lisa ist zu einer bestimmten Zeit entstanden, und das Lächeln und die ganze Magie hinter diesem Lächeln fasziniert heute noch. Kunst muss zeigen, in wie weit sie Zeit und Raum überwinden kann. Gute Kunst hat kein Verfallsdatum, ist also kein Joghurtbecher.
Was sind denn die Themen, die Ihnen im Augenblick zufliegen?
Heute bin ich ja in einer neuen Situation, seit geraumer Zeit, nicht zuletzt wegen meiner Erkrankung. Zu Beginn habe ich mich sehr geweigert, das überhaupt einzusehen, dieses Schicksal anzunehmen. Aber mir bleibt ja gar nichts anderes übrig. Ich habe das angenommen und nutze die Zeit, so intensiv es geht. Das hat dazu geführt, dass meine Arbeitsintensität nicht nachgelassen hat, trotz körperlicher Einschränkung, sondern eher forciert wurde. Ich wurde ja geradezu vor die Aufgabe gestellt, wie kann mein Künstler-Sein trotzdem weiter gedeihen. Wie kann ich meinen Forschungsdrang, meine Neugier weiter befriedigen, weiter in mich hinein horchen und weiter Inspirationen annehmen, die aus meinem Inneren erwachsen.
Wie muss man sich denn Ihre künstlerische Arbeit im Augenblick praktisch vorstellen?
Ich hatte immer eine Affinität zum Theater, zum Inszenieren. Es gab ja Bilder, die gewissermaßen von der Bühne aus "gedreht" wurden, man schaute in den Zuschauerraum hinein, sah die Kunstszene, Künstler, Händler, Museumsleute. Meine Welt also, zu der ich gehöre, aber in der ich mich mitunter auch gefangen fühle. Das will ich auch im Grunde überwinden, jeder gute Künstler will das. Am Ende wird man feststellen müssen, dass man vielleicht nicht mehr als zehn Vertraute, Eingeweihte findet, trotzdem ist der Drang doch immer wieder nach draußen.
Ich habe von Anfang an, schon in den 60er Jahren, als meine studentischen Aktionen anfingen, versucht, die Medien mit einzubauen. Ich wollte meine Positionen unter die Leute bringen. Ich wollte immer offensiv sein. Heute würde ich das so beschreiben: Ich bin Composer, also ich komponiere, mache meine Partituren, lasse meine Noten setzen und erfinde neue Noten. Ich bin dann Dirigent bei der Aufführung, d.h. ich bediene mich Helfern, und passe gut auf, dass sie die Noten nicht falsch lesen und dass am Ende das Stück entsteht, und ausströmt aus dem Produkt, was ich mir nun so vorgestellt habe, da ist die Kontrolle sehr wichtig, wie ist die Temperatur, wie die Handschrift, etc.
Sie unterrichten ja jetzt wieder an der Kunstakademie was bedeutet das für Sie?
Das bedeutet mir sehr viel. Ich habe ja an vielen Orten gelehrt, ich habe elf Jahre lang an einer Hauptschule unterrichtet, nicht nur als Broterwerb sondern aus voller Überzeugung, weil ich immer, wie es damals so schön hieß, an der Seite des jungen Proletariats stehen wollte und das Schöpferische, was dort angelegt ist, fördern wollte. In der Tat muss ich sagen, aus meiner Erinnerung, dass ich über die Jahre auf fantastische Talente gestoßen bin. Die alle, oder die meisten, versandet sind, weil es in diesem sozialen Milieu für die Jugendlichen vor geformte Berufsvorstellungen gab. Mädchen Friseuse, Jungen Kfz-Mechaniker. Und der Horizont der Eltern verständlicherweise begrenzt war. Dann hatte ich viele Gastdozenturen, in der Schweiz, in Norwegen, in Schweden, in Neuseeland, in München, Hamburg, Köln. Das Pädagogische hat mich nicht mehr losgelassen.
Alles ist ja im Grunde Pädagogik. Ihr Vorbild, Ihr Handeln strahlt ja ab, wirft Fragen auf. Das Spannende ist das, woran man sich reiben kann. Und auch das Herausbilden immer neuer Kriterien, um neue Situationen bewerten zu können. Deshalb bin ich mehr denn je überzeugt von der Wichtigkeit meiner pädagogischen Aktivität. Ich habe eine fantastische Klasse, auf einem fantastischen Niveau, das wird nicht nur anhand der Produkte klar. Es zeigt auch, dass wir in Deutschland eine Jugend haben, die nicht nur an den flachen Verlockungen des Systems hängt, sondern die jungen Menschen wollen durchaus idealistisch Perspektiven kennen, sie stellen Fragen: Was mache ich mit meinem Leben? Wo will ich hin? Das ist ermutigend und trägt sicher auch dazu bei, dass ich als Professor und Verantwortlicher immer wieder neu inspiriert werde.
Dass Sie eine Zeitlang nicht unterrichten durften, hängt ja damit zusammen, dass Sie wegen Kokainbesitzes vor Gericht standen, Sie haben ja eine schwierige Zeit hinter sich, waren immer wieder in den Schlagzeilen wie verarbeiten Sie das?
Ich will das nicht im nach hinein bewerten, es gibt von mir keine Kommentare, weder zum Richter, noch zum Verfahren. Einige Medien haben das ja zum Glück fair aufgearbeitet, dazu beigetragen, die Proportionen gerade zu rücken, und mir nicht das Gefühl gegeben, ein Schwerverbrecher zu sein. Das war ein Rückhalt, den ich wirklich brauchen konnte. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, ich habe mich dem Verfahren gestellt, um dafür gerade zu stehen, was ich getan habe. Ich wusste, wenn ich das nicht mache, verliere ich mit Sicherheit meine Professur. Es war ja nicht klar, wie das Strafmaß ausfiel, es ist jetzt unter dem Maß, dass man mich hätte entlassen müssen nach dem Beamtenrecht. Ich bin also wieder tätig und darüber bin ich sehr froh, denn wenn das nicht so gekommen wäre, das wäre zu viel gewesen für mich.
Sie sind trotz Ihrer Erkrankung sehr aktiv, Sie machen jetzt diese Ausstellung, sie unterrichten wieder woher nehmen Sie die Kraft?
Es sind ja einige Gebrechen, die ich habe, und wenn überhaupt bei der Kunst Power eine Rolle spielt, kommt die ja nicht aus dem Fitnessstudio. Ein Maler mit dicken Muskeln hat nicht die Garantie, gute Bilder zu malen. Ich muss nicht erwähnen, dass der Rückhalt meiner Familie eine große Rolle spielt. Es ist so wie es ist. Ich hoffe, dass mich meine Arbeit, meine Bilder weiter treiben, jedes Bild wirft ja neue Fragen auf. Ich bin mir immer im Klaren gewesen, dass ich nicht nach der halben Expedition Schluss mache, das Köfferchen packe und den Weg zurück in den Schoß des Gemütlichen suchen werde. Das kommt für mich nicht in Frage.
Sie haben ein Stipendium zur Erforschung der ALS ins Leben gerufen. Was ist das Ziel dieser Initiative?
Wir wissen, dass ALS bis zum heutigen Tage eine tödlich verlaufende Krankheit ist. Es gibt kein ausgewiesenes Mittel dagegen, keine Therapie. Es gibt verschiedene Ansätze, homöopathische, von der chinesischen Seite. Es gilt, den Verfallsprozess der nötigen Nerven aufzuhalten, die die Muskulatur braucht, auch Atemmuskulatur. Wenn das gelingt, wäre das schon ein sensationeller Erfolg.
Man muss dazu sagen, die Verläufe der ALS sind, wie bei anderen Erkrankungen auch, individuell. Es geht bei manchen erschreckend schnell, die überleben zwei Jahre nicht. Wenn man damit konfrontiert ist, steigt ein ohnmächtiger Zorn in einem auf. Keiner hat Lust, schneller zu gehen als nötig. Ich fühle mich auf der Erde sehr wohl, bei allem Mist, der uns umgibt, genieße ich das Leben. Durch diesen Zorn und auch durch die Kooperation mit Dr. Meyer von der Charit da kam die Idee auf, meine Reputation einzubringen um die entsprechenden Stellen, sprich das Forschungsministerium, zu bewegen, Mittel zu investieren in einen Sektor, in den kaum investiert wird. Es sind zu wenig erkrankt. 6000 reichen der Pharmaindustrie und den Forschungsinstitutionen nicht aus.
Ich muss, obwohl es unangenehm ist, in die Öffentlichkeit, ich stelle mich dem, weil ich für mich dadurch ein schnelleres Herankommen an eine Möglichkeit sehe, und hoffentlich auch andere Betroffene. Dank dieser Initiative arbeiten jetzt zwei Forscher exklusiv an diesem Thema, mit Mitteln, die bisher noch nicht ausreichend sind. Wir stehen vor der Tür, es gibt Medikamente gegen verschiedene neurologische Erkrankungen, aus diesem Medikamenten müsste man mit wissenschaftlichen Reihen herausfiltern, ob es eine Cocktail-Möglichkeit gibt, ob sie sich so kombinieren lassen, dass es zu einem Effekt kommt. Wie bei Aids. Am Anfang gab es nur ein Medikament, Aids blieb tödlich. Es wurde ein Cocktail daraus, heute können Sie mit Aids vielleicht 15, 20 Jahre leben. Dann wäre ich also 80, da wäre mir sehr geholfen, dann könnte ich noch mitkriegen wie meine Kleine in die Schule kommt und könnte dem Lehrer noch an die Krawatte gehen, falls er Mist baut. Diese wissenschaftlichen Reihen bergen große Chancen, aber das kostet eben, mindestens 3 Millionen Euro.
Welches sind Ihre wichtigsten Wünsche für Ihre persönliche Zukunft?
Das liegt im Grunde auf der Hand, ich wünsche mir natürlich Gesundheit. Ich möchte schlicht weiter arbeiten, aber Arbeit begriffen als Umfassendes, als Einbeziehen von Menschen. Trennen wir uns von der Vorstellung, dass Kunst so ein Paradeanzug ist, Kunst ist etwas menschliches und etwas übermenschliches und Bindeglied zwischen Mensch und dem, was nach dem Menschen kommt an Dimension. Sonst bräuchten wir keine Kunst.
Das Gespräch führte Donata Dröge
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