12.02.2012 23:21 Uhr Frankfurt 22:21 Uhr London 17:21 Uhr New York 07:21 Uhr Tokio
Suche
Dossier

Dienstag, 19. Dezember 2006

Immer mehr Kämpfe: In Kabul wächst die Angst

Der US-Botschafter in Kabul hatte vor einem blutigen Sommer in Afghanistan gewarnt, und er sollte recht behalten. Auch der zeitweise von fast täglichen Anschlägen geprägte Herbst hat Ronald Neumann nicht optimistisch gestimmt. "Nächstes Jahr wird wahrscheinlich genauso blutig wie dieses Jahr werden", zitierte die "Financial Times" den US-Vertreter Ende November. "Aber der Kampf ist noch zu gewinnen." Viel Zeit dafür, das Ruder noch herumzuwerfen, bleibt nach Ansicht von Experten nicht mehr. In Kabul wächst die Angst, dass der Demokratisierungsversuch am Hindukusch scheitern könnte - und das Land ins Chaos absinkt.

Anlass zu dieser Befürchtung gibt eine Vielzahl trauriger Rekorde, nie seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 sah es so düster aus in Afghanistan. Über 100 Selbstmordattentäter sprengten sich seit Januar in die Luft, mehr als je zuvor. Früher waren Selbstmordanschläge, deren Stil an den Irak erinnert, am Hindukusch so gut wie unbekannt. Der radikal-islamische Aufstand kostete seit Jahresbeginn etwa 4.000 Menschen das Leben, über vier Mal so viele wie 2005. Erstmals seit dem Fall der Taliban wurden zwei deutsche Journalisten ermordet. Die Drogenproduktion nahm 2006 nach UN-Angaben um fast 50 Prozent zu - mehr als 90 Prozent des weltweit produzierten Opiums, das die Basis für Heroin bildet, ist aus Afghanistan.

Profiteure des Schlafmohnanbaus sind auch die Taliban, die mit den Drogengelder ihren Aufstand finanzieren. Die Rebellen gelten inzwischen als hoch motiviert und gut ausgestattet. Besonders im umkämpften Süden des Landes, wohin die NATO gerne auch deutsche Kampftruppen entsenden würde, brachten die radikal-islamischen Kämpfer der Internationalen Schutztruppe ISAF unerwartet schwere Verluste bei. Rund 190 ausländische Soldaten starben 2006 beim Afghanistan-Einsatz - mehr als in den Jahren 2002 bis 2004 zusammengenommen. 2005 hatten 130 Soldaten der internationalen Truppen ihr Leben am Hindukusch gelassen.

Zwar lehnt die Bundesregierung eine Verlegung deutscher Einheiten nach Südafghanistan vehement ab - Berlin schickte Bagger statt die Bundeswehr und finanziert den Bau einer Straße in der Unruheprovinz Kandahar. Doch in der NATO dürfte im kommenden Jahr der Unmut darüber wachsen, dass die Bundeswehr ihre Arbeit auf die Hauptstadt Kabul und den vergleichsweise ruhigen Norden des Landes beschränkt. Seit die NATO-geführte ISAF im Sommer das Kommando von den US-Truppen im Süden übernahm, sind dort reihenweise Briten und Kanadier gestorben. Fraglich ist, wie lange sie die Last noch schultern können und wollen, ohne auf Kapazitäten des drittgrößten ISAF-Truppenstellers zurückzugreifen - das ist mit 2900 Soldaten Deutschland.

Die weitere Entwicklung im Süden gilt als ausschlaggebend für die Zukunft Afghanistans. Gebrochene Versprechen der afghanischen Regierung und der Internationalen Gemeinschaft sind der Grund, warum die Lage dort so verfahren ist: Der Wiederaufbau blieb weitgehend aus, frustrierte Paschtunen wandten sich den Rebellen zu. Die Internationale Gemeinschaft habe sich zu sehr auf das Militär verlassen und zu wenig für die Entwicklung der Region unternommen, sagte vor kurzem ISAF-Kommandeur David Richards. Zwar sei der Süden riskantes Gebiet. "Aber fangen Sie bitte doch damit mal an, weil das Militär ab einem gewissen Punkt nichts weiter erreichen kann."

Schneller Wiederaufbau im Süden, der an die Bedürfnisse der Menschen angepasst wird - "das ist der einzige Weg, das Land noch zu retten", sagte ein deutscher Entwicklungshelfer. "Wir müssen so schnell wie möglich aus der Kriegsfalle raus." Viel Zeit bleibe nicht, sagte der Landeskenner, der seit Jahren in Afghanistan lebt und arbeitet, im August. "Ich glaube, dass wir vielleicht noch ein Jahr Zeit zum Umsteuern haben." Sonst würden die radikalen Kräfte flächendeckend die Oberhand gewinnen. "Dann wird es zum Dschihad (Heiligen Krieg) gegen die Ausländer kommen."

Can Merey, dpa

Artikel versenden

Immer mehr Kämpfe: In Kabul wächst die Angst

Empfänger
Ihre Informationen
Persönliche Mitteilung

Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.