Donnerstag, 02. Februar 2006
Wegen Mohammed-Karikaturen: Internet-Portale geknackt
Das größte deutsche Internetportal zu jüdischen Themen, Nahostpolitik, Bekämpfung von Antisemitismus und rechtem Extremismus ist geknackt und völlig gelöscht worden. "Die IP-Adresse, von der aus eine entsprechende Datei eingesetzt worden ist, alles Material auf dem Portal seit Donnerstagmorgen 5 Uhr führt nach Katar", sagt David Gall, Betreiber des Portals, das teilweise mit öffentlichen Geldern gefördert wird.
Hagalil.com hatte - wie viele andere Internetseiten auch - die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlich, daneben aber auch antisemitische und antiamerikanische Karikaturen aus der arabischen Welt gestellt. Diese Art zu terrorisieren, zu hetzen und zu drohen, wie das in der ganzen arabischen Welt infolge der veröffentlichten Karikaturen geschieht, "gefällt mir überhaupt nicht", sagt Gall. "Vielleicht sollte der Westen auch mal beleidigt reagieren auf die unbeschreibliche Hetze mitsamt Beleidigungen, die täglich in der arabischen Welt veröffentlicht werden."
"Ich vermute, dass Hagalil aus politischen Gründen zerstört wurde", meinte Gall. "Es ist doch verrückt, dass in Jemen 150.000 Menschen auf die Straße gehen, nur weil eine Zeitung in Aarhus ein paar Karikaturen veröffentlicht. Die dürften kaum wissen, wo Aarhus liegt. Ich weiß es selber nicht."
Hagalil sei "nun wirklich nicht als Islamfresser bekannt" und habe sich inzwischen zehn Jahre lang eher darauf konzentriert "das Nazipack" in Deutschland zu bekämpfen. Durch das Virus aus Katar sei jetzt auch die Seite "Klick nach Rechts" verloren gegangen, wo jeder Bürger neonazistische Vorfälle melden konnte. "Ich hoffe, dass wir Sicherheitskopieren für alles Material besitzen. In jedem Fall bedeutet es sehr viel Arbeit, alles wiederherzustellen."
Nach Angaben von Gall wurde das Landeskriminalamt eingeschaltet. Das will an Katar ein Rechtshilfeersuchen schicken, "wegen Schädigung". Große Hoffnung macht Gall sich allerdings nicht. "Es ist doch unglaublich, dass da jemand aus Katar dahergeht und einfach jahrelange Arbeit von anderen zerstört."
Auch "France Soir" geknackt
Doch nicht genug: auch die Internetseite der französischen Zeitung "France Soir" war plötzlich nicht mehr zu sehen. "Wir sind tatsächlich verschwunden", sagte erstaunt der Pförtner bei "France Soir". Die Zeitung hatte die umstrittenen Karikaturen der dänischen Zeitung veröffentlicht, ihr Chefredakteur wurde daraufhin auf der Stelle entlassen. Bei der Informatik Abteilung erklärte der Gesprächspartner sehr stolz: "Wir sind die einzige französische Zeitung mit einem echten Internet-Portal."
Doch als der Techniker auf die Seite schauen wollte, wurde ihm schwarz vor Augen. Sein Portal war spurlos verschwunden. "Das ist nicht normal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich um ein technisches Problem handelt. Wahrscheinlich haben Piraten unsere Seite gelöscht", sagte der Techniker. Als er von dem Hackerangriff aus Katar auf das deutsch-jüdische Portal "Hagalil" hörte, sagte er gleich: "Ja, die in Katar sind ganz besonders wütend auf uns, weil wir diese Karikaturen veröffentlicht haben."
Eine dänische Journalistin in Tel Aviv sagte: "Ich verstehe nicht, warum der Sender Al Dschasira ausgerechnet jetzt die Geschichte mit den Karikaturen so hoch spielt. Die Karikaturen sind schließlich schon im vergangenen September erschienen und hatten damals keinerlei Aufsehen erregt."
(Ulrich W. Sahm, Jerusalem)
