Gen-Reis und GammelfleichLebensmittelskandale
Verbraucher wissen nicht mehr worauf sie vertrauen können und sind dementsprechend verunsichert. Richtlinien und Kontrollen scheinen nicht auszureichen.
"Guten Appetit!" Dieser Wunsch mag manchem Verbraucher derzeit im Hals stecken bleiben - bei immer mehr Gammelfleisch. Nun kommt auch noch gentechnisch veränderter Reis hinzu, der in Discountermärkten gefunden wird, obwohl er in Europa verboten ist. Die Konsumenten sind verunsichert. "Wenn es um Verbraucherschutz und Gesundheit geht, brauchen wir einen starken Staat", fordert Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU). Sein bayerischer Kollege Werner Schnappauf (CSU) kündigt nach dem Münchner Skandal Sofortmaßnahmen an. Bund und Länder überschlagen sich mit Konsequenzen.
Was hat der Skandal um Gammelfleisch mit Gen-Reis zu tun? Das verdorbene Fleisch in Bayern wurde bei Großhändlern entdeckt. Von "krimineller Energie" ist die Rede. Aus Sicht von Seehofer haben die Lebensmittelkontrollen nicht funktioniert. Der nicht zugelassene Reis LL601 aus den USA ist dagegen nicht vergammelt, er ist gentechnisch verändert. Im Gegensatz zum Fleisch geriet der nicht zugelassene Reis bereits in den Handel. Der Discounter Aldi nahm die Ware in Norddeutschland und im Großraum Berlin aus dem Handel. Eine Gemeinsamkeit gibt es allerdings: Auch bei den Gammelfleischfunden liegen bisher keine Angaben über Gesundheitsgefahren vor.
Wie der Gen-Reis nach Deutschland kam, ist noch unklar. Nach Angaben der Bayer-Tochterfirma CropScience, die nach einer Firmenübernahme die Rechte an dem Reis LL601 hat, wird diese Sorte weltweit weder angebaut noch vermarktet. Der Gen-Reis war ein Vorläufer für einen Reis, der im europäischen Zulassungsverfahren ist. Damit durfte er nicht für den Handel bestimmt sein. Das Gammelfleisch war jedoch für Döner vorgesehen. Die Auswirkungen der Verunreinigung von Gentechnik sind bisher noch wenig untersucht. Seehofer will daher Forschung und Anwendung unter Einhaltung von Regeln befördern. Grüne und Verbraucherschützer befürchten ungewollte Veränderungen bei Genmanipulationen.
Die Verbraucherorganisation Foodwatch hält die von Bund und Ländern vereinbarte Verbesserung der Kontrolle mit Standards nicht für die schlagkräftigste Aktion. Mangelnde Transparenz und fehlende Verbraucherrechte sind für sie die größten Defizite. "Das ist ein unterentwickelter Markt, der beherrscht wird von Händlern und Herstellern", sagt Foodwatch-Chef Thilo Bode. Die Verbraucher müssten die Qualität von Lebensmitteln selbst messen können. "Wenn die lückenlose Rückverfolgbarkeit transparent und die Haftung klar geregelt ist, würde die Selbststeuerung funktionieren."
Wer künftig einen Döner mit Reis isst, kann auf das Verbraucherinformationsgesetz hoffen. Der Bundesrat entscheidet am 22. September darüber, die Namen "schwarzer Schafe" der Lebensmittelbranche einfacher zu veröffentlichen. Ob bis dahin allerdings auch die Herkunft des Gen-Reis geklärt ist, bleibt offen.
Von Marc-Oliver von Riegen, dpa