Politik

Interview mit Martin Kannegiesser: "Man kann nicht einfach Löhne erhöhen"

Wenn es so einfach wäre, Auslands- durch Binnennachfrage zu ersetzen, "dann müsste man bei uns viele Fabriken abreißen, neue bauen und die Arbeitsplätze umstrukturieren", sagt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Gespräch mit Manfred Bleskin. Mit Blick auf die Äußerungen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin betont Kannegiesser: "Ich bin mit Pauschalierungen aller Art vorsichtig."

Martin Kannegiesser ist Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall.
Martin Kannegiesser ist Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall.(Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Bislang waren die Metall- und Elektroindustrie, die chemische Industrie und der öffentliche Dienst richtungweisend für die Tarifverhandlungen. Nun prescht die Stahlbranche vor. Was sagen Sie, wenn die IG Metall Ihnen auch eine 6-Prozent-Forderung präsentiert?

Martin Kannegiesser: Bei uns stehen erst in knapp zwei Jahren wieder Tarifverhandlungen an. Wir sind aber die wichtigsten Abnehmer der Stahlbranche. Deshalb sind wir auch von dem betroffen, was dort passiert. Die Stahlbranche kommt aus einem ganz tiefen Tal. Es erleichtert uns alle, dass es wieder aufwärts geht. Aber man kann nicht sagen, na, dann machen wir mal weiter "wie einst im Mai", alles wird prima. Deshalb ist es wichtig, dass das Ganze von beiden Seiten mit Augenmaß angegangen wird. Niemand kann sagen, ob der Aufschwung stabil ist. Ich bin froh, dass wir in dieser Phase nicht Tarifverhandlungen führen müssen.

Der Aufschwung basiert zu einem Großteil auf dem Export. Neben den USA können ja auch Länder wie China Probleme bekommen. Wäre es da nicht angebracht, Löhne und Gehälter zu erhöhen und mögliche Exportverluste durch eine Erhöhung der Binnennachfrage auszugleichen? Die Binnennachfrage ist ja der Hinkefuß der Wirtschaft. In den USA basiert die Wirtschaft zu 70 Prozent auf dem Binnenkonsum, bei uns ist es umgekehrt.

Aber es sind die USA, die im Augenblick am meisten hinken. Wenn das so einfach wäre, Auslands- durch Binnennachfrage zu ersetzen, dann müsste man bei uns viele Fabriken abreißen, neue bauen und die Arbeitsplätze umstrukturieren. Unsere stark auf Investitionsgüter und Technik ausgerichteten Strukturen kann man nicht einfach durch einen Willensakt ändern. Investitionsgüter setzten sich aus vielen einzelnen Spezialsegmenten zusammen. Da erreicht das einzelne Unternehmen die kritische Masse nur, wenn es weltweit operiert, denn Deutschland ist ein relativ kleiner Markt. Ich mache mir da keine großen Sorgen. Bestimmte Sektoren werden wachsen: Dienstleistungen, Bildung, Gesundheit, Altenpflege. Diese Segmente werden zu einem Großteil finanziert durch die Einkommen, die dort entstehen, wo unsere Stärken liegen, und mit denen wir uns weltweit in die Arbeitsteilung eingeklinkt haben. Wir stehen damit also im weltweiten Wettbewerb. Man kann nicht einfach Löhne erhöhen. Löhne sind zwar Einkommen und Kaufkraft, aber eben auch Kosten. Das muss im Gleichgewicht bleiben.

Manfred Bleskin im Gespräch mit Martin Kannegiesser.
Manfred Bleskin im Gespräch mit Martin Kannegiesser.

Die Reallöhne sind in Deutschland aber in den vergangenen Jahren gesunken.

Aber nicht in unserem Bereich. Da sind sie in den vergangenen zwanzig Jahren real um 20 Prozent gestiegen. Unsere Arbeitnehmer sind weltweit die bestbezahlten. Die Entwicklung der Löhne spiegelt aber auch die Qualifikationsstruktur wider. In den letzten zehn, zwanzig Jahren ist ein Problem mit den Geringqualifizierten hinzugekommen, die den größten Anteil an den Langzeitarbeitslosen haben. Da sind die Löhne geringer. Es ging ja darum, zunächst einmal Arbeit zu schaffen. Diese Arbeitsplätze wurden subventioniert, aber man musste ja überhaupt Arbeit erst schaffen. So hat sich der Durchschnitt verschoben.

Was ist die Ursache für die niedrige Qualifikation? Das Bildungssystem? Oder sind Arbeitsplätze, die eine niedrige Qualifikation erfordern, weggefallen?

Das bedingt sich gegenseitig. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich ein Riesenwandel auf den Weltarbeitsmärkten vollzogen. Nach 1989/90 sind 1,8 Milliarden Menschen in die Weltwirtschaft einbezogen worden, die vorher isoliert waren. Die haben sich zunächst mit Produkten und Leistungen eingebracht, die eher geringere Qualifikation verlangt haben. Bei der Wahl zwischen zwei Produkten haben die Kunden mit der Brieftasche abgestimmt. In den Wirtschaftsstrukturen gab es einen Wandel mit Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt. Es liegt also nicht allein am Bildungssystem. Wenn wir aber wissen, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt, dann müssen wir Arbeitsmarkt, Bildung und Ausbildung darauf einstellen. Vieles wird getan, aber noch nicht genug. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb und wollen uns dort bewähren, wie es auch die Lissabon-Strategie vorsieht.

In der Lissabon-Strategie ist auch das Ziel der Vollbeschäftigung in der EU festgeschrieben.

Arbeitslosigkeit ist für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft ein schlimmes soziales Problem. Insofern muss ein hoher Beschäftigungsstand immer das Ziel sein. Das war eines unserer Motive beim Krisenmanagement der vergangenen 18 Monate. Wir haben gesagt: Wenn wir nicht auseinanderfallen wollen, muss die Beschäftigungssicherung einen ganz hohen Stellenwert haben. Vollbeschäftigung zu erreichen ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die demographische Entwicklung wird das Arbeitskräfteangebot tendenziell verknappen. Wenn aus dieser Verknappung aber nicht Leistung und Wettbewerbsfähigkeit entsteht, werden wir dramatisch abstürzen. Man kommt nicht in der Hängematte zu Vollbeschäftigung.

Können wir Leistungsbereitschaft fördern, wenn wir uns längerfristig auf Leiharbeit stützen, die niedriger bezahlt wird als Festarbeit?

Zeitarbeit war stets als Instrument zum vorübergehenden Ausgleich von Ungleichgewichten gedacht. Es war nie die Absicht, eine Reservearmee mit niedrigen Löhnen zu schaffen. Das darf es auch nicht sein. Wer sein Geschäftsmodell auf Zeitarbeit aufbaut, liegt falsch. Aber: Wenn in bestimmten Bereichen die Kosten zu hoch sind, müssen diese Bereiche außer Landes gehen, wie bei der Textilindustrie. Oder man muss für den betreffenden Bereich niedrige Löhne einführen. Das geht auf Dauer aber nicht durch Zeitarbeit. Das wäre Etikettenschwindel. Wenn wir bestimmte Bereiche mit Einfachtätigkeiten im Lande behalten wollen, weil das sozusagen zum Gesamtpaket gehört, dann muss man diese Arbeit entweder subventionieren oder sie kostenbewusst senken.

Menschen mit niedriger Qualifikation, auch mit Migrationshintergrund, müssen motiviert werden. Sarrazin sagt aber, die wären "bildungsfern", die wollten sich gar nicht motivieren lassen.

Ich bin mit Pauschalierungen aller Art vorsichtig. Wir wissen, dass es in manchen Bevölkerungsschichten tatsächlich schwierig ist, Menschen zu motivieren, wenn das nicht schon von Kindheit an passiert. Aber in unserer Wirtschaftsgeschichte waren es immer bildungsferne Schichten, die man motivieren und an bestimmte Arbeiten heranführen musste und konnte. Man kann Menschen nicht einfach aufgeben. Das können wir uns gar nicht erlauben. Heute gibt es viele Menschen aus ehemals bildungsfernen Schichten, die Aufgaben auf höchstem Qualifikationsniveau übernehmen. Aber es wird auch weiter Bereiche mit einfachen Arbeiten geben, für die wir Angebote machen müssen. Das ist besser, als Menschen zu alimentieren. Wir müssen hier und da vielleicht auch einen gewissen Druck ausüben, aber eben auch Beschäftigungsmöglichkeiten anbieten. Das Konzept des Forderns und Förderns ist auch hier genau das Richtige.

Die Krise, die wir - vielleicht noch nicht ganz - hinter uns haben, ist auf verantwortungslose, hoch risikobehaftete Finanztransaktionen zu rückzuführen. Hat die Bundesregierung aus der Sicht der Realwirtschaft genug getan, so etwas künftig zu verhindern?

Sicherlich noch nicht in allen Bereichen. Aber ich denke, dass die richtigen Weichenstellungen erfolgt sind. Angefangen in der Großen Koalition - Stichwort: Steinbrück, mit dem sich das ja sehr stark identifiziert. Andererseits ist man von internationalen Einigungsprozessen abhängig. Wir in der Realwirtschaft sind von der Stabilität der Finanzwirtschaft immer noch nicht ganz überzeugt. Wir sind misstrauisch, ob die Finanzwirtschaft - wenn es darauf ankommt - lieber Risiken mit profitträchtigen Finanzprodukten eingeht als mit der Realwirtschaft. Das hat die Politik sicherlich auch so im Auge, auch von der Bundeskanzlerin ist das so artikuliert worden.

Mit Martin Kannegiesser sprach Manfred Bleskin

Quelle: n-tv.de