Politik
Der Todesstreifen an der früheren innerdeutschen Grenze (Museum in Mödlareuth).
Der Todesstreifen an der früheren innerdeutschen Grenze (Museum in Mödlareuth).(Foto: picture-alliance/ dpa)
Sonntag, 19. Juli 2009

Vom Klassenzimmer an den Todesstreifen: "Mit dem Rad Geschichte erfahren"

"Da blitzen Scheinwerfer auf, plötzlich alles taghell und Rufe und Schüsse und Hundegebell. Hinter Sperrgraben, Minen, Stacheldrahtverhau'n im Lichtkegel gestrandet am letzten Zaun", singt der Liedermacher Reinhard Mey. Sein Stück "Grenze" zieht sich wie ein roter Faden durch einen neuen Dokumentarfilm, für den der Fotograf Jürgen Ritter und der Journalist Dietrich Zarft Schüler der zwölften Klasse auf einer Radtour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze begleitet haben.

Entstanden ist ein filmischer Appell gegen das Vergessen, die Spurensuche einer Generation, die das geteilte Deutschland nicht mehr aus eigener Anschauung kennt. "Junge Leute müssen wieder über Freiheit reden", erklärt Ritter die Motivation für den Film "Mit dem Rad Geschichte erfahren". Es sei schwer zu verstehen, dass SED-Diktatur, Überwachung, politische Haft, Flüchtlinge, Todesopfer an der Grenze und menschliche Schicksale in der DDR immer seltener Thema im wiedervereinten Deutschland seien. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wollten viele Menschen lieber in der Nostalgie des DDR-Alltags schwelgen, glaubt Ritter. "Sich heute hinzustellen und zu sagen 'das war gar nicht so schlecht', ist Geschichtsklitterung."

Große Wissenslücken

Grenzfotograf Ritter.
Grenzfotograf Ritter.(Foto: dpa)

Für Aufsehen sorgte vor einem Jahr eine Studie der Freien Universität Berlin (FU), die bei Schülern große Wissenslücken beim Thema DDR offenbarte. Der ehemalige Bundeskanzler und SPD-Chef Willy Brandt wurde von vielen als berühmter DDR-Politiker bezeichnet und die Staatssicherheit (Stasi) als gewöhnlicher Geheimdienst. Andere meinten, dass es unter Staats- und Parteichef Erich Honecker in der DDR demokratische Wahlen gegeben habe. Die FU-Studie, für die mehr als 5200 Jugendliche befragt wurden, enthüllte auch, dass es zwischen Kenntnisstand und Urteil einen Zusammenhang gibt: Wer wenig weiß, beurteilt die DDR positiver.

Hautnahe Wissensvermittlung

Lehrer Klaus-Jürgen Wetz von der Max-Beckmann-Schule in Frankfurt/Main wollte seinem Leistungskurs Geschichte deshalb möglichst viel Wissen über die deutsche Teilung und die friedliche Revolution vermitteln. "Ich glaube, dass man auf so einer hautnahen, authentischen Tour, auf der man Zeitzeugen erleben und Grenzmuseen besichtigen kann, diese Zusammenhänge besser erfährt als durch trockene Schulbücher." Mit 20 Schülern verließ Wetz das Klassenzimmer und folgte der ehemaligen Grenze zwischen Hessen und Thüringen auf dem Rad.

Ritter, der für seine Grenzfotografien mit dem Bürgerpreis zur Deutschen Einheit ausgezeichnet worden ist, und seinen Partner Zarft begeisterte das Projekt so sehr, dass sie den Schülern auf Schritt und Tritt mit der Kamera folgten. Ohne engagierte Lehrer bliebe die jüngere deutsche Geschichte oft auf der Strecke, meint der Filmemacher. "Wir wollten zeigen, dass es möglich ist, Leute zu treffen und sich zu informieren."

Flüchtlinge, Stacheldraht und Stasi

In dem 50-Minuten-Film lauschen die Schüler gebannt einem ehemaligen Grenzsoldaten, der beteuert, selbst Angst gehabt zu haben. Sie erfahren von einem Flüchtling, wie Partei und Stasi den zurückgebliebenen Eltern das Leben zur Hölle machten. Sie besuchen die Stellen, an denen Menschen beim Versuch, die Grenze zu überqueren ihr Leben ließen, oder sie bestaunen ein aus Grenzzaun und Stacheldraht geschweißtes Kreuz, mit dem einst ein mutiger Montagsdemonstrant auf die Straße ging.

Der Unterricht vor Ort verfehlte seine Wirkung nicht: "Mir ist erst so richtig bewusst geworden, dass so eine schreckliche Diktatur doch so nah war", sagt zum Beispiel der Schüler Yves Erhart. Jürgen Ritter will sich deshalb dafür einsetzen, dass der Film im Unterricht gezeigt wird: "Mein großer Traum ist, dass die jungen Leute in den Schulen den Film sehen, vielleicht selbst so eine Tour machen."

Quelle: n-tv.de