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Leere Taschen, Hunger, SchamNeue Armut Hartz IV

16.10.2006, 17:27 Uhr

Das Schlimmste an der sozialen Verelendung ist, dass eine ganze Schicht von Menschen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen ist, weil sie nicht mehr an Bildungs- und Freizeitangeboten teilnehmen kann.

In der endlos langen, eintönigen Plattenbausiedlung gleicht nicht nur ein Haus, sondern auch ein Schicksal dem anderen: Wolfen-Nord in Sachsen-Anhalt, eines der Gebiete Ostdeutschlands, wo die Armut am größten ist. Fast 20 Prozent der Erwerbsfähigen sind Hartz IV-Empfänger. Pfarrer Matthias Seifert spricht nicht gerne über die Atmosphäre in seiner Gemeinde in einer der am stärksten schrumpfenden Städte Deutschlands. "Die Grundstimmung ist ziemlich trübe, die Leute sind sehr enttäuscht, die meisten leben schon in der zweiten Generation ohne Arbeit."

Der Abstieg des Stadtteils, der zu DDR-Zeiten für die Arbeiter der Filmfabrik ORWO und des Chemiekombinats Bitterfeld buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde, begann nach der Wende mit dem Abbau tausender Arbeitsplätze. Der Abwärtssog erfasste fast alle Bereiche, vor allem aber das soziale Umfeld: Lebten dort Anfang der 1990er Jahre noch 34.000 Menschen, sind es heute nur noch 12.000.

Für den evangelischen Pfarrer Seifert, der den Menschen vor allem als Sozialarbeiter helfen will, liegt das Hauptproblem der brachliegenden, von hoher Abwanderung und Alterung betroffenen Gebiete in den neuen Bundesländern in der Globalisierung. "Um die Ecke von uns, im neuen Chemie-Dreieck, werden täglich hunderte Jobs angeboten, aber nur für hochqualifizierte Bewerber und die haben wir hier kaum." Deshalb fühlten sich die Menschen, die er betreut, immer mehr ausgeschlossen.

Längst wurde für die "Übriggebliebenen", die aus finanziellen Gründen in Wolfen-Nord bleiben müssen, ein Netzwerk gegründet, unter dessen Dach Kirche, Behörden und Sozialdienste an einem Strang ziehen. Manchem konnte so wenigstens ein Ein-Euro-Job vermittelt werden. Hartz IV habe das Fass jedoch zum Überlaufen gebracht, berichtet Seifert. "Wir hängen am bürokratischen Tropf." Während die Behörden früher noch mit einem einzigen Laufzettel etwas erreicht hätten, seien heute Berge von Akten nötig. Seiferts Fazit: "Hoffnungsfroh ist da niemand mehr und wir können nicht mehr helfen."

Die Auswirkungen der neuen Ausweglosigkeit sind in Sachsen-Anhalt mit einer Arbeitslosenquote von 17,5 Prozent auch in Gegenden spürbar, wo es noch keine ausgewiesenen sozialen Brennpunkte gibt, beispielsweise in der Landeshauptstadt Magdeburg. Fast 40.000 der 226.000 Einwohner werden mit staatlichen Geldern unterstützt, Tendenz aufwärts. "Das Alarmierende sind allerdings nicht die nackten Zahlen, sondern die Anzeichen zunehmender Armut: Die Menschen gehen nicht mehr zum Arzt, sie holen ihre Kinder nicht nach, sondern vor dem Mittagessen von der Kindertagesstätte ab, sie ziehen sich immer mehr zurück, auch, weil sie sich schämen und haben oft große Alkoholprobleme", berichtet Hans-Jürgen Villard vom Magdeburger Sozialamt. "Hartz IV klingt in den Ohren Ostdeutscher viel schlimmer als Sozialhilfe."

Die neue Armut hat auch städtebauliche Folgen: Geschlossene Läden, weggezogene Sparkassen, fehlende Gastronomie sowie eine zunehmende Ghettoisierung bestimmter Stadtteile. "Problematisch wird es, wenn der Zigarettenautomat die einzige Infrastruktur ist", sagt Villard und warnt vor Schlafstädten mit dem Supermarkt als wichtigstem öffentlichen Treffpunkt. "Es gibt Familien, wo nur die Kinder morgens aufstehen", bestätigt auch Sven Spier vom Paritätischen Wohlfahrtverband Sachsen-Anhalts. "Schwerwiegender als das fehlende Einkommen ist, dass die Langzeit-Arbeitslosen Kontakte und Tagesstruktur verlieren." In diesem Leben richteten sich mittlerweile auch viele Jugendliche ein. Die Welt vieler sei: "Das Geld kommt vom Staat und man kommt auch klar damit."

Nicht allerdings, wenn die materielle Not so groß ist, dass kaum noch Lebensmittel gekauft werden können. "Es gibt Hunger in Sachsen-Anhalt, Menschen, die nicht mehr genug zu essen haben", betont Pfarrer Seifert. Die 22 Tafeln im Bundesland und zahlreiche Suppenküchen würden immer mehr frequentiert. Der Kirchenpräsident der evangelischen Kirche Anhalts, Helge Klassohn, hat schon seit mindestens drei Jahren zahlreiche Indikatoren ausgemacht, dass der soziale Status "sehr vieler Menschen" in den neuen Bundesländern zurückgeht. "Das Schlimmste an der sozialen Verelendung ist, dass eine ganze Schicht von Menschen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen ist, weil sie nicht mehr an Bildungs- und Freizeitangeboten teilnehmen kann."

(von Sabine Heimgärtner und Melanie Montag, dpa)