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"Das Fass ist übergelaufen"Peres' Fauxpas

09.05.2006, 18:35 Uhr

Israels Vize-Regierungschef Peres verstieß gegen ein Redeverbot des ehemaligen Ministerpräsidenten Scharon, die Minister dürften sich nicht öffentlich zu Irans Atompolitik äußern.

"Seid vorsichtig mit euren Drohungen (Israel zerstören zu wollen), auch Iran kann zerstört werden." Ohne das tabuisierte A-Wort in den Mund zu nehmen, war klar, was der Vater der israelischen Atomindustrie meinte. Israels Vize-Regierungschef Schimon Peres, fast 84 Jahre alt und im neuen Kabinett Ehud Olmerts für die Förderung von Galiläa und der Negev-Wüste verantwortlich, verstieß so gegen ein Redeverbot des ehemaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, die Minister dürften sich nicht öffentlich zu Irans Atompolitik äußern.

"Das Fass ist übergelaufen", reagierte der Oberkommandierende der israelischen Armee, Dan Halutz. Obgleich ihm als Militär nicht zusteht, Politiker zu kritisieren, sagte er, dass Peres bis "hart an die Grenze dessen gegangen sei, was Israel noch nicht zu konkreten Schritten verpflichte". Halutz forderte, zum Militärpotential Israels Schweigen zu bewahren.

Das offizielle Israel reagiert seit einem Jahr auf iranische Drohungen mit eisernem Schweigen. Ministerpräsident Olmert machte eine Ausnahme, indem er kürzlich gegenüber der "Bild"-Zeitung den iranischen Präsidenten einen Psychopaten nannte und ihn so gefährlich einstufte wie Hitler. Doch direkte militärische Drohungen, etwa einer präventiven Zerstörung der Atomanlagen oder eines Zweitschlags waren bestenfalls Pressespekulationen, mit so genannten "Geheimdienstkreisen" als Quellenangabe.

Weltweites Aufsehen erregte ein Bericht der britischen "Sunday Times". Da hätten israelische Geheimdienstleute über einen Plan nachgedacht, erst Iran zu bombardieren und dann Bodentruppen per Hubschrauber, über das feindliche Syrien hinweg, 2.000 Kilometer weit, nach Iran zu verlegen. Selbst ein Gefreiter der Bundeswehr weiß, dass die Verlegung von großen Kampfverbänden per Hubschrauber von Berlin nach Palermo auf Sizilien ohne Auftanken und Pause reiner Quatsch ist.

Im gleichen Artikel wurde auch behauptet, dass die Amerikaner mit ihren 180.000 Truppen im Irak und Flugzeugträgern im Persischen Golf "unfähig" zu einem Schlag gegen Iran seien, "weil sie nicht genügend Soldaten zur Verfügung hätten". Nach Angaben des britischen Forschungszentrums Janes besteht freilich die gesamte israelische Armee nur aus 170.000 Soldaten. Hinzu kommt, dass Israels "bunkerbrechende Bomben", aus den USA stammen. Es ist anzunehmen, dass die Amerikaner ihre eigenen Waffen mindestens ebenso gut bedienen können wie die Israelis. Erst als Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac damit drohte, "Terroristen" zur Not auch mit Atomwaffen zu bekämpfen und US-Präsident George W. Bush seine eigene "militärische Option" auf den Tisch legte, wurde es Still um Mutmaßungen zu einem israelischen Angriff -.bis zu den Äußerungen von Peres.

Der Altpolitiker reagierte auf die Erklärung des iranischen Admirals Mohammad-Ibrahim Dehqani. Der drohte, nach einem US-Schlag Israel als erstes angreifen zu wollen. Dehqani behauptete auch, dass das kleine Israel mit einer Atombombe ausgelöscht werden könne, während die riesige Welt des Islam "nur beschädigt" würde. Peres dürfte deshalb eher einen israelischen Zweitschlag gemeint haben.

Israel hat niemals eingestanden, Atomwaffen zu besitzen. Seit 30 Jahren betreibt der jüdische Staat eine Politik der Zweideutigkeit. Zwecks Abschreckung belässt Israel seine potentiellen Feinde im Glauben, die "ultimative Waffe" zu besitzen. Diese "Gewissheit" soll den ehemaligen ägyptischen Staatschef Anwar el Sadat davon überzeugt haben, "die Juden nicht mehr ins Meer werfen" zu können, wie es sein Vorgänger Gamal Abdel Nasser beabsichtigte. Deshalb habe Sadat mit Israel Frieden geschlossen.

Spätestens seit den Enthüllungen des Atomspions Mordechai Vanunu hat Israels Politik der Zweideutigkeit Risse bekommen. Die Welt ist fest überzeugt, dass Israel zwischen 200 und 300 Nuklearbomben und entsprechende Trägerwaffen wie Raketen, Flugzeuge und deutsche Dolfin-U-Boote besitzt.

Ulrich W. Sahm, Jerusalem