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Deutsche Schüler schneiden im Pisa-Test besser ab als noch vor zehn Jahren.
Deutsche Schüler schneiden im Pisa-Test besser ab als noch vor zehn Jahren.(Foto: ddp)

Soziales Umfeld entscheidet: Pisa-Chef will nur noch die besten Lehrer

Auch wenn deutsche Schüler in der Pisa-Studie aufgeholt haben, gibt es noch immer Nachholbedarf. Der Chef der Pisa-Studien, Andreas Schleicher, sieht nach wie vor Kinder aus sozial schwachen Familien deutlich benachteiligt: "Chancengerechtigkeit ist weiterhin die größte Herausforderung für Deutschland." Zugleich fordert er im Interview mit n-tv.de, nur die Besten für den Lehrerberuf zu gewinnen und diese regelmäßig weiterzubilden. Auch bräuchten die Grundschulen mehr Geld .

n-tv.de: Nach der ersten Pisa-Studie 2000 stand Deutschland unter Schock. Inzwischen haben sich Deutschland steigt bei Pisa auf in Mathematik und den Naturwissenschaften klar verbessert haben, auch in der Lesefähigkeit gibt es Fortschritte. Hat Sie diese Entwicklung überrascht?

An der Pisa-Studie nahmen 65 Staaten und Regionen teil.
An der Pisa-Studie nahmen 65 Staaten und Regionen teil.(Foto: dpa)

Andreas Schleicher: Nein, in Deutschland sind seit der ersten Pisa-Studie große Anstrengungen unternommen worden - gerade bei der Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund und sozial schwächer Gestellten. Ich denke, das zeigt sich nun auch in den Resultaten. Pisa ist der Spiegel dessen, was man tut. Deutschland ist eines der Länder gewesen, die damals sehr viel unternommen haben, um die Defizite auszugleichen. Da ist man auf einem guten Weg.

Wo sehen Sie noch die größten Defizite in Deutschland?

Der soziale Hintergrund ist weiterhin eine große Barriere in Deutschland, um leistungsfähig zu sein. Gerade wenn sozial schwache Schüler auf Schulen kommen, die ein ungünstiges soziales Umfeld haben, trifft es diese besonders hart. Chancengerechtigkeit ist noch immer die größte Herausforderung für Deutschland.

Was muss Deutschland da tun?

Pisa zeigt sehr, sehr viele Handlungsfelder auf. Wichtig ist, dass man Schulen mehr Verantwortung und größere Freiräume einräumt und den Lehrern ein attraktiveres Berufsfeld anbietet, das auch Karriereperspektiven bietet.

Sehen sie noch ein Defizit in der Lehrerausbildung?

Es ist wichtig, die besten Leute für den Lehrerberuf zu gewinnen und diese dann entsprechend auszubilden. Aber letztendlich kann das nicht vor der Schule, sondern nur in der Schule passieren. Einen größeren Teil der Lehrerausbildung und der Lehrerweiterbildung in den Schulzusammenhang zu verlagern, ist sicherlich für Deutschland eine wichtige Herausforderung. Nur wenn Lehrer die Möglichkeit haben, sich täglich weiterzubilden, ihren Horizont zu erweitern und miteinander wirksam zu arbeiten, dann entsteht auch ein Arbeitsumfeld, das wirklich professionell ist.

Deutschland liegt in der Lesekompetenz immer noch im Mittelfeld.
Deutschland liegt in der Lesekompetenz immer noch im Mittelfeld.(Foto: DAPD)

Hilft da eine größere Konkurrenz der Schulen untereinander?

Der Wettbewerb allein unter den Schulen schafft noch keine besseren Voraussetzungen. Pisa zeigt vielmehr, dass mehr Freiräume und Verantwortung in den Schulen bei der Umsetzung von Bildungszielen und  der Gestaltung von Ressourcen den Erfolg bedingen.

Ist das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland noch ein Hemmschuh für bessere Pisa-Ergebnisse?

Das ist sicherlich eine große Barriere, da es die sozialen Unterschiede in Deutschland noch weiter verstärkt. Allerdings haben viele Bundesländer angefangen, Real- und Hauptschule zusammenzulegen. Das ist ein erster wichtiger Schritt, um diese Barrieren abzubauen.

Wer nur in der Schule liest, liest nicht genug.
Wer nur in der Schule liest, liest nicht genug.(Foto: dpa)

Der Unionsfraktionsvize Michael Kretschmer fordert auch ein Zentralabitur, um die Leistungen der deutschen Schüler zu verbessern.

Es ist ein interessantes Ergebnis der diesjährigen Pisa-Studie, dass Staaten mit Zentralabitur, mit klar definierten verbindlichen Abschlussprüfungen, deutlich besser abschneiden. Die Tatsache, dass jeder Lehrer und Schüler weiß, worauf es ankommt, hat auf jeden Fall Einfluss auf die Leistungen in der Schule.

Abgesehen von zentralen Prüfungen: Was machen Pisa-Spitzenländer wie Korea und Finnland richtig?

Sie gewinnen die besten Leute für den Lehrerberuf, investieren in sie, bieten ihnen ein Berufs- und Arbeitsumfeld, das Möglichkeiten zum Weiterkommen bietet. Hier sind Lehrer nicht allein als Einzelkämpfer im Klassenzimmer, sondern arbeiten gemeinsam an der Umsetzung von Bildungzielen. Das ist ein spannendes Umfeld, wo den Schulen sehr viel Freiraum, aber auch sehr viel Verantwortung zugestanden wird. Die Pisa-Spitzenländer haben sehr klare Bildungsziele – und sie können sich darauf verlassen, dass die Gesellschaft Bildung wertschätzt in einer Art und Weise, dass dort die entscheidenden Investitionen getötet werden. Es sind spannende Länder, die auch zeigen, dass man in sehr kurzer Zeit sehr viel verändern kann.

Und in Deutschland fehlt diese Wertschätzung von Bildung?

Die Wertschätzung ist immer ein äußerst wichtiger Faktor. Wenn sich beispielsweise Eltern für Bildung einsetzen, wenn sie ihre Kinder regelmäßig fragen: 'Was habt Ihr in der Schule gemacht?', wenn sie diese beim Lesen unterstützen, dann schlägt sich das deutlich in der Leistung nieder. Genauso sieht es im Bildungssystem insgesamt aus. Wenn sich eine Gesellschaft dafür entscheidet, dass Bildung eben wichtiger ist als andere Güter und dort entsprechend investiert, dann sind die Leistungen auch höher. Dies zeigt sich ganz klar in China und bei der phantastischen Leistung von Shanghai. Da weiß jedes Kind, jeder Erwachsene, dass Bildung für die Zukunft entscheidend sein wird und verhält sich dementsprechend.

Muss Deutschland auch mehr Geld in seine Bildungspolitik investieren?

Die Ausgaben sind in Deutschland gerade in den ersten Jahren unterdurchschnittlich. Da, wo es eigentlich drauf ankommt, wo auch kleinere Klassen die größere Wirkung entfalten könnten, wird eher gespart. In den höheren Schuljahren sind die Ausgaben dagegen überdurchschnittlich hoch. Es ist also nicht nur eine Frage der Gesamtinvestitionen, sondern auch eine Frage, wie die Investitionen eingesetzt werden.

Der studierte Physiker und Mathematiker Andreas Schleicher ist internationaler Koordinator der Pisa-Studien. Als Zehnjähriger schätzte ihn der Grundschullehrer als "ungeeignet fürs Gymnasium" ein. Später machte er das Abitur mit 1,0.
Der studierte Physiker und Mathematiker Andreas Schleicher ist internationaler Koordinator der Pisa-Studien. Als Zehnjähriger schätzte ihn der Grundschullehrer als "ungeeignet fürs Gymnasium" ein. Später machte er das Abitur mit 1,0.

Zu Beginn der 1. Pisa-Studie glaubten Sie noch, dass das deutsche System eines der besten sei. Sie wurden schnell eines Besseren belehrt. Wann wird Deutschland zur so gerne ausgerufenen Bildungsrepublik?

In die internationale Spitzengruppe aufzusteigen, muss auf jeden Fall die Zielperspektive für Deutschland sein. Deutschland ist eine der wichtigsten Industrienationen, auf Bildung angewiesen wie auf keinen anderen Rohstoff. Ein Land muss so viel besser sein wie es teurer ist, und ich denke, da kann Deutschland sich durchaus an den leistungsfähigsten Bildungssystemen orientieren. Die Erfolge, die man jetzt vorzuweisen hat, sind ja ein klarer Hinweis, dass man weiter kommen kann.

Und doch gibt es auch Zweifel an der Aussagekraft der Tests. Kritiker bemängeln, dass die Kinder inzwischen einfach besser auf die Fragen vorbereitet werden.

Pisa testet Kompetenz. Pisa ist kein Wissenstest allein, wo man nur auf die Reproduktion von Fachwissen setzt. Vielmehr müssen Kinder zeigen, dass sie das, was sie wissen, kreativ auf neue Zusammenhänge übertragen können. Das können sie nicht antrainieren. Was sich in den Leistungen widerspiegelt, ist das kumulative Lernen bis zum Alter von 15 Jahren. Wer nichts kann, der wird auch bei Pisa selbst mit großem Training nichts erreichen.

Manche Eltern und Lehrern kritisieren, dass zurzeit in der Schulpolitik viel reformiert wird, ohne dass die nötigen Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden. Herrscht nicht gerade viel Aktionismus, der für alle Seiten ermüdend ist?

Das ist sehr schwer zu beurteilen. Ich denke, Dynamik ist wirklich wichtig im Bildungssystem. Die Gesellschaft verändert sich rasant, die Bildungssysteme müssen dem gerecht werden. Das fängt an bei den Kompetenzen, die heute für den Erfolg entscheidend sind. Heute kann man nicht mehr davon ausgehen, dass das, was man lernt, für das ganze Leben ausreicht. Vielmehr muss sich die Schule fortwährend Gedanken machen: Was unterrichten wir? Wie unterrichten wir das? Dabei ist es allerdings nötig, dass diese Reformen langfristig und strategisch ausgerichtet sind. Man muss wissen: Wo geht die Reise langfristig hin und was muss man morgen, übermorgen und in einem Jahr tun, um dorthin zu kommen. Aktionismus ist sicher den Bildungsleistungen abträglich, aber Reformdynamik ist eine ganz wichtige Voraussetzung, um in dieser sich rasant verändernden Welt weiterzukommen.

Mit Andreas Schleicher sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de