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InterviewSchändung gefährdet Soldaten

26.10.2006, 13:54 Uhr

Winfried Nachtwei, verteidigungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, im Gespräch mit n-tv.de über die Totenschändung durch deutsche Soldaten und rechtes Gedankengut in der Bundeswehr.

Für Winfried Nachtwei, verteidigungspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, ist das Ansehen der deutschen Soldaten in Afghanistan nach der Schändung eines Toten gefährdet. Im Gespräch mit n-tv.de berichtet er, was falsch läuft bei der Bundeswehr.

n-tv.de: Herr Nachtwei, Totenschändung durch deutsche Soldaten ist das pure Dummheit im Einzelfall oder ein strukturelles Problem?

Winfried Nachtwei: Das ist Dummheit und allergröbste Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit im Einzelfall. Ich habe keine Anzeichen dafür, dass dies die Spitze eines Eisberges ist. Es ist ein strukturelles Problem insoweit, als dass der Fall zeigt, dass die Anforderungen an Soldaten im Auslandseinsatz und in fremden Kulturkreisen viel höher sind als hierzulande.

Die ISAF-Soldaten sollen die Herzen der Menschen erobern. Sehen Sie angesichts eines solchen Ereignisses einen Rückschritt?

Das kann einen Rückschlag geben. Es bleibt abzuwarten, in wie weit diese Bilder, die um den Globus gehen werden, das wieder zunichte machen, was bundesdeutsche Soldaten sich an hohem Ansehen unter der islamischen Bevölkerung erworben haben.

Welche Reaktionen erwarten sie denn aus der muslimischen Welt?

Ich will gar nichts herbeireden, aber es ist zu befürchten, dass Bilder von der Schändung eines Toten von den entsprechenden Propagandisten ausgenutzt und gegen die ISAF in Afghanistan insgesamt instrumentalisiert werden.

Wie kann es sein, Herr Nachtwei, dass so ein Fall über Jahre von der Bundeswehr nicht aufgedeckt wird?

Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass diese Fotos im Besitz einzelner Soldaten waren und eben erst jetzt veröffentlicht wurden. Und bei solchen Foto-Transaktionen spielen ja nach aller Erfahrung auch immer wieder Geldsummen eine erhebliche Rolle. Es gibt halt Hinweise darauf, dass in der Sache Geld geflossen ist.

Was muss in der Vorbereitung der Soldaten besser laufen, damit solche Auswüchse nicht passieren?

Schon jetzt spielt in der Ausbildung für Auslandseinsätze interkulturelle Kompetenz eine große Rolle. Man mag es kaum glauben, aber gerade Soldaten werden darin unterrichtet. Und die Sensibilität in diesem Bereich muss mehr gefördert werden, damit den Soldaten klar wird, ich kann mit einem Verhalten, das den einheimischen Werten zuwider läuft, viel größeren Schaden anrichten als bei dem unsachgemäßen Umgang mit der eigenen Waffe.

Spielt auch die konkrete Auswahl der Soldaten eine Rolle?

Das kann sein, allerdings wird bei den Überprüfungen auch auf charakterliche Festigkeit geachtet. Es ist aber eine Lebenserfahrung, dass hier ein guter Filter nicht alles aussieben kann.

Es gibt das Problem, dass die Bundeswehr Sammelbecken für rechtes Gedankengut und außerdem Auffangbecken für Menschen wird, die einer Hartz IV-Karriere in Deutschland entgehen wollen. Wie sind aktuell Ihre Erkenntnisse dazu?

In der Tat wird die Nachwuchslage bei der Bundeswehr begünstigt durch den schwierigen Arbeitsmarkt. Zugleich aber kann die Bundeswehr zunehmend qualitativ auswählen. Rechtsradikal Gesonnene in der Bundeswehr werden sich ganz schön umsehen, denn dort wird sehr deutlich gegen solche Anzeichen vorgegangen. Und vor allem: Die multinationale Ausrichtung der Einsätze widerspricht rechtsradikalem Gedankengut.

Bei den zunehmenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr, brauchen wir da nicht endlich eine Berufsarmee?

Ich meine ja. Wehrpflichtige gibt es sowieso nur noch in einem relativ kleinen Anteil. Im Grunde gibt es heute nur noch eine Rest-Wehrpflicht, die auch der Wehrgerechtigkeit widerspricht. Besser für alle Seiten wäre, einen freiwilligen, flexiblen Kurzdienst von zwölf bis 24 Monaten einzurichten.

Ist die Bundeswehr an zu vielen Orten dieser Welt unterwegs und folglich überfordert?

Nein, nicht an zu vielen. Aber doch an so vielen, dass sie zurzeit an der Grenze der Belastbarkeit ist. Es kommt darauf an, dass die Politik die Einsätze viel klarer begründet. Und vor allem: Es müssen alle Anstrengungen verstärkt werden, in den jeweiligen Krisenregionen zu einer politischen Konfliktlösung zu kommen. Das Falscheste ist und dieser Eindruck drängt sich manchmal auf -, wenn solche Stabilisierungseinsätze zu so etwas wie Politikersatz werden. Das darf nicht sein.

Interview: Jochen Müter