Name in KZ-FlaschenpostÜberlebender steht vor Rätsel
Eine im ehemaligen KZ Auschwitz gefundene Flaschenpost gibt Rätsel auf. Sie war in eine Wand eingemauert und enthält eine Liste mit Namen von sieben Ex-Häftlingen. Ob sie auch eine Botschaft beinhaltet, ist noch unklar.
Albert Veissid kann sich nicht erklären, wie sein Name und seine Häftlingsnummer in die Flaschenpost geraten sind. "Ich erinnere mich an alles im Lager, von A bis Z", sagt der 84-jährige Franzose, der im Zweiten Weltkrieg ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert worden war und es als einer der wenigen jüdischen Gefangenen überlebte. Dass polnische Bauarbeiter jetzt eine eingemauerte Flasche in einem Teil des ehemaligen Lagers fanden, in der auf einer Liste sein Name und die von sechs weiteren Häftlingen stehen, stellt Veissid vor ein Rätsel - "die größte Überraschung meines Lebens".
"Ich wüsste gern, was drinsteht", sagt Veissid, der nach der Befreiung des Lagers im heutigen Polen im Januar 1945 nach Frankreich zurückkehren konnte und heute in der Nähe von Marseille lebt. "Es können ja nicht nur Namen drinstehen, es muss auch eine Botschaft dabei sein." Die Auschwitz-Gedenkstätte hatte zu Wochenbeginn den Fund der Flaschenpost vom 20. September 1944 bekannt gegeben; ob neben den Namen auch eine Botschaft darin enthalten ist, blieb zunächst unklar - die Gedenkstätte will in den nächsten Tagen darüber informieren.
"Eine Revolution für mich"
Veissid kann sich erinnern, den sechs anderen Gefangenen in dem Konzentrationslager begegnet zu sein. Er habe als Maurer an einem Luftschutzraum für die Deutschen gearbeitet, nachdem er im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, sagt der 84-Jährige, der in Allauch in Südfrankreich zuhause ist. Den sechs inhaftierten Polen habe er bisweilen einen Gefallen getan - "die haben oft Marmeladeneimer geklaut, die ich versteckt habe". Vielleicht hätten sie deshalb "zum Dank" auch seinen Namen auf die Liste geschrieben, die sie in der Flasche versteckten, mutmaßt Veissid.
Der Franzose war gerade 20 geworden, als er in das Konzentrationslager gebracht wurde. In Konstantinopel - dem heutigen Istanbul - geboren, war er als Kleinkind mit seiner Familie nach Frankreich gekommen; bis zu seiner Festnahme im Sommer 1943 verdiente er seinen Lebensunterhalt als Musiker und Verkäufer. Nach seiner Rückkehr musste er drei Jahre lang in einem Sanatorium behandelt werden. "Ich war ein wandelndes Knochengerüst", sagt Veissid. "Noch eine Woche länger, und ich wäre nicht zurückgekommen.
Veissid spricht nicht gern über diese Zeit. Viele andere Überlebende hätten danach Vorträge in Schulen gehalten, "ich habe das nie getan". Aber diese Geschichte mit der Flaschenpost habe ihn aufgewühlt. Sie habe ihn zum Reden gebracht, sagt der alte Mann und lächelt. "Das ist eine Revolution für mich."