Politik
Samstag, 27. Juni 2009

Koks und Kugeln im Mafia-Land: Wahlen in Guinea-Bissau

Trotz der Wahl eines neuen Staatspräsidenten besteht in Guinea-Bissau wenig Grund zur Hoffnung. In dem kleinen westafrikanischen Land regiert der Drogen- und Waffenhandel.

Guinea-Bissau.jpgNinama denkt mit Wehmut und reichlich fließenden Tränen an ihre Heimat, kann sich eine Rückkehr aber nicht vorstellen. "In Guinea-Bissau ist ein Menschenleben weniger wert als eine Caju-Nuss", sagt die junge Frau, die in Portugal Kunst studiert. Am 28. Juni werde sie aber mitfiebern, sagt die 26-Jährige, wenn ihre Landsleute im kleinen westafrikanischen Land bei vorgezogenen Präsidentschaftswahlen einen neuen Staatschef bestimmen. Grund zur Hoffnung besteht jedoch kaum, denn in Guinea-Bissau "regieren" die Waffen und der Drogenhandel, und nicht unbedingt derjenige, der die meisten Stimmen auf sich vereinigt. Guinea-Bissau sei der erste "Drogen-Staat" der Welt, sagte dieser Tage Johnnie Carson, stellvertretender US-Staatssekretär für Afrika.

Es soll der Nachfolger des am 2. März von Soldaten ermordeten João Bernardo "Nino" Vieira bestimmt werden. Wenige Stunden vor Vieira war Armee-Stabschef Tagme Na Wai bei einem Bombenanschlag getötet worden. Die meisten Oppositionspolitiker behaupten, dass Premierminister Carlos Gomes Júnior und die von früheren Rebellen gebildete Partei PAIGC hinter diesen Anschlägen stecken und auch bei der Ermordung eines Präsidentschaftskandidaten und eines Abgeordneten Anfang Juni ihre Hände im Spiel hatten. Fest steht, dass Gomes gute Beziehungen zum Militär hat, das wiederum in Bissau das Sagen hat und laut Experten im Drogenhandel mitmischt.

Sogar die kolumbianische FARC mischt mit

Guinea-Bissau2.jpgVor dem US-Senat erklärte Carson, dass das Bruttoinlandsprodukt von Guinea-Bissau dem Wert von sechs Tonnen Kokain entspricht, die "in einem oder zwei Monaten transportiert werden können". Das Korruptionspotenzial sei deshalb sehr groß. US-Experten meinen, dass in den Waffen- und Drogenhandel in Westafrika unter anderem auch die kolumbianische Guerilla-Bewegung FARC verwickelt ist. Die frühere portugiesische Kolonie ist allein schon wegen der geringen Sprachprobleme auch bei Kriminellen aus Brasilien, Kolumbien oder Venezuela beliebt: Noch immer ist Portugiesisch die wichtigste Sprache, in der sich die Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen des kleinen Landes südlich vom Senegal verständigen können.

Guinea-Bissau ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die Caju-Nuss ist praktisch das einzige Exportgut. Während die 1,5 Millionen Einwohner zumeist im Elend leben, haben Drogenbarone in Bissau allerdings prächtige Villas. Und in den teuren Clubs der Hauptstadt sitzen südamerikanische "Geschäftsleute". Dabei waren vor wenigen Jahren, als die ersten Päckchen mit Kokain an die Küste Guinea-Bissaus geschwemmt wurden, die Fischer noch völlig ahnungslos, was sie da zufällig aus dem Meer geholt hatten. Ein Mann soll das Pulver in Farbe gekippt haben, um sein Boot zu streichen. Sogar ein Fußballfeld wurde Medienberichten zufolge mit Kokain markiert.

"Mittelalterlicher Zwist" um Macht und Geld

Seit der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1973 gab es selten Frieden in Guinea-Bissau. Es gab Staatsstreiche, Morde, willkürliche Festnahmen en masse. "Was wir in Guinea-Bissau sehen, gleicht einem mittelalterlichen Zwist (um Macht und Geld)", meinte der angesehene portugiesische Geopolitik-Experte Nuno Rogeiro. Weite Teile der Gesellschaft und der Regierung, aber vor allem die Streitkräfte seien "bis in die Knochen in den Drogenhandel verwickelt". Deshalb sei es schwer zu definieren, "wo das militärische Problem aufhört und das gewichtigere Problem der Drogen beginnt".

Als Favorit geht der PAIGC-Kandidat Malam Bacai Sanhá ins Rennen. Gute Chancen werden auch dem PAIGC-Gegner und Ex-Präsidenten Kumba Lala von der Partei der Sozialen Erneuerung PRS eingeräumt. Er erhielt die Unterstützung eines wichtigen Rats von "Weisen und Medizinmännern". Hoffnung vermittelt unter den vielen Exil-Guineern in Portugal unterdessen nur der 63-jährige Unternehmer, Menschenrechtler und frühere Interimspräsident Henrique Rosa. "Nur er kann den Karren aus dem Dreck ziehen. Wenn er gewinnt, gehe ich ruckzuck in meine Heimat zurück", begeistert sich in Lissabon sogar die 63-jährige Lehrerin Muna Aly.

Quelle: n-tv.de