Angriff auf SeeWenn Piraten kommen ...
Mit der Kaperung
Mit der Kaperung eines saudiarabischen Supertankers hat die Piraterie vor der Küste Somalias eine neue Dimension erreicht. Unbeeindruckt von der internationalen Militärpräsenz am Horn von Afrika überfallen und entführen die Piraten Handelsschiffe, Yachten und Fischerboote. n-tv.de sprach mit Wilhelm Probst, einem ehemaligen Kampfschwimmer der Bundeswehr, der nun eine Beratungsfirma für Reedereien im Zusammenhang mit Piratenüberfällen hat.
n-tv.de: Warum nehmen Piratenüberfälle so rasant zu?
Wilhelm Probst: Weil die Sicherung der Schiffe nicht am Kern angepackt wird.
Welchen wirksamen Schutz gegen Piratenüberfälle gibt es?
Die Schiffe direkt an Bord zu begleiten.
Das empfehlen Sie auch den von Ihnen betreuten Reedereien?
Ich habe mit Reedereien darüber gesprochen und mein Verteidigungskonzept vorgestellt. Es gibt welche, die daran interessiert sind.
Wie läuft ein Piratenüberfall ab. Gibt es Muster, auf die man sich einstellen kann?
In der letzten Zeit ist das System immer das gleiche: Sie nähern sich mit übermotorisierten landesüblichen Booten, die aus Holz oder aus Plastik sind. Wenn das zu kapernde Schiff nah an der Küste ist, kommen die Piraten ohne Mutterschiff. Wenn es weiter weg ist, was in den letzten Jahren oft geschehen ist, entern die Piraten vom Mutterschiff aus. Sie setzen Speedboote aus und fahren auf die Schiffe zu. Entweder von der Seite oder von hinten wird dann der Angriff gestartet.
Wie kann die Crew auf solch einen Angriff vorbereitet sein, wenn es beispielsweise keinen Begleitschutz gibt?
Mit den Mitteln, die die Crew an Bord zur Verfügung hat. Wenn das Schiff von der Größe her verhältnismäßig gut manövrierfähig ist, ist es schon vorgekommen, dass Kapitäne solche Attacken durch geschicktes Manövrieren abgewendet haben. Oder solange die Crew noch in einem sicheren Bereich ist, kann die Mannschaft Überfällen auch mit den Mitteln, die an Bord sind, wie etwa Feuerlöschmaßnahmen – so ein Feuerlöschschlauch hat viel Druck drauf – begegnen. Die Schiffe handeln mit den zur Zeit zur Verfügung stehenden Maßnahmen.
Es werden ja nicht nur Frachtschiffe angegriffen, sondern auch Kreuzfahrtschiffe mit zahlreichen Passagieren an Bord. Was erhoffen die Piraten am meisten als Beute?
Das ist ganz offensichtlich: Lösegeld.
Lösegelder fließen zum Teil in erheblicher Höhe. Damit wächst natürlich die Gefahr, dass die Piraten ihr System festigen und weiter ausbauen können. Sind Lösegeldzahlungen aus Ihrer Sicht dennoch der richtige Weg?
Es bleibt momentan nichts anderes übrig, als defensiv zu bleiben und Lösegeld zu bezahlen. Aber es gibt mit verhältnismäßig geringen finanziellen Mitteln und verhältnismäßig wenig gutem Personal und Material Möglichkeiten, um die Piraterie einzudämmen und stark zu reduzieren. Man hat sich bis jetzt noch nicht durchgerungen, etwas Aggressiveres zu machen.
Wie könnten denn andere Möglichkeiten aussehen?
Die Schiffe müssen mit der dementsprechenden Ausrüstung durch die dementsprechenden Hot Spots von maritimen Profis begleitet werden. Da müssen alle Vorbereitungen getroffen und umgesetzt werden, dass das richtige Equipment an Bord ist.
Bereits seit 2003 sind auf Passagier- und Marineschiffen Long Range Acoustic Devices (LRAD) im Einsatz, sogenannte nicht-tödliche für das US-Militär entwickelte Waffen. Kann so etwas auch eine Möglichkeit sein?
Ich bin davon nicht überzeugt. Gegenfrage: Warum schießt die Marine denn immer noch scharf, wenn die sogenannten Devices Waffen so wirkungsvoll sein sollen?
Sie glauben also, dass bei einem so militanten Angriff auch eine dementsprechende militärische Antwort folgen sollte?
Sagen wir's mal so, diese sogenannten Devices Waffen haben meiner Ansicht bis jetzt noch nicht gezeigt, was sie angeblich versprechen.
Was ist Ihre Idee von einer Begleitung an Bord?
Ich habe zweimal Yachten, die natürlich nicht so groß sind wie ein Frachtschiff, begleitet. Es ist nichts passiert. Wir haben als präventive Maßnahmen gezeigt, dass wir an Bord sind. Die Piraten, die uns beobachtet haben, haben von uns abgelassen, weil sie gesehen haben, dass wir auf sie vorbereitet sind.
Also ist die Variante, auf die militärische Präsenz von Marineverbänden aus verschiedenen Ländern zu setzen, Ihrer Meinung nach auch nicht besonders vielversprechend?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es vielversprechend wäre. Man müsste erstmal abwarten, um zu sehen, wie sich das Vorhaben entwickelt. Aber es sind ja im Augenblick sowieso schon sehr viele Militärschiffe in dieser Region. Das hat bisher jedoch auch nichts gebracht. Ich sehe in dieser Variante nicht das Gelbe vom Ei.
Gibt es außer der Küste vor Somalia auch andere Regionen der Welt, die von Seeräuberei stark betroffen sind?
Bestimmte Bereiche in den indonesischen Gewässern, das Niger-Delta, vereinzelte Kriminalität herrscht auch in der Karibik, und beispielsweise auch an der Pazifikküste der südamerikanischen Länder. Aber die heißen Geschichten spielen sich am Horn von Afrika und vor den ostafrikanischen Küsten ab. Aber es ist nicht so, dass es in den genannten Ländern nicht weiterläuft, auch wenn die Piraterie in Indonesien nachgelassen hat.
Glauben Sie, dass eine Stabilisierung der betreffenden Staaten grundsätzlich der Piraterie Abhilfe schaffen würde?
Wenn diese Stabilisierung in Somalia umgesetzt werden würde und islamistische Terroristen dort nicht aktiv wären, könnte sich im Laufe der Jahre etwas positiv verändern. Das ist natürlich nur spekulativ. In diesen Ländern gibt es keine funktionierende Polizeigewalt, geschweige denn einen funktionierenden Küstenschutz. Momentan sehe ich da nichts Aussichtsreiches.
Mit Wilhelm Probst sprach Solveig Bach.