Politik

Arbeit für Punkte: Wie Ärzte bezahlt werden

Der Privatpatient zahlt seine Behandlung einfach direkt beim Arzt. Der Vorteil: Dem Arzt steht das Geld sofort zur Verfügung. Später kann der Patient sein Geld bei der Krankenversicherung zurückfordern. Komplizierter funktioniert die Bezahlung des Arztes über die gesetzliche Krankenversicherung. Der Versicherte zahlt zunächst seinen Versicherungsbeitrag an die Krankenkasse. Die Beiträge sind bekanntlich lohnabhängig und damit unterschiedlich. Die Krankenkassen fassen die erhaltenen Beiträge zusammen und errechnen Kopfpauschalen, also den Betrag, den sie für die Behandlung des Versicherten zu zahlen bereit sind. Bei der AOK sind das zum Beispiel 380 Euro im Jahr. Darin enthalten ist die ambulante Versorgung bei Haus- und Fachärzten, sowohl für den Versicherten als auch für kostenlos mitversicherte Kinder und Ehegatten.

Die Kassenärztliche Vereinigung

Diese Summe überweisen die Krankenkassen dann an die Kassenärztliche Vereinigung (KV). In der KV sind alle Ärzte Zwangs-Mitglied, die gesetzlich Versicherte behandeln wollen. Die KV verteilt das Geld, das sie von den Krankenversicherungen erhält, nun auf die einzelnen Ärzte.

Das Geld wird nach Punkten verteilt. Für jede Leistung, die ein Arzt bringt, erhält er Punkte. Ein Hausbesuch beispielsweise bringt 400 Punkte, die Erstuntersuchung eines Neugeborenen 280 Punkte. Ein Mal im Quartal wird abgerechnet. Der Arzt zählt seine Punkte zusammen und reicht sie bei der KV ein.

Mehr Arbeit – gleich viel Geld

Doch so ein Punkt steht nicht etwa für einen festen Betrag in Euro. Sein Wert wird bei jeder Abrechnung neu bestimmt. Die oben genannte Kopfpauschale, die für jeden Versicherten zur Verfügung steht, begrenzt das zu verteilende Geld. Mehr als die Kopfpauschale kann im Schnitt für den Patienten nicht ausgegeben werden. Um es ganz deutlich zu machen: Angenommen, die Summe aller Kopfpauschalen beträgt 1000 Euro, es behandeln vier Ärzte. Die KV verteilt dann nicht mehr als 1000 Euro an die vier Ärzte, unabhängig davon, wie viele Untersuchungen diese durchführen.

Der Punktwert, also das Geld, das die Ärzte für ihre Punkte erhalten, ergibt sich aus dem Quotienten des verfügbaren Geldes und der Zahl der abgerechneten Punkte. Angenommen, die Ärzte hätten gemeinsam 2000 Punkte abgerechnet, jeder von ihnen 500. Der Punktwert betrüge dann 1000Euro/2000Punkte = 0,50 . Jeder Arzt erhält 250 Euro. Nehmen sich die Ärzte aber mehr Zeit, indem sie ausführliche Vor-, Nach- und Beratungsgespräche führen, neuartige Behandlungsmethoden anwenden und die Patienten länger selbst betreuen, bevor sie sie an Kollegen weiter überweisen, kann sich die Punktezahl verfünffachen.

Rechnen die Ärzte aber 10.000 Punkte ab, dann ergibt sich ein Punktwert von 1000/10.000 = 0,10 . Die einzelne Behandlung, die immer noch die gleiche Anzahl an Punkten bringt, etwa der Hausbesuch, ist damit um ein Fünffaches weniger wert. Nimmt man wieder an, dass die Arbeit unter den Ärzten gleich verteilt war, so erhält jeder Arzt 250 Euro. Trotz höherer Arbeitsbelastung.

Je mehr die Ärzte also abrechnen, desto geringer wird der Punktwert. Der zu verteilende Betrag von 1000 Euro bleibt immer gleich. Lediglich die Aufteilung unter den Ärzten kann sich ändern, wenn sich die Punkteverteilung unter den Ärzten ändert.

Budgetferien trotz Wartelisten

Die Punktwerte werden für alle Bundesländer einzeln errechnet und können sich von Quartal zu Quartal ändern. Sie schwanken zwischen zwei und 5,11 Cent. In einigen Bundesländern wie z.B. Berlin ist bereits ein Individualbudget eingeführt. Der Arzt bekommt einen festen Punktwert von 4,15 Cent garantiert, aber nur für eine begrenzte Zahl an Punkten. Arbeitet er mehr, erhält er nur 0,3 Cent pro Punkt. Arbeit über diese Grenze hinaus wird also nicht honoriert.

Bei alternder Bevölkerung, immer mehr chronisch Kranken und neuen, teureren Behandlungsmethoden, also erhöhtem Versorgungsbedarf, lohnt es sich für Ärzte nicht, den gestiegenen Bedarf zu decken. Denn irgendwann ist ihr Budget erreicht oder der Punktwert sinkt ins Bodenlose. Behandeln müssen die Ärzte aber weiter, denn der Patient hat insbesondere bei Notfällen einen Anspruch auf Behandlung.

Diese Entwicklung führt dazu, dass immer mehr Praxen Budgetferien einlegen. Ist das errechnete Budget voll, schließen sie ihre Praxis oder überweisen die Patienten an Kliniken. Es kommt zu längeren Wartezeiten trotz vorhandener Kapazitäten. Außerdem wird teilweise auf teure Behandlungen verzichtet oder diese auf das nächste Quartal verschoben, weil das Budget schon ausgeschöpft ist.

Quelle: n-tv.de