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Soldaten im EinsatzWie gefährdet ist die Seele?

10.10.2006, 12:54 Uhr

Soldaten sind im Auslandseinsatz nicht nur physischen, sondern auch erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt. Sind sie ausreichend vor seelischen Erkrankungen geschützt? Ein Interview.

Interviewpartner ist Dr. med. Karl-Heinz Biesold. Er ist leitender Arzt der Abteilung Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg.

n-tv.de: Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des Bundestages, fordert einen besseren Schutz von Soldaten vor seelischen Erkrankungen nach Auslandseinsätzen. Sehen auch Sie erweiterten Handlungsbedarf? Wie könnte bessere Hilfe aussehen?

Dr. Karl-Heinz Biesold: Für die psychosoziale Unterstützung der Soldaten vor, während und nach Auslandseinsätzen gibt es ein umfassendes Konzept. Das Hauptaugenmerk richten wir auf Präventivmaßnahmen. Soldatinnen und Soldaten sind im Einsatz erheblichen psychischen Belastungen ausgesetzt. Von zentraler Bedeutung ist es daher, Stressmanagementstrategien zu verbessern, indem personale und soziale Ressourcen gestärkt werden. Es ist wichtig, die Soldatinnen und Soldaten unter möglichst "realen" Bedingungen auf den Einsatz vorzubereiten. Das erleichtert den Umgang mit potenziell belastenden oder traumatisierenden Situationen und beugt möglichen Stressfolgen vor. Die Soldatinnen und Soldaten lernen, Stressmanagementtechniken anzuwenden und psychologische Selbst- und Kameradenhilfe zu leisten. Vorgesetzte erhalten erweiterte Schulungen, etwa zur Thematik "Gefährdung und Stress, Verwundung und Tod, Traumatisierung, Trennung, Isolation".

Für die Diagnostik und Therapie von eventuell auftretenden posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) verfügen wir derzeit sowohl qualitativ als auch quantitativ über ausreichende Möglichkeiten. Diese Kapazitäten müssen wir jedoch ausbauen, um auch bei den jetzt zunehmenden Auslandseinsätzen noch ausreichend gewappnet zu sein.

Deutsche Soldaten werden nun im Libanon eingesetzt. Viele Experten halten das für besonders gefährlich. Erwarten Sie eine größere Anzahl von Traumatisierungen?

Ich bin kein militärischer Sicherheitsexperte, halte aber den Marineeinsatz, so wie er jetzt geplant ist, nicht für besonders gefährlich. Daher rechne ich auch nicht mit einer größeren Anzahl von Traumatisierten.

Wie viele Fälle von Traumatisierung hat es in den letzten Jahren insgesamt gegeben? Und wie steht es um die Dunkelziffer?

In den zehn Jahren von 1996 bis 2005 sind wegen posttraumatischer Belastungsstörungen, die bei oder nach einem Auslandseinsatz auftraten, insgesamt 640 Soldatinnen und Soldaten in den Bundeswehrkrankenhäusern untersucht bzw. behandelt worden. Das ist weniger als 1% bezogen auf die Gesamtzahl der eingesetzten Soldaten. Im internationalen Vergleich ist das ausgesprochen wenig; nach internationalen Erfahrungen ist bei etwa 2 - 8% der Einsatzteilnehmer eine PTBS zu beobachten. Aus dieser Differenz lässt sich eine bei uns bestehende Dunkelziffer vermuten.

Wohin tendiert die Zahl auftretender Fälle?

An PTBS erkrankte Soldatinnen und Soldaten kommen mitunter erst Jahre nach dem Auslandseinsatz zur Behandlung.

In den zehn Jahren von 1996 bis 2000 sind in der KFOR-Truppe 102 Fälle aufgetreten, in der SFOR-Truppe 71. Im vergangenen Jahr waren es in der KFOR-Truppe 45 Fälle, in der SFOR-Truppe 9. Aus der ISAF-Truppe wurden 2003 30 Soldaten wegen PTBS untersucht bzw. behandelt, 2005 waren es 86.

Wie entsteht eine posttraumatische Belastungsstörung und mit welchen Symptomen äußert sie sich?

Die PTBS oder auch traumatische Neurose entsteht als eine verzögerte Reaktion auf ein außergewöhnlich belastendes Ereignis, eine außergewöhnliche Bedrohung oder eine Katastrophe, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Das auslösende Ereignis liegt außerhalb der "normalen" menschlichen Erfahrung. Es handelt sich z.B. um Folter, Terrorismus, Geiselnahme, Gefangenschaft oder unmittelbare Kriegshandlungen mit Opfern in der Kameradschaft.

Typische Symptome der durch das Ereignis ausgelösten Störung sind sich aufdrängende Erinnerungen und Alpträume, eine erhöhte vegetative Erregbarkeit mit Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörungen sowie Vermeidungsverhalten, emotionaler Rückzug und Depressionen. Die Störung tritt verzögert, wenige Wochen bis Monate nach dem Ereignis auf.

Welche Schritte können direkt vor Ort unternommen werden, um zu helfen?

Im Vordergrund stehen "vortherapeutische Maßnahmen", die der Vorbeugung von Stresserkrankungen und der Betreuung bei Belastungen dienen. Während des Auslandseinsatzes liegt das Hauptaugenmerk auf der Stabilisierung der Soldatinnen und Soldaten. Ziel ist, dass sie bei den Einheiten verbleiben und möglichst frühzeitig wieder in den Dienstbetrieb eingegliedert werden können.

Wenn nach einem belastenden Ereignis die Maßnahmen der Selbst- und Kameradenhilfe und die Hilfe durch Vorgesetzte nicht ausreichen, werden Truppenarzt und Truppenpsychologe, unterstützt durch Militärseelsorger, tätig. In drei- bis viertägigen Aufenthalten in Recreation Centern erhalten besonders belastete Soldaten die Möglichkeit zur Stressentlastung. Dort werden sie vom Psychologischen Dienst der Bundeswehr und dem Sozialdienst betreut.

Nach besonders belastenden, potentiell traumatisierenden Einzelereignissen werden zur Stabilisierung Kriseninterventionsteams eingesetzt, die Akutmaßnahmen, strukturierte Gespräche und Einzelmaßnahmen zur psychotraumabezogenen Nachbereitung durchführen. Weitere Hilfe erfolgt nach der Rückführung nach Deutschland durch Psychiater und Psychotherapeuten.

Wie verläuft die Behandlung?

Die Behandlung folgt internationalen Standards und besteht in erster Linie aus einer Psychotherapie, bei der traumaadaptierte Verfahren eingesetzt werden. Sie kann durch eine medikamentöse Behandlung unterstützt werden.

Die betreffenden Patienten werden ambulant oder stationär untersucht. Nach eingehender Diagnostik wird ein individuell ausgerichteter Behandlungsvorschlag gemacht. Dabei kann es sich um eine ambulante oder stationäre Psychotherapie in einem Bundeswehrkrankenhaus oder in einer zivilen Klinik oder Praxis handeln. Eine stationäre Behandlung dauert im Bundeswehrkrankenhauses Hamburg in der Regel acht bis 12 Wochen. Eine maximale Therapiezeit gibt es nicht. Manchmal müssen Patienten auch mehrere Male für einen Behandlungszyklus von jeweils acht bis 12 Wochen stationär aufgenommen wurden.

Wie groß sind die Heilungschancen?

Die Prognose ist natürlich sehr individuell. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass etwa ein Drittel der Betroffenen wieder uneingeschränkt dienstfähig wird, ein weiteres Drittel mit Einschränkungen Dienst leisten kann und rund ein Drittel nicht mehr dienstfähig ist bzw. den Bundeswehrdienst nach Ablauf einer Zeitverpflichtung nicht verlängert.

(Die Fragen stellte Jochen Müter)