Politik
Reporterin Fabricia Josten im Gespräch mit Christine Sparr.
Reporterin Fabricia Josten im Gespräch mit Christine Sparr.
Freitag, 21. April 2017

Zu Besuch bei einer Tafel: "Es ist Not und muss geholfen werden"

Armut wird in Deutschland trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs ein immer größeres Thema. Die soziale Ungerechtigkeit nimmt zu. Die Auswirkungen sind etwa an einer von bundesweit 900 Tafeln zu spüren.

Offenbach am Main war eine der ersten deutschen Städte, in denen sich der Strukturwandel vollzogen hat: von einer Industriestadt zu einem Dienstleistungszentrum.  Oder wie Christine Sparr es formuliert: "Von einer Arbeiterstadt zu einer Sozialhilfestadt". Sparr arbeitet bei einer der bundesweit rund 900 Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen. Reporterin Fabricia Josten hat sie in Offenbach getroffen, wo sie an diesem Tag mit 80 bis 100 Kunden rechnet.

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"Hier in Offenbach ist Not und es muss geholfen werden", sagt sie. Sie kennt die Nöte der Menschen. Viele ältere Menschen würden keinen Weg mehr aus der Armut finden, sozialer Wohnraum sei kaum verfügbar, obwohl gebaut werde.

Und tatsächlich geht der seit Jahren anhaltende wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland an vielen Armen völlig vorüber, während die Menschen mit ohnehin gutem Einkommen davon profitieren. Auch der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt zu diesem Schluss. Sozialministerin Andrea Nahles kommentierte die Situation bei der Vorstellung des Armuts- und Reichtumsberichts vor zwei Wochen mit den Worten: "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre."

"Übermäßige Ungleichheit bei Einkommen"

Der Bericht, den die Bundesregierung alle vier Jahre erstellt, enthüllt zudem große Unterschiede beim Vermögen der Deutschen. "Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens. Die untere Hälfte nur ein Prozent", erläuterte die Sozialministerin. Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Thomas Oppermann, erklärte dazu: "Eine übermäßige Ungleichheit bei den Einkommen ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch ökonomisch schädlich."

Erstmals liegt in dem Bericht ein besonderes Augenmerk auf dem Reichtum in Deutschland. Zuvor sei dieser in Statistiken unzureichend erfasst gewesen. Unter anderem diese Entscheidung hatte für Widerstand beim Koalitionspartner Union gesorgt. Besonders prekär sei die Situation der Kinder. Fast zwei Millionen Kinder hierzulande seien armutsgefährdet. Die Gründe dafür lägen insbesondere in eingeschränkter Erwerbstätigkeit der Eltern, heißt es in dem Bericht. So betrage das Armutsrisiko von Kindern 64 Prozent, wenn in der Familie kein Elternteil erwerbstätig ist. Arbeite ein Elternteil in Vollzeit, falle das Risiko deutlich auf etwa 15 Prozent. Die Bildungschancen hingen immer noch stark von der Herkunft ab.

Der Bericht belegt indessen eine insgesamt positive Entwicklung der sozialen Lage in Deutschland. Anhaltendes Wirtschaftswachstum habe zur niedrigsten Arbeitslosigkeit seit der deutschen Einheit beigetragen. Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts hat sich die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um etwa sechs Millionen Menschen erhöht.

Schere zwischen Arm und Reich leicht geschlossen

Die Schere bei den Einkommen habe sich zudem seit Einführung des Mindestlohns 2015 wieder ein Stück geschlossen, sagte Nahles. Einen ähnlichen Effekt erhofft sie sich auch von der Eindämmung von Leiharbeit und Werkverträgen.

Der Bericht der SPD-Politikerin hatte schon vor seiner Verabschiedung für Aufsehen gesorgt: Die erste Fassung war beim Koalitionspartner Union auf Widerstand gestoßen. In einer zweiten Fassung war dann Medienberichten zufolge unter anderem der Hinweis darauf gestrichen worden, dass einkommensstarke Gesellschaftsgruppen mehr Einfluss auf politische Entscheidungen hätten als einkommensschwache.

Laut Daten des Statistischen Bundesamts haben 2016 etwas weniger Menschen Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung erhalten als zuvor: rund eine Million. Die Gefahr der Altersarmut in Deutschland sei dennoch nicht gebannt, sagte Ulrike Mascher, Präsidentin den Sozialverbands VdK Deutschland.

Christine Sparr weiß nicht, wie das Problem beseitigt werden könne, das gibt sie offen zu. "Wenn ich es wüsste, wäre ich in die Politik gegangen." Sie denkt praktisch und versorgt ihre Offenbacher an der Tafel. "Ich packe einfach an und versuche, zu helfen".

Quelle: n-tv.de