Politik
Muammar al-Gaddafi regiert seit 1969 Libyen.
Muammar al-Gaddafi regiert seit 1969 Libyen.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Montag, 21. Februar 2011

Zwischenruf: Bleibt der Gaddafi-Clan an der Macht?

Nun also Libyen. Es war nur eine Frage der Zeit. Der Thron von Machthaber Muammar al-Gaddafi wankt. Der Potentat reagiert mit einer Doppelstrategie. Seinen Sohn Saif al-Islam lässt er im staatlichen Fernsehen über bevorstehende Reformen schwadronieren. Sein Sohn Saadi, bislang eher als Sportfunktionär und Fußballspieler aufgefallen, soll die Truppen kommandieren, die in Benghasi, der am Mittelmeer gelegenen zweitgrößten Stadt des nordafrikanischen Landes, Demonstranten zusammenkartätscht haben.

Saif al-Islam ist schon mal durch die eine oder andere kritische Äußerung über Papa aufgefallen. Ein Gegner seines Vaters ist er nicht. Er genießt eine gewisse internationale Reputation, seit er sich im Jahr 2000 erfolgreich um die Befreiung westlicher Geiseln aus der Hand indonesischer Islamisten bemühte. Anders als der Sohn des gestürzten ägyptischen Präsidenten kann Saif al-Islam für eine Übergangszeit als Garant der politischen und wirtschaftlichen Macht des Familienclans wirken und zugleich den Schein des Neuen verkörpern. Gleichfalls im Unterschied zu Ägypten mit Mohammad al-Baradei oder Amr Mussa gibt es außerhalb der Gaddafis keine Figur, die sich als Bezugspunkt eines Wechsels profilieren könnte.

Politische Freiheiten gefordert

Der soziale Hintergrund der Opposition ist unklar. Ähnlich wie in Ägypten und Tunesien sind es vor allem junge Menschen, die auf die Straße gehen. Sie machen die Mehrheit der Bevölkerung aus, nehmen die nach dem Putsch der "Freien Offiziere" unter Oberst Gaddafi 1969 eingeleiteten Verbesserungen der sozialen Lage als gegeben und fordern davon ausgehend politische Freiheiten und gesicherte berufliche Perspektiven. Die Jugend bildet die Mehrheit der 30 Prozent Arbeitslosen. Wichtig ist die Rolle der Stammesstrukturen, in die sich viele der von Gaddafis basisdemokratischer Drapage seiner Diktatur ausgeschlossenen Geistlichen, Beamten und Händler zurückgezogen haben. Die Stämme haben auf dem flachen Land trotz der zentralistischen Macht in Tripolis eine große Bedeutung.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der älteren Libyer kennt die Armut unter dem gestürzten König Idris I. und schätzt mithin die sozialen Geschenke, die Gaddafi mit paternalistischem Pathos an seine Landsleute verteilt. Um die Wogen zu glätten, begann das Regime jüngst mit der Distribution von 150.000 Laptops an Mitglieder der staatlichen Jugendorganisation.

Weit entwickeltes Land Afrikas

Möglich wurden diese und andere Gaben durch die Einnahmen aus dem Export von Erdöl und -gas, der mehr als 95 Prozent der libyschen Ausfuhren ausmacht. Gehörte Libyen einst zu den ärmsten, so gilt es heute als eines der am meisten entwickelten Länder Afrikas. Schule und medizinische Versorgung sind kostenfrei.

Außenpolitisch hat das Regime seine nuklearen Ambitionen aufgegeben, dem Terror entsagt und sich schrittweise an die USA angenähert. Ein Abkommen Italiens mit Libyen schränkte den Strom von Migranten nach Europa weitgehend ein. All dies steht nun auf dem Prüfstand.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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