ZwischenrufDas Mubarak-System lebt weiter

Auch wenn das Leben von Ägyptens Ex-Präsident Mubarak sich dem Ende nähert: Das von ihm geschaffene System besteht fort. Militär und Verwaltung sind mit seinen Gefolgsleuten durchsetzt, selbst in den ärmeren Schichten hat Mubarak noch viele Anhänger. So schnell kommt Ägypten nicht zur Ruhe.
Das Leben des Muhammad Husni Mubarak . Es war ein Leben voller Widersprüche, Wirrungen und 180-Grad-Wenden. Unter Präsident Gamal Abdel Nasser, der an der Spitze der "Freien Offiziere" 1952 König Faruk gestürzt hatte, absolvierte er in der Sowjetunion die traditionsreiche Frunse-Militärakademie und erhielt eine Ausbildung als Kampfflieger. Mubarak nahm als Pilot am Nordjemenitischen Bürgerkrieg Anfang der sechziger Jahre und 1973 am Jom-Kippur-Krieg gegen Israel teil. Als Vizepräsident unter dem 1981 von Islamisten ermordeten Staatschef Anwar al-Sadat hatte Mubarak entscheidenden Anteil an den Friedenverhandlungen mit Israel. Geschmeidig passte sich der Sohn eines kleinen Angestellten im Justizministerium nach dem Tod Nassers 1970 der Hinwendung seines einst mit der UdSSR verbündeten Landes zum Westen an.
An seiner zunehmend diktatorischen Herrschaft nahmen die westlichen Demokratien keinen Anstoß. Mubarak war gern von Washington bis Berlin ein gern gesehener Gast, dessen Gastgeber sich auch nicht darum scherten, dass er und seine Familie ein Vermögen von unglaublichen 40 Milliarden US-Dollar zusammenraubte. Mubaraks Frau ist bis auf den Tag Ehrenbürgerin von Stuttgart.
Ägypten mutierte unter Mubarak zum wichtigsten Alliierten der Vereinigten Staaten von Amerika im Nahen und Mittleren Osten. Ägypten ist nach Israel der weltweit größte Empfänger von Militärhilfe. Das bleibt auch so: Präsident Barack Obama verkündete jüngst, dass Ägypten auch in der Zukunft mit Lieferungen rechnen könne.
Die Armee war das entscheidende Machtinstrument von Nasser über Sadat bis Mubarak. Unabhängig davon, wer schlussendlich neuer Präsident wird, bleiben die Streitkräfte das entscheidende Vehikel, um eine Abdriften Ägyptens in Richtung Scharia-Staat zu verhindern. Das liegt auch im Interesse Israels, dessen politische und militärische Elite, den Iran ausgenommen, nichts so sehr fürchtet wie einen islamistischen Nachbarn. Nicht nur Mubarakleute an der Spitze des Militärrates oder möglicherweise sogar an erster Stelle im Staate behindern eine Demokratisierung, die ihres Namens würdig es. Der Beamten-, Verwaltungs- und Justizapparat ist mit des "ancien régime" durchsetzt; selbst in den ärmeren Schichten erfreut sich Mubarak immer noch zahlreicher Anhänger. Mubaraks Leben mag sich seinem Ende nähern, sein System lebt weiter. Es zu beseitigen, wird eine zweite Revolution erfordern. Ägypten kommt auf absehbare Zeit nicht zur Ruhe.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist er Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.