Zwischenruf Das Problem ist größer

Es geht nicht so sehr darum, wer wann die Unwahrheit gesagt hat. Bei der Debatte um Kundus geht es um den gesamten Afghanistan-Einsatz.
Was den US-Streitkräften im Irak das Massaker von Falludscha wurde, droht der Bundeswehr der Luftangriff von Kundus zu werden. Die Konsequenzen des deutschen Engagements in Afghanistan haben weder die Schröder/Fischer- noch die ihr folgenden Merkel-Regierungen bedacht. Die zentrale Frage besteht nicht darin, wer wem welchen Bericht vorenthalten hat. Oder wer von den Kontrahenten gelogen hat. Das Paar Schneiderhan/Wichert oder der Bundesverteidigungsminister.
Das Problem ist vielmehr, welche Rolle die Bundeswehr im außen- und sicherheitspolitischen Konzept der Bundesregierung spielt und künftig spielen soll: Ist die Armee ein Instrument zur Durchsetzung strategischer Interessen mit Blick auf mögliche bewaffnete Konflikte um Ressourcen aller Art oder eine Verteidigungsarmee?
In letzterem Falle hätte sie weder am sogenannten Kosovo-Krieg teilnehmen dürfen noch dürfte sie jetzt am Hindukusch präsent sein. Oder die Bundeswehr wird durch eine Grundgesetzänderung zur Interventionsstreitkraft. Dann gehörten Vorgänge wie das Bombardement von Kundus zur bitteren Normalität.
Es ging im Afghanistan nie nur allein um den "Krieg gegen den Terror", sondern um den Bau einer strategischen Pipeline von Turkmenistan nach Indien und Pakistan. Als die Taliban 1996 Kabul eroberten, freute sich die US-Regierung über die "Stabilität" nach dem Ende des Bürgerkrieges. Der jetzige Präsident Hamid Karsai hat die Vorwürfe der Pariser "Le Monde", Berater des mit dem Projekt befassten US-Konzerns Unocal gewesen zu sein, nie überzeugend entkräftet.
Das derzeitige Tohuwabohu gegenseitiger Verdächtigungen, der Veröffentlichung geheimer Dokumente durch Zeitungen und Websites ist das Ergebnis mangelnder Klarheit über Art und Umfang des militärischen Engagements der Bundesrepublik Deutschland im weltweiten Allgemeinen wie afghanischen Besonderen. Es scheint, als hätten die Protagonisten Angst vor einer Antwort.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.