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Rufe nach Unabhängigkeit in Barcelona.
Rufe nach Unabhängigkeit in Barcelona.(Foto: dpa)

Katalanische Unabhängigkeitsrufe: Der Geist ist aus der Flasche

Ein Kommentar von Wolfram Neidhard

Die Katalanen haben mit der spanischen Zentralregierung nicht viel am Hut. Die Wirtschafts- und Finanzkrise befördert ihren Wunsch nach Unabhängigkeit von Madrid. Ministerpräsident Rajoy hat damit ein Problem mehr, denn Katalonien will auch nicht mehr für andere Regionen zahlen. Ist Spanien als Ganzes in Gefahr?

Der Ungeliebte in Madrid: Mariano Rajoy.
Der Ungeliebte in Madrid: Mariano Rajoy.(Foto: REUTERS)

Mariano Rajoy ist wahrlich nicht zu beneiden. Der spanische Ministerpräsident schlägt sich derzeit mit leeren Kassen herum, die Banken seines Landes sind marode, die Immobilienblase ist geplatzt. Das - ökonomisch gesehen - viertgrößte Land der Eurozone leidet unter einer Arbeitslose auf den Barrikaden und steckt in der Rezession. Der Druck auf Rajoys Regierung wächst, endlich eine Rajoy will selbst entscheiden zu stellen. Als Zauderer gilt der Hausherr des Madrider Palacio de la Moncloa ohnehin schon.

Als wäre dies nicht schon genug: Nun sorgt die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise für weiteres Ungemach. Im Nordosten machen die Katalanen mobil. "Independencia" (Unabhängigkeit), erschallte es in Barcelona. Rund 1,5 Millionen Menschen protestierten in der zweitgrößten Stadt Spaniens gegen die ungeliebte Zentralregierung in Madrid, die Katalonien in den Augen seiner Bürger schweren Schaden zufügt. Das ist schon bemerkenswert, hat die sogenannte Autonome Gemeinschaft doch insgesamt rund 7,5 Millionen Einwohner.

Sie wollen raus aus Spanien.
Sie wollen raus aus Spanien.(Foto: dpa)

Die im März dieses Jahres gegründete Unabhängigkeitsbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) geht in die Offensive. Katalonien, die wirtschaftsstärkste Region Spaniens, leide unter der Fuchtel Madrids, so ihre Aktivisten. Mehr als 16 Milliarden Euro pro Jahr müsse es zur Entwicklung der restlichen spanischen Regionen beisteuern, klagt Regierungschef Artur Mas. Und das, obwohl auch seine Region im Schuldenmeer zu ertrinken droht - rund 42 Milliarden Euro sind es. Seine Katalanen unterstützen Mas mehrheitlich.

Kein Wunder, denn auch Katalonien ist von der Krise nicht verschont geblieben. In Barcelona und Umgebung brach der Immobiliensektor zusammen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 22 Prozent nur noch unwesentlich unter dem spanischen Durchschnitt (24 Prozent). Für soziale Einrichtungen wie Altenheime gibt es kein Geld. Kurzum: Den stolzen Katalanen geht es zwar noch etwas besser als den Menschen in Galicien, Andalusien oder Murcia, aber eben nicht mehr so richtig gut. Auch bei der Regionalregierung in Barcelona ist Ebbe in der Kasse. Es war eine Schmach für Mas, Spaniens Regionen funken SOS .

Kataloniens Regierungschef Artur Mas.
Kataloniens Regierungschef Artur Mas.(Foto: REUTERS)

Dass in Spanien Fliehkräfte wirken, dass Regionen wie das Baskenland, Galicien, Navarra oder eben Katalonien ein hohes Maß an Autonomie einfordern, ist nicht neu. Nun wirkt aber die Krise als Brandbeschleuniger, der für den Bestand Spaniens als Ganzes gefährlich werden könnte.

Der 11. September ist auch für die Katalanen ein geschichtsträchtiges Datum: Sie begehen an diesem Tag ihren Nationalfeiertag "Diada". 1714 stand man im Spanischen Erbfolgekrieg auf der falschen Seite, und der Sieger Philipp von Anjou zog in Barcelona ein. Er machte Schluss mit der Selbstverwaltung. Nach kurzem Intermezzo in den 1930er Jahren bekam man erst 1977 - nach den finsteren Franco-Jahren - den Status einer Autonomen Gemeinschaft. Vom 11. September 2012 geht nun ein wichtiges Signal aus: der wachsende Wunsch der Katalanen nach Unabhängigkeit.

So frisst die europäische Schuldenkrise nicht nur Regierungen. Sie wird auch zu einer Gefahr für den Bestand von Ländern. Alleine wäre Katalonien eine der wichtigsten europäischen Wirtschaftsmächte, tönt es selbstbewusst in Barcelona. Ob das zutrifft, sei dahingestellt.

Spanien ohne Katalonien? Derzeit wohl kaum vorstellbar. Es wäre doch schade, wenn Madrid holt Spaniens Supercup . Dennoch ist es Realität, dass derzeit mehr als die Hälfte der Katalanen die Unabhängigkeit ihrer Region von Spanien befürwortet. Es ist spannend zu beobachten, wie Rajoy oder seine Nachfolger diesen Geist wieder in die Flasche bekommen.

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Quelle: n-tv.de

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