ZwischenrufDer Turmbau zu Dubai

Dubai hat sich weltweit bis Oberkante Unterlippe verschuldet. Doch die negativen Reaktionen an der Börse dürften vorübergehender Natur sein. Ein Warnsignal sind sie allemal.
Schon im Februar sagte mir in Abu Dhabi jemand, der es wissen musste: Dubai hängt am Tropf des großen Bruders. Wird die Leitung unterbrochen, ist die Glitzerwelt pleite. Dass Abu Dhabi es soweit kommen ließ, dass der mit 60 Milliarden US-Dollar schwerstverschuldete Staatsfonds "Dubai World" seine Gläubiger um Zahlungsaufschub bittet zeigt, dass das größte der Vereinigten Arabischen Emirate nicht gewillt ist, den Pumpkurs des kleineren Nachbarn kommentarlos hinzunehmen.
Dubai hat sich weltweit bis Oberkante Unterlippe verschuldet, sowie es Island und Irland taten. Der Weg, den Dubai seit etwa Mitte der neunziger Jahre beschreitet, ist - im Prinzip - richtig. Angesichts des prognostizierten Versiegens der Ölreserven binnen etwa zwei Jahrzehnten setzte die Herrscherfamilie um Scheich Mohamed bin Raschid al-Maktoum auf Tourismus und Zwischenhandel. Letzteres funktioniert bis auf den Tag. Dubai ist - in östlicher Richtung - unverzichtbarer Dreh- und Angelpunkt für die Warenströme in Richtung Iran, Indien und Pakistan. Nach Süden reichen die Verbindungen bis hinunter nach Somalia und Kenia. Der Tourismus florierte in den Anfängen. Doch musste Dubai rasch begreifen, dass die Rechung ohne Billigtourismus nicht aufgeht. Heute sind Reisen an den Golf schon zu Mallorca-Preisen zu haben. Sinnfälliges Zeichen für den Flop des Luxustourismus ist die - nicht ausgelastete - künstliche Insel "The Palm Jumeirah", die von der Internationalen Raumstation ISS sichtbar ist. Wer auf dem Creek, dem Wasserarm, der Dubai in zwei Stadthälften teilt, entlangfährt, hält Manhattan für eine billige Kopie. Der Immobilienboom der vergangenen Jahre ließ weitere gigantomanische Projekte reifen, wie etwa das Burj Dubai, das höchste Gebäude der Welt. Der Turm bleibt wohl unvollendet. Die weltweite Finanzkrise brachte die Geldströme zum versiegen.
Das finanzpolitisch konservative Abu Dhabi verfügt mit seinem Staatsfonds IPIC über hinreichende Reserven in Milliardenhöhe, um dem heruntergewirtschafteten kleineren Bruder unter die Arme zu greifen. IPIC hat einen langen Atem. In Deutschland ist IPIC bei MAN und Daimler aktiv. Wie auch "Dubai World". Sorgen um einen Rückzug scheinen unbegründet, weil Abu Dhabi seine strategischen Positionen kaum aufgeben und Dubai nicht hängen lassen wird. Die negativen Reaktionen an der Börse dürften also vorübergehender Natur sein, wie die heutigen Kursentwicklungen zeigen. Ein Warnsignal sind sie allemal. Auch im nunmehr zweiten Jahr der Finanzkrise zocken die Global Player munter weiter als wäre nichts geschehen. Wenn nichts passiert, droht das Burj Dubai zu einem Turmbau des modernen Babel zu werden.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.