Politik
Sieht sich gern als Supermann: Silvio Berlusconi.
Sieht sich gern als Supermann: Silvio Berlusconi.(Foto: REUTERS)

Tote Hose bei Silvio Berlusconi: Der Wahnsinn hat Methode

ein Kommentar von Udo Gümpel, Rom

Silvio Berlusconi ist vulgär, peinlich und mittlerweile auch etwas unbeliebt innerhalb Italiens. Doch nicht unbeliebt genug! Wer wählt diesen Mann, der sich sicherlich nicht durch sein gutes Aussehen und seinen Charme an der Macht hält?

Wie kann sich dieser Mann bloß an der Macht halten? Das fragt sich ganz Europa – außerhalb der italienischen Landesgrenzen. In Italien fragen sich das schon sehr viel weniger.

Fangen wir mit den Essentials des italienischen Lebens an: mit der Bar. Zwar haben erst die Amerikaner dieses Stück gefühlte Italien nach dem Sieg über Mussolini hergebracht – vorher saßen die Italiener gemütlich beim Glas Wein in der Osteria, oder auf der Türschwelle, aber sei's drum. Was hört man da also an der Bar zu unserem Mann? Richtig, er ist peinlich. Jedem, auch seinen Anhängern, die hier Fans heißen. Die lieben ihn. Wegen seines schlechtsitzenden Haartoupets? Wegen der Absätze? Oder der vermeintlichen Liebesnächte mit einem Dutzend junger Damen, die er prahlt, in einer Nacht vernascht zu haben? Natürlich nicht.

Führen wir – auch wenn es in Italien nicht so üblich ist – die Tatsachen in die Diskussion ein. Berlusconi ist schon vor vielen Jahren die Prostata total-operiert worden. Also da regt sich gar nichts mehr von alleine, es sei denn, man hilft nach. Chemisch, mechanisch, spielt keine Rolle. Meilenweit entfernt von einer Supermann-Performance. Und doch muss der Mythos leben. Weil der Boss eben auch der Supermacho sein muss.

Berlusconi regiert die Schlafzimmer

Aber Vorsicht mit dem vorschnellen Urteil: Nicht deswegen bleibt er an der Macht. Das ist schmückendes Beiwerk, die Show für den Morgen-Cappuccino, damit jeder etwas hinter vorgehaltener Hand weiter erzählen kann. Wie bei einer Telenovela. Deren Erfolg ist sicher, wenn die Protagonisten Teil unserer Familien geworden sind, man leidet mit ihnen, kennt ihre Lieben, Ängste – weiß einfach alles.

Berlusconi kann in seinem Land sehr weit gehen.
Berlusconi kann in seinem Land sehr weit gehen.(Foto: REUTERS)

Berlusconi ist Teil des Lebens aller Italiener geworden. Und wer ihn kennen gelernt hat – im biblischen Sinne –, geht erhobenen Hauptes, wird bewundert, macht Karriere. Überall. Berlusconi hat die geistige Oberhoheit über die Wohn- und Schlafzimmer der Italiener errungen, seit langem schon. Jetzt probiert er nur aus, wie weit er dabei gehen kann.

Immer das Schatzschatüllchen parat

Die reale Macht verschafft ihm der Unterbau aus Abhängigen, aus ehemaligen Angestellten seines Imperiums, die enorme Kohorte derjenigen, die sich an seiner Tafel vollfressen wollen – und dürfen, denn es ist ja für alle da. Berlusconi ist ein sehr großzügiger Mann. Wer ihm folgt, wird belohnt.

Als Gianfranco Fini, 17 Jahre lang sein treuester Bündnispartner, die Klamotten hinschmiss und glaubte, 80 Abgeordnete mitzuziehen, öffnete Berlusconi für einen Augenblick sein Schatzschatüllchen und schon hatte er wieder eine feste Mehrheit im Parlament. Der Staatsapparat, das Staatsfernsehen überall haben sie sich festgesetzt: die Berlusconis. Aus allen Lagern, selbst aus der Opposition standen sie Schlange, um auf seine pay-role zu kommen.

Uneingeschränkte Treue

Die dritte Gruppe aber sieht man am wenigsten. Wer in Nibelungen-Treue zu ihm steht, das sind die Steuerhinterzieher. Starker Tobak? Unbeweisbare Vermutungen? Hier die Fakten: Im Jahre 2002 erlässt die Berlusconi-Regierung und ihr bei Europas Regierungen so hoch geschätzter Finanzminister Giulio Tremonti einen totalen Steuerschuldenablass für diejenigen, die in den fünf Vorjahren die Mehrwertsteuer hinterzogen haben.

Udo Gümpel ist Italien-Korrespondent von n-tv.
Udo Gümpel ist Italien-Korrespondent von n-tv.

939.000 Italiener nutzen diesen Total-Ablass und zahlten, man glaubt es kaum, im Gegenzug EIN (!) Prozent der hinterzogenen Summe. Ein Prozent. Wieviel zahlten sie? Drei Milliarden Euro. Daraus ergibt sich, dass sie in den fünf Bezugsjahren des Schuldenerlasses insgesamt 300 Milliarden Euro hinterzogen hatten. Denken wir einmal kurz an den Schuldenberg Italiens: heute knapp 2000 Milliarden Euro.

Steuerhinterzieher gehören zum harten Kern

2008 verwirft der Europäische Gerichtshof den Schuldenerlass als rechtswidrig. Aber nichts passiert in Italien. Der italienische Verfassungsgerichtshof urteilt dazu vor einigen Wochen, dass die Hinterzieher von damals, sofern sie mehr als 77.000 Euro hinterzogen haben, vor Gericht müssen. Auch wenn sie den Ablass bezahlt haben – denn dieser ist ja nichtig. Doch all das wird am 31. Dezember wegen Verjährung hinfällig, wenn die Steuerverwaltung den Personen, deren Namen und Anschriften sie ja kennt, bis dahin nicht die Nachforderung ins Haus geschickt hat. Weil der Super-Ablass von 2002 eben von vorne bis hinten rechtswidrig war.

Natürlich wird nichts passieren. Denn diese eine Million staatlich registrierter Steuerhinterzieher, die Italien heute nach Abschätzung des Mailänder Staatsanwaltes für Finanzdelikte einschließlich der Zinsen rund 450 Milliarden hinterzogene Mehrwertsteuer schulden, sind der harte Kern der Berlusconi-Wählerschaft. Man braucht diese Leute nicht erst suchen, es sind ja registrierte Steuerhinterzieher. Man müsste es nur wollen. Unter den Freunden an Bar ist hin und wieder auch einer von ihnen. Es sind ja nicht gerade wenige. Wer mit dem Teufel essen will, der braucht einen sehr langen Löffel. Ob Frau Merkel den hat?

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Quelle: n-tv.de

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