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Militärische Drohgebärden: Nordkorea hat wieder einen Atomtest durchgeführt und die nächsten sind schon angekündigt.
Militärische Drohgebärden: Nordkorea hat wieder einen Atomtest durchgeführt und die nächsten sind schon angekündigt.(Foto: picture alliance / dpa)

Zwischenruf: Der koreanische Januskopf

Von Manfred Bleskin

Südkorea reagiert auf den Atomtest des Nordens mit Raketenübungen und Manövern. Der Jungdiktator in Pjöngjang braucht nach der Entmachtung der alten Armeespitze aber die Loyalität der Streitkräfte, wozu auch die Tests dienen. Kims geplante Wirtschaftsreform hat anders kaum Aussicht auf Erfolg.

Nach dem nordkoreanischen Atomtest kam es in Südkorea zu massiven Protesten.
Nach dem nordkoreanischen Atomtest kam es in Südkorea zu massiven Protesten.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel erinnern in fataler Weise an einem Vulkan. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kommt es zu Eruptionen, deren Folgen jedes Mal als unvorhersehbar beschrieben werden.

Die Jubelperser, die Machthaber Kim Jong Un über den nach seinem  Großvater benannten zentralen Kim-Il-Sung-Platz der Hauptstadt marschieren ließ, mögen den neuerlichen Atomtest als Sieg der auf Autarkie ausgerichteten Chuch’e-Ideologie und Drohgebärde in Richtung Westen und Süden empfunden haben. Zweifellos zeigt der gelungene Test, dass das stalinistische Regime technologische Höchstleistungen vollbringen kann, obwohl es international wirtschaftlich, politisch und militärisch weitgehend isoliert ist.

Rolle der Streitkräfte

Aber es geht um mehr: Baby Kim braucht die atomare Aufrüstung, um  seinen Rückhalt in den Streitkräften zu festigen. Mit 1,2 Millionen Mann ist die Armee eine der größten der Welt und verschlingt mit umgerechnet fünf Milliarden US-Dollar mehr als ein Viertel des Staatshaushalts.

Ist auf den Rückhalt der Armeeführung angewiesen: Machthaber Kim Jong Un.
Ist auf den Rückhalt der Armeeführung angewiesen: Machthaber Kim Jong Un.(Foto: picture alliance / dpa)

Zu Jahresbeginn hatte Kim, der zuvor zum Marschall ernannt worden war, Generalstabschef Ri Yong Ho aller Ämter enthoben. Er wurde durch den weithin unbekannten General Hyon Yong Cho ersetzt, der den Rang eines Vizemarschalls erhielt. Es entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit, wenn sich ein Dreißigjähriger ohne militärische Erfahrung zum Vorgesetzten eines Langgedienten macht. Dies aber widerspiegelt den Untertanengeist des dynastischen Regimes, das gleichwohl ohne Loyalität seiner wichtigsten Machtstütze kollabieren würde.

Schrittweise Stärkung der zivilen Wirtschaft

Der neue Machthaber will schrittweise von der Linie "Die Armee zuerst!" abrücken und die zivile Wirtschaft stärken. Dabei erscheint Hyon als verlässliche Stütze. Nach chinesischem Vorbild ist auch an die Förderung ausländischer Investitionen in Sonderwirtschaftszonen gedacht. Mit China wurde bereits ein entsprechender Vertrag unterzeichnet. Die beiden Zonen werden im Norden entstehen. Anders als beim großen Bruder sollen aber nicht nur Sonderzonen geschaffen werden: Die Gelder können auch in ausgewählte Betriebe fließen, die übers Land verteilt sind.

Im Süden existiert mit Kaesong bereits eine Zone, in der Autoteile, Bekleidung und Schuhe produziert werden. Kaesong funktioniert, schwerbewacht, auch in Spannungszeiten.

Südkorea hat auf den jüngsten Atomwaffentest mit fortgesetzten Übungen zu Lande, zu Wasser und zu Luft reagiert und einen Marschflugkörper mit einer Reichweite von mehr als 1.000 Kilometern reagiert. Unter der neuen südkoreanischen Präsidentin Park Geun Hye, Tochter des früheren Diktators Park Chung Hee, sind die politischen Kontakte weitestgehend zum Erliegen gekommen.

Diplomatische Eiszeit

Die Sonnenscheinpolitik des inzwischen verstorbenen Staatschefs Kim Dae-jung ist einer Eiszeit gewichen. Dabei müsste es im Interesse des wirtschaftlich hochentwickelten Südens liegen, durch mehr Investitionen  und Kontakte die wirtschaftliche Entwicklung zu befördern und das gesellschaftliche Klima zumindest punktuell zu beeinflussen.

Das geistige, soziale und ökonomische Süd-Nord-Gefälle könnte, im Fall eines Zusammenbruchs des Regimes in Pjöngjang, katastrophale Folgen haben. Die militärischen Drohgebärden beider Seiten sind die andere Seite des Januskopfes zur Legitimation der eigenen Politik. Auch diesmal sind die Folgen absehbar: Auf den Vulkanausbruch folgt eine Periode der Stille. Nord und Süd sollten die fruchtbare Vulkanasche nutzen, um ein neues Pflänzchen der Hoffnung zu setzen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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