Politik

Zwischenruf: Der starke Mann am Bosporus kränkelt

Ein Kommentar von Manfred Bleskin

Die teils gewaltsamen Proteste in der Türkei rufen im Westen zunehmend Besorgnis hervor. Doch von einem "türkischen Frühling" ist das Land weit entfernt. Gleichwohl beeinträchtigen die Unruhen die geostrategischen Interessen des Westens in einer Region von Istanbul bis Kabul.

Die Proteste entzündeten sich an einem Bauprojekt.
Die Proteste entzündeten sich an einem Bauprojekt.(Foto: AP)

Früher oder später musste es auch in der Türkei soweit kommen: Die Unterdrückung religiöser Minderheiten und ausgebeuteter Massen führt zu Widerstand, der umso gewaltsamer ist, je unerträglicher das Ausmaß von Unterdrückung und Ausbeutung wird. Wenn das Wirtschaftswachstum auch beeindrucken mag: Ein gutes Viertel der knapp 75 Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Arbeitslosigkeit bewegt sich seit zwei Jahren wieder im zweistelligen Bereich und liegt unterschiedlichen Angaben zufolge bei elf Prozent.

Trotz einiger Fortschritte ist die Zukunft der bis zu 15 Millionen Kurden weit von einer Lösung entfernt. Auch die Alewiten mit ihren etwa 20 Millionen Anhängern werden unverändert diskriminiert. Diese schiitische Konfession kann die Namensgebung für die neue Brücke über den Bosporus nur als Provokation verstehen: Sultan Yavuz Selim, der schon zu Lebzeiten den Beinamen "Der Grausame" erhielt, gilt ihnen als Verantwortlicher für den Tod von bis zu 70.000 Glaubensgenossen Anfang des 16. Jahrhunderts. Unter seiner Herrschaft erreichte das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung,

Ängstlicher Blick nach Syrien

Die Osmanisierung der türkischen Außenpolitik ist gescheitert. Es ist nicht gelungen, Länder wie den Libanon und Syrien eng an sich zu binden. Doch im Inneren will Ministerpräsident Recep Erdogan weitermachen. Die türkische Alewiten blicken voller Furcht nach Syrien, wo die ihnen nahestehenden Alawiten ins Visier der sunnitischen Führungsschicht in Ankara geraten sind. Parallel dazu geht die Islamisierung der laut Verfassung laizistischen Türkei weiter. Der Plan, auf dem Camlica-Hügel auf der asiatischen Seite Istanbuls eine gigantische Moschee zu errichten, ist nur äußeres Zeichen davon.

Auch wenn die Initialzündung der Protestwelle – der Widerstand gegen die Abholzung eines Parks jener in Tunesien – die Selbstverbrennung eines verzweifelten Straßenhändlers mit Hochschulabschluss – gleicht: Von einem "türkischen Frühling" ist das Land weit entfernt. Zudem ist Erdogan im Unterschied zu den Despoten in Nordafrika demokratisch legitimiert. Die Krux aber ist, dass er seine nunmehr dritte Amtszeit als Rechtfertigung für eine zunehmend autoritären Regierungsstil begreift.

Die Kritik am Vorgehen gegen die Demonstranten aus USA und EU zeugt von Besorgnis. Ein von landesweiten Unruhen erschütterter Bündnispartner und Beitrittskandidat würde die Region von Istanbul bis Kabul noch weiter destabilisieren. Geostrategische wie wirtschaftspolitische Interessen des Westens wäre gefährdet. Einen kranken Mann am Bosporus kann er nicht gebrauchen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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