Politik
Vor Helmut Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim.
Vor Helmut Kohls Haus in Ludwigshafen-Oggersheim.(Foto: dpa)
Samstag, 01. Juli 2017

Straßburg statt Berlin: Dieser Trauerakt ist wirklich traurig

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Man kann es historisch finden, dass ein deutscher Bundeskanzler nach seinem Tod in Straßburg aufgebahrt und dort mit einem europäischen Staatsakt gewürdigt wird. Doch Europa wird heute nur benutzt.

Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit, einer der Väter der europäischen Einigung, wird heute mit einem europäischen Trauerakt in Straßburg geehrt. Die Idee geht auf den Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, zurück, einen Freund Kohls. Juncker sprach von einem europäischen "Staatsakt", als er seinen Vorschlag machte.

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Es gibt gute Gründe, diese Art der Feierlichkeit für angemessen zu halten. Für Kohl war die Europäische Union eine Herzensangelegenheit, für ihn war der Satz von der deutschen Einheit und der europäischen Einigung, die zwei Seiten derselben Medaille seien, keine hohle Phrase. Dass "sein" Europa – dieses Gebilde, das kein Staat ist, aber viel mehr als ein loser Zusammenschluss von Staaten – Kohl mit einem Staatsakt ehrt, hat zweifellos einen visionären Charme.

Doch leider hat dieser Staatsakt noch eine andere Seite. Den Trauerakt im Europaparlament gibt es, weil Kohl und seine zweite Frau Maike Kohl-Richter nicht wollten, dass ein Staatsakt in Deutschland stattfindet. Laut "Bild"-Zeitung wollte Kohl-Richter vor allem verhindern, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem solchen Staatsakt spricht.

Der Groll geht auf die Affäre um die sogenannten Bundeslöschtage zurück. Nach der Bundestagswahl von 1998, die Kohl verloren hatte, warf die neue rot-grüne Regierung dem Altkanzler vor, Akten und Daten beseitigt zu haben – was sich später nicht erhärten ließ. Kohl nahm Steinmeier das übel. Im Jahr 2003 schrieb er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", unter der Verantwortung des damaligen Kanzleramtsministers seien Mitarbeiter zusammengezogen worden, "um den Vorwurf zu konstruieren, wir hätten im Kanzleramt … Akten verschwinden lassen". Angeblich weigert sich Kohl-Richter bis heute, mit Steinmeier zu reden.

Nach dem Trauerakt im Europaparlament gibt es eine Totenmesse in Speyer. Dort wird Kohl auch beigesetzt – und nicht im Familiengrab in Ludwigshafen, in dem Kohls erste Frau Hannelore 2001 ihre letzte Ruhestätte fand. Sohn Walter Kohl hat dies scharf kritisiert. Im Interview mit der "Zeit" forderte er einen Staatsakt für Kohl am Brandenburger Tor in Berlin. Er sei überzeugt, "dass diese Idee bei voller Gesundheit seine Zustimmung gefunden hätte", fügte Walter Kohl hinzu.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Wer in diesem Familiendrama gut, wer böse ist, ist von außen nicht zu beurteilen. Klar ist allerdings, dass die Trauerfeierlichkeiten von einem unangenehmen Kampf um die Deutungshoheit über den Toten begleitet werden. Dass ein verstorbener deutscher Kanzler in Frankreich mit der EU-Flagge auf dem Sarg aufgebahrt wird; dass die Europäische Union den ersten Staatsakt ihrer Geschichte ausrichtet; dass der Europäer Kohl europäisch gewürdigt wird – all dies geschieht auch deshalb, weil es in Kohls Weltbild und dem seiner Witwe von Feinden wimmelt.

Damit steht der heutige Trauerakt in einer unwürdigen Tradition. Überall in Europa machen Regierungen Brüssel verantwortlich, wenn sie etwas selbst nicht hinbekommen. Dieser Umgang mit der EU ist einer der zentralen Gründe für den schlechten Ruf, den Europa hat. Dass die EU instrumentalisiert wird, um einen deutschen Staatsakt für Helmut Kohl zu verhindern, ist traurig.

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Quelle: n-tv.de

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