Politik
Claudia Roth hat ihre Schlappe bei der Urwahl empfindlich getroffen.
Claudia Roth hat ihre Schlappe bei der Urwahl empfindlich getroffen.(Foto: dapd)

Roth macht weiter: Entscheidung ohne Alternative

Ein Kommentar von Johannes Graf

Die Grünen verpassen ihrer Chefin einen Denkzettel. Nur jeder Vierte will Roth als Spitzenkandidatin. Das sitzt tief. Dennoch will sie weiter Grünen-Vorsitzende bleiben. Was manche als Klammern an der Macht deuten, ist in Wahrheit eine kluge Entscheidung: die einzige, bei der weder Roth noch die Partei das Gesicht verlieren.

Claudia Roth benötigt einigen Anlauf, bis sie der Öffentlichkeit an diesem Montagmorgen das sagt, worauf ihre Partei und das politische Berlin ein Wochenende lang hatten warten müssen. "Ich ziehe meine Kandidatur für den Parteivorstand nicht zurück", sagt sie nach etwa fünfminütiger Vorrede ins Blitzlichtgewitter hinein. Die Urgrüne, die schrille Frau, die mit ihrer Persönlichkeit polarisiert wie keine zweite in der politischen Landschaft, will sich noch einmal zur Wahl stellen.

Vorangegangen ist die wohl größte Kränkung, die Roth in ihrer Karriere jemals erfahren hat. Bei der Urwahl, in der die Grünen das Spitzenduo für die Bundestagswahl bestimmten, unterlag sie nicht nur Jürgen Trittin und Kathrin Göring-Eckardt. Sie landete mit 26,2 Prozent Zustimmung weit abgeschlagen auf dem vierten Rang. Nur jeder vierte Grüne will sie an vorderster Front sehen. Nur jeder Vierte. Das ist für eine Parteichefin - die ja in anderen Parteien das natürliche Vorgriffsrecht für die Spitzenkandidatur genießen würde - eine krachende Niederlage.

Süße Aufmunterungen für Roth

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Wer Claudia Roth kennt, weiß, wie emotional sie reagieren kann. Und so ist ihr ein aufwühlendes Wochenende anzusehen, als sie vor die Kameras tritt. Sie sei von einer "großen Zerrissenheit durchgerüttelt" worden. Ihr Ergebnis sei eine "herbe Klatsche und eine bittere Enttäuschung" gewesen. Claudia Roth ist ehrlich getroffen. Sie kämpft mit den Tränen. Die Kämpferin, die seit 2004 zum zweiten Mal der Partei vorsteht, ist angezählt. Die Frau, die ihrer Partei in den langen Jahren der Opposition eine Stimme gegeben und sie 2009 zu neuen Höhen geführt hat, wird dermaßen mit Undankbarkeit gestraft.

Und dann wählt sie die Flucht nach vorne. "Es geht nicht in erster Linie um meine Enttäuschung", bereitet sie ihre Ankündigung vor. Es gehe um etwas Wichtigeres: die Ablösung von Schwarz-Gelb. Die Partei, die sie mit ihrem Votum niederschlug, half ihr, sich wieder aufzurichten. Die Reaktionen vom Wochenende hätten sie dazu bewogen, sagt sie. Eine "Vielzahl von Zuspruch und Unterstützung", einen "Candystorm" gar, habe sie erfahren. Nun liege es an den Parteitagsdelegierten, sie am kommenden Wochenende in Hannover zu bestätigen oder abzuwählen.

Bei den Grünen unter Roth läuft es

Das zu riskieren, ist eine kluge Entscheidung. Denn bei aller Emotionalität beweist Roth damit, wie sehr ihr auch das Machtkalkül liegt. Indem sie sich nach dem miserablen Ergebnis zurückzog, hat sie erst die vielen Aufmunterungen vom Wochenende provoziert. Wer sich versteckt, wird gesucht. Wäre sie ohne diese Kunstpause in die Vorstandswahl gegangen, hätte sie womöglich ebenfalls ein schlechtes Ergebnis erzielt. Nun aber sind die Grünen ehrlich erschrocken. Eine derart herbe Schlappe hat niemand Claudia Roth gegönnt. Die Gegenreaktion könnte nun sein, dass die Delegierten dieses Bild geraderücken wollen. Auch, um den Eindruck der Selbstzerfleischung zu vermeiden. Damit verbessern sich Roths Chancen, erhobenen Hauptes aus dem Urwahldebakel hervorzugehen. Der einzige Weg dazu führt über ein hervorragendes Ergebnis beim Parteitag in Hannover.

Hinzu kommt: Die vielen Aufforderungen aus den eigenen Reihen, weiterzumachen, sind auch aus der Not geboren. Vielen in der Partei ist schlagartig klar geworden: Wer, wenn nicht Roth, soll der Partei ein Gesicht geben? An ihrer Seite ist ihr Co-Vorsitzender Cem Özdemir stets recht blass geblieben. Mit 10,7 Prozent bei der Bundestagswahl 2009 gab es unter ihrer Ägide das beste Ergebnis in der grünen Geschichte. Seit Wochen liegen die Grünen in Umfragen bei rund 14 Prozent. Baden-Württemberg ist grün, Stuttgart neuerdings auch. Bei den Grünen läuft's. Und das hat auch mit Claudia Roth zu tun.

Göring-Eckardt als schwarz-grünes Omen

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Außerdem: Die Liste der am Wochenende gehandelten Alternativen ist kurz. Auf ihr stand lediglich die Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke. Sie ist zum einen weithin unbekannt und zum anderen gerade erst noch innerparteilich degradiert worden. Sie ist zwischen die Fronten geraten, der Parteivorstand nahm ihr die Entscheidungsgewalt über Personalien in der Parteizentrale. Wieso soll eine entmachtete Bundesgeschäftsführerin die bessere Parteichefin sein? Zudem wird sie als oberste Parteimanagerin gebraucht, wenn es in die heiße Phase des Wahlkampfs geht.

Doch von allen persönlichen Befindlichkeiten einmal abgesehen, ist die Entscheidung Roths, sich erneut zu Wahl zu stellen, eine strategisch wichtige. Denn sie fällt genau in eine Debatte darüber, ob sich die Grünen näher mit der Union befassen und mit einem schwarz-grünen Bündnis liebäugeln sollten. Via "Süddeutscher Zeitung" mahnte SPD-Chef Sigmar Gabriel: "Bei der SPD ist das klar: Wir wollen 2013 eine Regierungsbildung von SPD und Grünen und keine Koalition mit der CDU/CSU". Jetzt seien die Grünen am Zug. Nervös macht die Sozialdemokraten die Kandidatur von Kathrin Göring-Eckardt. Als Präses der Synode der Evangelischen Kirche ist sie auch für konservativere Kreise interessant. Einzelne Stimmen aus der Union hatten begrüßt, dass sie zur Wahl steht.

Das Risiko der direkten Demokratie

Nun brauchen die Grünen einen linken Ausgleich. Roth zum Beispiel. Sie ist Teil einer innerparteilichen Bewegung, die einem Bündnis mit den Schwarzen äußerst skeptisch gegenübersteht. Und für die Union auf der anderen Seite ist Roth ein absolutes No-go. Gleich, ob die Grünen am Ende im Herbst 2013 eine Koalition mit Merkels Partei schmieden oder nicht: Bis dahin muss die offizielle Alternative für die Wähler Rot-Grün heißen. Sonst gelingt es der Ökopartei nicht, genügend Wähler zu mobilisieren. Zu offen wäre die Flanke für Angriffe gegen die Glaubwürdigkeit der einstigen Politrebellen im Wahlkampf. Aufgeregt stellen alle verantwortlichen Grünen daher schon seit Samstag klar: Niemand hat die Absicht, mit der CDU/CSU anzubandeln. Zuletzt sagte das auch Kathrin Göring-Eckardt selbst.

Und die Sorge um die Glaubwürdigkeit der Grünen ist auch in anderer Hinsicht entscheidend für Roths Durchhalten. Staunend und voller Respekt haben Medien wie Parteienkonkurrenz in den vergangenen Wochen verfolgt, mit wie viel Eifer bei den Grünen direkte Demokratie gelebt wurde. Wenn bei der politischen Konkurrenz schwer zu durchschauende Parteiklüngel die wichtigen Fragen entscheiden, dann ist es bei den Grünen die Basis. Niemand sonst hat die Konsequenzen aus dem Erstarken der Piratenpartei besser erkannt als die Grünen. Dass die Urwahl aber auch ein Risiko in sich birgt, musste nun ausgerechnet Claudia Roth erfahren, die den Modus immer befürwortet hatte. "Direkte Demokratie, das kann auch mal schiefgehen", sagte sie am frühen Morgen. Wenn nun ausgerechnet sie beleidigt abdanken würde, wäre auch die Idee von der direkten Bestimmung des Führungspersonals gescheitert. Ihr Ende kommt nun allenfalls am Wochenende in Hannover. Direkt. Demokratisch. Mit einer möglichen Abwahl durch die Delegierten.

Quelle: n-tv.de

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