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Die Souvenirhändler in Rom haben schon die passenden Karten im Angebot.
Die Souvenirhändler in Rom haben schon die passenden Karten im Angebot.(Foto: dpa)

Zwischenruf: Habemus quaestiones!

Ein Kommentar von Manfred Bleskin

Die römisch-katholische Kirche hat einen neuen Papst. Franziskus hat nicht nur einen Berg innerkirchlicher Probleme abzutragen. Auch in der Ökumene und in den Beziehungen zu Judentum und Islam harrt seiner eine Riesenaufgabe. Wirkliche Lösungen bedeuteten aber eine radikale Abkehr von der Praxis Benedikts XVI.

Allein die Vielfalt und die Größe der Erwartungen an Franziskus zeigt, in welch erschreckendem Ausmaß sich die Krise der römisch-katholischen Kirche unter Benedikt XVI. verschärft hat. Das Votum der Kardinäle für einen, von dem man glaubt, er könne das Steuer nun endlich herumreißen, widerspiegelt die große Sorge um die Zukunft. Die innerkirchlichen Probleme sind Legion. Auch der lateinamerikanische Oberhirte mit europäischen Wurzeln wird deren Lösung nur in dem Maße angehen können, wie es ihm gelingt den Konsens innerhalb seiner Herde zu gewährleisten: Eine radikale Kurienreform, die Zustimmung zu Frauenordination, Empfängnisverhütung und Abtreibung würde die ernsthafte Gefahr von Abspaltungen heraufbeschwören. Das gilt auch für die Abschaffung des Zölibats, der doch eine der wesentlichen Ursachen für die mit Missbrauch umschriebenen Vergewaltigungen Schutzbefohlener durch Geistliche ist. Von der Priesterweihe Homosexueller und einem Ja zu gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ganz zu schweigen.

Doch es sind nicht nur die Probleme im römischen Katholizismus, die der Lösung durch den Neuen auf dem Stuhle Petri harren. Die Ökumene ist unter Papst Ratzinger keinen wesentlichen Schritt weitergekommen. Seinem zweifellos symbolträchtigen Besuch von Luthers Wirkungsstätte im Erfurter Augustinerkloster steht das Wort von den Protestanten, die "keine Kirchen im eigentlichen Sinn" wären, entgegen. Auch im Verhältnis zu den Ostkirchen knirscht es heftig. Zwar gesteht Benedikt den Orthodoxen im Unterschied zu den Protestanten zu, sie stünden in der Nachfolge der Apostel. Doch die Betrachtung als "Teilkirchen" Roms ist diskriminierend. Zu einem Treffen mit dem Patriarchen von Moskau als Oberhaupt der größten und einflussreichsten orthodoxen Kirche ist es nicht gekommen. Die Begegnung mit Bartholomaios I., dem Patriarchen von Konstantinopel, in Istanbul und dessen Besuch im Vatikan blieben folgenlos. Bartholomaios gilt zwar formal als "primus inter pares" der orthodoxen Bischöfe, hat aber kaum realen Einfluss auf die verschiedenen Kirchen der Orthodoxie.

Auch die Beziehungen zum Judentum sind unter Benedikt kaum besser geworden. Daran hat die Wiedereinführung der Karfreitagsfürbitte mit ihrem Bekehrungsaufruf an die Adresse der Juden einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Auch zu einer großen Geste wie einem Israelbesuch hat es nicht gereicht.

Das komplizierteste Problem in den interreligiösen Beziehungen des Vatikans ist das Verhältnis zum Islam. Daran ist nicht zuletzt Benedikts verunglückte Regensburger Rede Schuld, in der er so verstanden werden konnte, dem Islam indirekt "nur Schlechtes und Inhumanes" unterstellt zu haben. Zwar ist dies sicher nicht die einzige Ursache für Christenverfolgungen in muslimisch geprägten Gesellschaften. Einen Anteil daran dürfte die Rede gleichwohl haben.

Wenn Franziskus hier mutige Schritte nach vorn geht, bedeutet dies eine Abkehr von benediktinischer Praxis. Habemus papam! Habemus quaestiones! Wir haben einen Papst. Und an den gibt es eine ganze Reihe von Fragen. Wenn der Argentinier sich an dem katholischen Problemberg abarbeitet, dann wäre er wahrhaftig ein Arbeiter im Weinberg des Herrn.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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