Politik
Kiss-In vor der CDU-Zentrale in Berlin im Sommer 2000. Mittlerweile nehmen CDU-Politiker am Christopher Street Day teil.
Kiss-In vor der CDU-Zentrale in Berlin im Sommer 2000. Mittlerweile nehmen CDU-Politiker am Christopher Street Day teil.(Foto: picture-alliance / dpa)

Homo-Ehe: Höchste Zeit, die CDU zu loben

Ein Kommentar von Hubertus Volmer

Kinderbetreuung, Wehrpflicht, Energiewende und Mindestlöhne: Die CDU hat keine Bedenken, alte Zöpfe abzuschneiden, und sie erträgt es auch, sich dafür noch verhöhnen lassen. Dabei gibt es für Häme nicht den geringsten Grund - ganz im Gegenteil.

Video

Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann. Wenn Sinnsprüche eine politische Heimat haben, dann ist dieser Aphorismus des französischen Künstlers Francis Picabia eindeutig links. In der Bundesrepublik der achtziger Jahre fand er sich an den Wänden von Kneipen und Wohngemeinschaften, in denen ein einschlägiges Publikum verkehrte - wahrscheinlich als Relikt aus den Siebzigern.

Gemeint waren damals natürlich die Köpfe der anderen, die Vierkantschädel, die ihr Denken niemals ändern würden. Genauso wenig wie man selbst - man dachte ja bereits anders, warum sollte man seinem Denken erneut eine neue Richtung geben? Nie wäre man auf die Idee gekommen, dass auch "die anderen" dazulernen könnten.

Und doch ist genau das passiert. Die CDU hat sich als Motor der Veränderung erwiesen; sie hat sich ein neues Familienbild gegeben und die arbeitende Mutter auch in Westdeutschland gesellschaftsfähig gemacht, sie hat die Wehrpflicht abgeschafft, Mindestlöhne eingeführt, die Energiewende etabliert, eine Mehrheit für die Finanztransaktionssteuer besorgt. Und nun etabliert sie die Homo-Ehe als gleichberechtigte Form des Zusammenlebens. Zumindest ist sie - allem Zögern zum Trotz - auf dem Weg dahin.

Jeder dieser Kurswechsel war in der Union umstritten. Bis heute müssen sich die CDU und vor allem ihre Vorsitzende Angela Merkel anhören, den "Markenkern" der Partei verwässert, "Werte" geopfert und Stammwähler verprellt zu haben. Angesichts der jüngsten Wende werfen SPD und Grüne Merkel vor, sie mache die CDU zu einem "Hohlkörper". Ja, wie denn nun? In einer entscheidenden gesellschaftspolitischen Frage kommt die CDU nach langen Jahrzehnten endlich zur Vernunft, und alles, was Rot-Grün einfällt, ist Häme?

Es ist ja richtig, die CDU läuft dem Mainstream in der Regel nur hinterher. Und ein guter Teil des Lobes, das hier an die CDU geht, gebührt eigentlich der Gesellschaft, die sich in den letzten 20 Jahren nicht wenig verändert hat - woran natürlich auch SPD und Grüne ihren Anteil haben. Und, klar: Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Union schon jetzt einer völligen Gleichstellung der Homo-Ehe zustimmen wird. Sie muss eben Rücksichten nehmen, auf ihre Wähler, und auf Männer von Gestern wie den hessischen CDU-Fraktionschef Christean Wagner, der Homosexuelle insgeheim möglicherweise noch immer igitt findet, dies aber niemals sagen würde, weil auch er verstanden hat, dass es nicht mehr in Ordnung ist, sich abfällig über Schwule zu äußern.

Vermutlich wird es am Ende nicht die CDU, sondern das Bundesverfassungsgericht sein, das die Ausweitung des Ehegattensplittings auf die eingetragenen Partnerschaften durchsetzt. Doch der CDU ist zu verdanken, dass heute auch Konservative schwul sein können, ohne ein Geheimnis daraus machen zu müssen - und dass Schwule konservativ sein können, ohne sich dafür schämen zu müssen. Kaum anzunehmen, dass sich dies wieder zurückdrehen lässt, denn indem die CDU sich verändert, schlägt sie Pflöcke ein, hinter die wir als Gesellschaft kaum mehr zurückfallen können. Es ist wirklich höchste Zeit, die runden Köpfe der CDU zu loben.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen