Politik
Mittwoch, 24. Februar 2010

Contra: Der menschliche Makel: Käßmann hätte bleiben sollen

Till Schwarze

(Foto: dpa)

Margot Käßmann hat einen Fehler begangen. Einen schweren Fehler. Nicht zu Unrecht bezeichnet deshalb der Vorsitzende der konservativen Protestanten Käßmanns Alkoholfahrt als einen "Super-GAU": Die Bischöfin beschädigt die Evangelische Kirche, ihr Amt und – was am schwersten wiegt – ihre moralische Autorität. Sich betrunken hinter das Steuer eines Autos zu setzen und damit das eigene Leben sowie das anderer Menschen aufs Spiel zu setzen, ist eine vorsätzlich fahrlässige Handlung. Und sie hätte diesen dummen Fehler so einfach vermeiden können.

Durch ihr Fehlverhalten hat sich Käßmann als Vorbild angreifbar gemacht. Die Bischöfin hat Schuld auf sich geladen und sich damit ihre Kraft der Moral genommen. Zumal sie selbst betrunkene Autofahrer als verantwortungslos bezeichnet hat. Der Schaden ist groß, sie stand mit dem Rücken zur Wand und jetzt sah sie nur einen Ausweg: Käßmann ist zurückgetreten. Doch dieser Weg war falsch.

Die Kraft der Glaubwürdigkeit

Denn Margot Käßmann hätte nun erst recht ein Vorbild sein können. Die Bischöfin hätte zu ihrem Fehler stehen und einen Weg aufzeigen können, damit umzugehen. Das hatte sie schon mehrfach bewiesen: Mit ihrer Scheidung oder der Erfahrung einer Krebserkrankung hatte sich die Bischöfin als verletzlicher und fehlbarer Mensch gezeigt. Als Mensch, der auch Fehler macht, der scheitern kann. Das hatte sie angreifbar, aber auch authentisch werden lassen – daraus speisten sich ihre Beliebtheit und ihre Glaubwürdigkeit.

Genau diese Glaubwürdigkeit hätte Käßmann jetzt nutzen können. Weil sie sich nie als unfehlbare moralische Instanz begriff, sondern als verwundbarer Mensch, hätte sie auch mit diesem Fehler glaubwürdig im Amt bleiben können. Denn wo sonst sollte das möglich sein, wenn nicht in der christlichen Kirche? Die Bibel ist voller Beispiele über den Umgang mit reuigen Sündern und Fehlern, die verziehen werden können. Die Kraft zu vergeben ist die zentrale Botschaft der christlichen Lehre. Käßmann hätte ihren Fehler mit eben dieser Botschaft verbinden und beweisen können, wie menschlich die Kirche doch ist und wie menschlich auch der Makel ist. Dazu hätte sie allerdings zu aller Ehrlichkeit, Offenheit und glaubwürdigen Reue bereit sein müssen. Ihre Biografie sprach dafür, dass Käßmann dazu in der Lage gewesen wäre.

Ein steiniger Weg

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hatte sich bereits hinter die Bischöfin gestellt und ihr damit die Wahl überlassen, welchen Weg sie gehen will. Das war richtig so, denn nur Käßmann konnte entscheiden, ob sie im Amt bleiben wollte. Wünschenswert war es, weil sie bis zuletzt eine kraftvolle Vorsitzende war und zu vielen Themen wichtige und streitbare Positionen vertreten hat. Nicht zuletzt beim Thema Afghanistan. Die Bischöfin hatte der Evangelischen Kirche ein charismatisches Gesicht verliehen und auch Menschen erreicht, die wenig oder gar keinen Bezug zur Kirche haben. Das hätte auch nach ihrer Alkoholfahrt so bleiben können.

Quelle: n-tv.de

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