Politik

Zwischenruf: Kaschmirstreit: Droht ein Atomkrieg?

Von Manfred Bleskin

Der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir droht erneut in einen offenen Krieg umzuschlagen. So paradox es klingt: Das annähernde nukleare Gleichgewicht zwischen den verfeindeten Staaten sichert am Ende den Frieden.

Ein indischer Soldat beobachtet an der "Line of Control" die Umgebung.
Ein indischer Soldat beobachtet an der "Line of Control" die Umgebung.(Foto: REUTERS)

Es ist wie immer, wenn an der pakistanisch-indischen Demarkationslinie gekämpft wird: Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, für das Blutvergießen verantwortlich zu sein. Unabhängige Quellen gibt es zumeist nicht. Fakt ist, dass aus Pakistan stammende paschtunische Milizen 1947 nach dem Ende der Kolonialherrschaft in Britisch-Indien in das formal unabhängige Fürstentum Kaschmir einmarschierten und so eine militärische Reaktion Indiens provozierten. Seither fanden drei Kriege statt, die keine der Kriegsparteien für sich entscheiden konnte. Auch der 2004 wiederaufgenommene politische Dialog führte zu keiner Einigung. Die Kontakte kamen 2008 nach dem verheerenden Bombenanschlag von Mumbai/Bombay zum Erliegen: Neu-Delhi machte Islamabad für die Bluttat mit 174 Toten verantwortlich. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die pakistanische Regierung die Attentäter unterstützt oder deren Verbrechen gar angeordnet hat.

Indien spielt mit dem Feuer

Unbestritten ist jedoch, dass vor dem Hintergrund religiöser und ethnischer Gegensätze in Pakistan regionale Verwaltungen und Teilbereiche der Zentraladministration in einem Ausmaße voneinander unabhängig und sogar gegeneinander arbeiten, wie dies nur in wenigen Ländern der Fall ist. So gilt als weitgehend geklärt, dass der allmächtige Geheimdienst ISI den Aufenthalt von Terroristenchef Osama Bin Laden im Lande deckte, während die Regierung im Unklaren gehalten wurde. Zugleich kontrolliert die Zentralregierung weite Teile des Landes nicht oder nur eingeschränkt. Ähnlich verhält es sich mit den vom pakistanischen Teil Kaschmirs aus operierenden Milizen, die für einen Anschluss des indischen Jammu and Kashmir an den Azad Kashmir, Freies Kaschmir, genannten pakistanischen Teil des Gebietes kämpfen.

Erst im Frühjahr 2011 hatten Pakistans Staatschef Asif Ali Zardari und Indiens Premier Manmohan Singh einander in Neu-Delhi abermals versichert, eine friedliche Lösung anzustreben. Die Realität spricht eine andere Sprache. Wenn Indien jetzt mit "aggressiven, offensiven" Aktionen auf mögliche neuerliche Feuerüberfälle reagieren will, spielt es mit dem Feuer. Ein Vordringen auf den pakistanischen Teil Kaschmirs könnte zu einer unkontrollierbaren Eskalation führen. Diese dürfte allerdings nicht über den konventionellen Rahmen hinausgehen. Zwar haben führende Militärs beider Seiten erklärt, ihre kernwaffenbesitzenden Staaten könnten einen Atomkrieg überstehen. Doch das ist Teil eines Drohszenarios. Indien und Pakistan verfügen mittlerweile jeweils über ein so großes Potential an Atomwaffen, dass dessen massiver Einsatz einen "nuklearen Winter" bis nach Westeuropa, Russland und China verursachen würde. So makaber es klingt: Wie zu Zeiten des Kalten Krieges sichert ein "Gleichgewicht des Schreckens" den Frieden.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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