Berlusconis Getreue verlassen das SchiffKein Spaß mehr für Mister Bunga Bunga

Es ist ein Sittengemälde vom Feinsten: Korruption, aufreizende Mädchen und ein selbstgefälliger Autokrat. Immer mehr gleicht Italiens Ministerpräsident Berlusconi dem Kaiser Nero, der an der Klampfe zitterte, derweil Rom brannte. Jeden Tag bröckelt seine Macht ein wenig mehr, und wieder einmal muss er die Vertrauensfrage stellen - zum 51. Mal.
Die Leute verstehen aber auch keinen Spaß mehr, meint der Autokrat. Die Vorwürfe gegen ihn seien ja hinlänglich bekannt, er sei ja angeblich hinter den Damen hinterher wie der Teufel hinter der armen Seele. Der Schlachtruf der lustigen Abende im Hause des Allmächtigen, so geben es Damen (?) zu Protokoll, die dabei waren, soll gelautet haben: " la patonza deve girare", "die Möse muss in Bewegung bleiben"! Dieser böse Ruf, so verteidigt sich Premierminister , der hafte ihm nun mal an, dabei sei er ja nur ein galanter Verehrer der Damenwelt. Um es kurz zu machen: Als reinen Scherz habe er dann auf die Frage, wie man denn die neue Partei, mit der er in den nächsten Wahlkampf ziehen wolle, nennen solle, gesagt, im Scherze wohlgemerkt: "Partito della Gnocca": , "Allez le minette", "Go Pussy" … die halbe Welt sei über ihn hergefallen! Jetzt lernt die ganze Welt die italienischen Synonyme für Möse, Muschi, Vagina – halt, außer diesem letzteren Wort, nein, dies Wort fällt in seinem Umkreise nie.
Der arme Mann. Für ihn ist Italien ein geworden. Hat er ja selber so genannt. Die Feste, die haben ihm die Staatsanwälte versaut. Seitdem macht das Regieren keinen Spaß mehr. Kaum traut sich noch ein Mädchen in eine seiner Residenzen, wie die Oberbiene seines Harems, Began, genannt "Königsbiene" Ape Regina, da warten schon 50 Fotografen und zählen die Minuten, die sie bei ihm war. Dabei hat er doch schon acht in einer Nacht ... und jetzt wegen einer Biene so ein Aufhebens machen!
Nun wenden sich auch die Getreuen ab. Mindestens diejenigen, die noch ein ganz klein wenig klar denken können, die begreifen, dass es zu Ende geht, die nicht mit untergehen wollen. 30 Abtrünnige sind es, unter Führung des Ex-Ministers Claudio Scajola, des Gouverneurs der Region Lombardei, Roberto Formigoni und des Bürgermeisters von Rom, Gianni Alemanno. Sie versuchen ihn aus dem Amt zu drängen.
An diesem Donnerstag muss er sich dem Parlament stellen und zum 51. Mal seit 2008 die stellen. Dazu hat ihn dieser perfide Staatspräsident gezwungen, der Ex-Kommunist Giorgio Napolitano. Kein Zweifel, Berlusconi wird auch diese Vertrauensfrage wieder gewinnen. So schnell ist er nicht aus dem Amt zu kicken. Die Stimmen für die Mehrheit hat er ja, mindestens 10 Stimmen über der absoluten Mehrheit bringt er auf dem Papier zusammen. Nicht das ist das Problem. Seine Abgeordneten waren sogar im Parlament. Aber sie standen auf den Gängen herum, gingen nicht an ihren Platz, stimmten nicht ab. Wegen einer Stimme hat er die Zustimmung des Parlamentes zum Rechenschaftsbericht des vergangenen Jahres verloren.
Keine große Revolte, aber viele kleine Gesten
In jeder normalen Demokratie wäre das als ein ein klares Misstrauensvotum aufgefasst worden. Eine frühere Regierung Italiens ist deswegen auch schon zurückgetreten. Aber nicht so der Cavaliere, er ist der Uhu-Kanzler, eine freie Übersetzung aus dem Italienischen, wo es "Vinavil-Premier" heißt. Berlusconi erlebt das Ende seiner Herrschaft live mit. Jeden Tag wird ein Stückchen seiner Macht abgetragen. Es gibt keine große Revolte. Aber viele kleine Gesten. Auf dem Gang stehen bleiben und der Abstimmung von oben zusehen: Das war eine.
Es ist einsam geworden um den großen Zampano. Der Unternehmerverband, über viele Jahre das Heimpublikum des Medienmoguls, fordert offen den Rücktritt. Die Kleinunternehmer mucken auf, weil die versprochenen Steuersenkungen nicht kommen wollen, Italiens Steuer- und Abgabenquote am Einkommen auf 44,8 Prozent geklettert ist, ein Rekordwert in Europa. Steuern zahlen wie in Schweden, Dienstleistungen wie in Tunesien. Im Hinterland der Liga Nord, in Venetien, wo die Partei, die laut Programm nach der Unabhängigkeit für Padanien strebt, die absolute Mehrheit hat, rollt der Tsunami des Aufstandes gegen die römischen Diebe durch die Parteikongresse: Heute sind die römische Diebe aber die Regierung Berlusconi und die eigenen Liga-Nord-Minister, die ihm das Lätzchen halten. Umberto Bossi, legendärer Gründer der Separatistenpartei, seit einem Schlaganfall 2004 schwer angeschlagen, hat die Partei nicht mehr hinter sich, längst wartet der Delfin Roberto Maroni, Innenminister, nur noch auf den günstigsten Augenblick zum Zuschlagen.
Bossi ist der treueste Verbündete Berlusconi und das hat auch seinen Grund in einem Geheimpakt, den die beiden geschlossen haben, als Bossi finanziell das Wasser bis zum Halse stand und Berlusconi ihn vor dem Bankrott rettete: Im Tausch dafür musste er ihm das Parteisymbol per notariellem Akt überlassen. Eigentlich gehört die Liga Nord gar nicht mehr Bossi, sondern Berlusconi. Was Geld alles so vermag.
Das Kreuz mit dem Busen
Doch all das Geld wird Berlusconi nicht mehr retten. Die Basis ist in vollem Aufstand, zum Glück für die beiden halten Bossi und Berlusconi seit vielen Jahren keine nationalen Parteikongresse mehr ab, alle Ämter werden per Ernennung von oben bestimmt. Die Wähler laufen davon, in den Volksabstimmungen gewinnt jeder Hansel gegen Berlusconi. Die Unternehmer sind futsch, das Vertrauen der anderen Europäer sowieso und nun endlich, als letzte in der Liste, hat auch die Katholische Kirche es mit saurer Miene aufgenommen, dass die Busenfreundin Nicole Minetti (Doppel-D nach OP), Regionalabgeordnete in der Lombardei, Monatssalär 12.000 Euro, bei den Festen als Ordensschwester spärlich bekleidet, von seiner Herrlichkeit mit einem Kreuz an bestimmten Stellen berührt worden sein soll. Sein soll, natürlich, wer mag schon den anderen Damen glauben, die dies erzählt haben. Alles reiner Neid, weil er sie dort nicht berührt, Verzeihung geweiht hat!
Alles hatte die römische Kirche durchgehen lassen, die Geschenke an die Steuerhinterzieher, einen Staatssekretär, mit kistenweise Dokumenten als Mann der Camorra in der Regierung Berlusconi angeklagt, einen Minister, wegen der Beihilfe für die Cosa Nostra unter Anklage, alle rettete die Parlamentsmehrheit per Abstimmung vor der drohenden Verhaftung, es herrscht Korruption an allen Ecken und Ende, egal ob beim Wiederaufbau in l’Aquila oder beim Schwimmbadbau in Rom. All das zählte bislang wenig für den Vatikan. Zwar murrte die Basis, aber die Spitzen der Hierarchie wussten sehr genau, dass die Kirche dank Berlusconi gigantische Steuergeschenke einkassiert hat. Die Wende brachte dann dies Kreuz auf dem nackten Busen, oder genauer gesagt: dazwischengedrückt. Das war der Rubikon, den der Autokrat nicht überschreiten durfte. Jetzt wandte sich auch der Vatikan ab.
Es ist ein Sittengemälde vom Feinsten. Wie einst Kaiser Nero, der an der Klampfe zitterte, derweil Rom brannte. War es wirklich so? Spielt keine Rolle, heute jedenfalls ist es so. Warum trauen die internationalen Investoren Italiens Regierung nicht mehr über den Weg? Das ist doch alles so lustig hier. Einzige Erklärung: Diese Ratingagenturen und Regierungschefs, Angela Merkel allen voran, verstehen einfach keinen Spaß.