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Es geht um mehr als den Union Jack: Der wieder aufflammende Konflikt in Nordirland wird andauern.
Es geht um mehr als den Union Jack: Der wieder aufflammende Konflikt in Nordirland wird andauern.(Foto: Reuters)

Zwischenruf: Nordirland: Nur ein Flaggenstreit?

Von Manfred Bleskin

Die Ausschreitungen in Belfast auf den Streit um die britische Fahne auf dem Rathaus der Hauptstadt des zum Vereinigten Königreich gehörenden Landesteils zu reduzieren, greift zu kurz. Die Ursachen liegen tiefer: soziale Schieflage und Furcht vor einer künftig katholischen Bevölkerungsmehrheit. Dies lässt befürchten, dass der Konflikt länger andauern wird.

Der Vergleich mag hinken. Aber was leichtfertig als Dönermorde bezeichnet wurde, erwies sich kurze Zeit später als Serie von Bluttaten faschistischer Fanatiker. Was nunmehr oberflächlich Flaggenstreit genannt wird, ist ein Konflikt, der weitaus komplexere Ursachen hat als den Dissens über den Union Jack auf dem Dach des Belfaster Rathauses.

Die Demonstranten, die mittlerweile nicht nur in der Hauptstadt Nordirlands allabendlich auf die Straße gehen, sind überwiegend Jugendliche; teilweise sogar noch Kinder. Im vergangenen Jahr ist die Jugendarbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich um fast zwei Prozentpunkte gestiegen. Neben Schottland ist Nordirland besonders betroffen. Extremistische Kräfte der pro-britischen Ulster Volunteer Force (UVF) und der Ulster Defence Association (UDA) machen sich den sozialen Protest zunutze, heizen ihn an. So wird die Furcht geschürt, dass die demographische Entwicklung über kurz oder lang zu einer Umkehr der Mehrheitsverhältnisse führt.

Folgegeneration erlebt Konfrontation zum ersten Mal

Eine künftig katholisch-republikanische Bevölkerungsmehrheit würde die Rechte einer künftigen protestantisch-royalistischen Minderheit beschneiden und den Norden der Grünen Insel gar in die Republik Irland zwingen. Theoretisch ist das möglich: Der Ireland Act von 1940 sieht vor, dass Nordirland mit Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit aus dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland ausscheiden kann.

Die Protagonisten der Bürgerkriegsgeneration beider Seiten sind heute in Regierung, Parlament und Verwaltung verankert. Sie haben kaum Interesse an einer Rückkehr zu Chaos und neuerlichem Aufruhr. Ein Gutteil der Folgegenerationen, die seit dem Karfreitagsabkommen vom April 1998 heranwächst, erlebt die Konfrontation zum ersten Mal und meint, nichts zu verlieren zu haben.

Wenn UVF und UDA auch den Konflikt im Hintergrund anstacheln mögen, Organisatoren der Ausschreitungen gibt es nach Erkenntnissen der Polizei nicht. Das macht es umso schwieriger, die Gewalt zu beenden. Im Gegenteil: Beobachter vor Ort rechnen damit, dass sie weiter andauert.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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