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Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.
Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Schrecken der Bombe: Nukleare Zerstörungskraft nimmt zu

Ein Gastkommentar von Xanthe Hall, IPPNW

Jahrzehnte nach Hiroshima bleibt die Frage aktuell: Was würde geschehen, wenn es zu einem Atomkrieg kommt? Auf einer Konferenz kamen Experten und Regierungsvertreter zu beunruhigenden Erkenntnissen.

Im sonnigen Nayarit an der mexikanischen Pazifikküste wurde diese Woche über das Undenkbare nachgedacht. Was würde geschehen, wenn eine Atomwaffe abgeworfen wird? Oder es gar zu einem Atomkrieg kommt? Besteht diese Gefahr überhaupt noch? Die mexikanische Regierung hatte Wissenschafter und Mitarbeiter humanitärer Hilfsorganisationen und der UNO, Ärzte und Militärexperten eingeladen, um Regierungsvertretern von 146 Staaten Antworten auf diesen Fragen zu geben. Die Erkenntnisse waren erschreckend.

Wir haben durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor fast 70 Jahren erfahren, welche Schrecken relativ kleine Atombomben anrichten können. Bei der Konferenz in Nayarit hörten aber viele Regierungsvertreter zum ersten Mal von den Überlebenden selbst, welchen Horror sie erlebten und was konkret eine Atombombe von anderen Bomben unterscheidet. Sie ist einmalig in ihrer Grausamkeit und Zerstörungskraft, sie trifft unterschiedslos jeden, auch nachkommende Generationen, denn ihre ionisierende Strahlung richtet auf der Zellebene langfristig Schaden an. Wer nicht durch Hitze, Druckwelle oder akute Strahlenkrankheit getötet wird, hat bis zum Ende seines Lebens an den physischen und psychischen Folgen zu leiden.

Heutzutage haben die Atomwaffen eine vielfach größere Zerstörungskraft als damals. Das mexikanische Amt für Zivilschutz hat ausgerechnet, dass eine 50 Megatonnen-Bombe auf Mexiko-Stadt über 20 Millionen Menschen töten würde. Fast alle Krankenhäuser würden zerstört, die wenigen überlebenden Rettungskräfte hätten keine Chance, den Menschen zu helfen.

Millionen Menschenleben gefährdet

Dr. Patricia Lewis vom britischen Institut Chatham House erklärte, wie man eine Risikoeinschätzung kalkuliert. Denn viele Politiker meinen, dass das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes so minimal ist, dass es weiterhin akzeptabel sei. Risiko ist gleich Wahrscheinlichkeit mal Folgen, sagte sie. Doch bei solchen Folgen wäre eine Wahrscheinlichkeit, die mehr als Null beträgt, nicht mehr akzeptabel. Nach Bruce Blair, der selber im Kalten Krieg üben musste, 50 Interkontinentalraketen innerhalb von 60 Sekunden abzufeuern, ist das Risiko eines Atomkrieges durch Fehlalarm immer noch sehr hoch. Wenn heute der Befehl zum Start eines Atomkrieges zwischen den USA und Russland fallen würde, würden Tausende Atomwaffen binnen Minuten rund 70 Millionen Menschen auslöschen.

xanthe_hall.jpgKein Wunder, dass sich die Mehrheit der bei der Konferenz in Nayarit vertretenen Staaten für eine Ächtung dieser Waffen aussprach. In einer weiteren Konferenz in Wien in diesem Jahr soll über mögliche Optionen für ein Atomwaffenverbot geredet werden. Denn es herrscht seit fast zwanzig Jahre Stillstand in der multilateralen Abrüstung. Trotz zarter Bekenntnisse von US-Präsident Barack Obama und anderer Regierungschefs zu einer atomwaffenfreien Welt, ist gerade in allen Atomwaffenstaaten eine Modernisierung der Atomwaffen geplant. Anscheinend wollen die Atomwaffenstaaten ihre Macht für die Zukunft absichern und werden dabei von ihren Bündnispartnern unterstützt.

Aber die atomwaffenfreien Staaten sind mit dieser Reihe von Konferenzen, die vor einem Jahr in Oslo startete, auf dem Weg zu einer neuen Lösung. Wie die Nichtraucher, die lange die verqualmte Luft der Raucher ertragen mussten, wollen sie diese Gefahr nicht länger akzeptieren. Eine Handvoll Staaten darf nicht die Macht haben - ob mit Absicht oder aus Versehen - eine Katastrophe solchen Ausmaßes auszulösen. Denn in Nayarit wurde deutlich: Auch ein regional begrenzter Atomkrieg würde aufgrund der damit verbundenen Klimaänderungen zu einer globalen Hungersnot führen. Daher tragen alle Staaten die Verantwortung für die Prävention einer solchen Katastrophe. Nicht alleine die Atomwaffen-Staaten dürfen entscheiden, wann und wie sie abrüsten.

Deutsche verteidigt Atomwaffen

Nur die deutsche Vertreterin des Auswärtigen Amtes Christiane Hohmann blieb offensichtlich von den Inhalten der Konferenz unberührt. In einer negativ auffallenden Rede behauptete sie, dass der Sicherheitswert von Atomwaffen aus europäischer Sicht nicht zu ignorieren sei, trotz der humanitären Folgen. Schließlich hätten Atomwaffen einen Konflikt zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt verhindert. Damit brüskierte sie alle, die von diesem alten "Kalten-Kriegs-Denken" Abstand nehmen und in eine neue Richtung gehen wollen. Die nukleare Abschreckung beinhaltet als wesentlichen Bestandteil das Risiko eines Atomkrieges. Unter diesem Damoklesschwert wollen die meisten Staaten nicht verweilen. Vor allem Deutschland müsste das verstehen können.

In seiner Zusammenfassung sagte der mexikanische Vorsitzende der Konferenz: "Nayarit markiert den Zeitpunkt, von dem es kein Zurück mehr gibt." Staaten haben sich in Mexiko verabredet, einen Weg zu finden, die Welt von Atomwaffen zu befreien. Wir sehen uns wieder in Wien.

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Quelle: n-tv.de

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