Amoklauf von EmsdettenSündenbock Computerspiele?
Nach dem Amoklauf in einer Schule in Emsdetten wird wieder einmal der Ruf nach einem Verbot so genannter "Killerspiele" laut. Die Debatte greift jedoch zu kurz, meint Volker Probst.
Von Volker Probst
Die Nachrichten gleichen sich - leider.
Wie beim Erfurter Amoklauf von Robert Steinhäuser im April 2002 schoss nun in Emsdetten ein 18-Jähriger in einer Schule um sich.
Die Reaktionen gleichen sich - leider.
Wie sich einige darauf kaprizieren, die Schuld bei Ballerspielen zu suchen, verweist die Fan-Gemeinde solcher Spiele derartige Erklärungsversuche ebenso in Bausch und Bogen ins Reich der Fabeln.
Und so ist es kein Wunder, dass sich auch die Kommentare gleichen.
Von "Panic Room" zu "Borat"
Als der Amoklauf von Erfurt geschah, stand gerade "Panic Room" an der Spitze der Kinocharts. In der Hauptrolle: Jodie Foster - für ihre Rolle in dem Film "Das Schweigen der Lämmer" um den wahnsinnigen Massenmörder Hannibal Lecter mit dem Oscar ausgezeichnet. Auch in "Panic Room" ging es nicht viel friedfertiger zu. In dem Streifen werden zwei Menschen erschossen, ein Mann zum Krüppel geschlagen, zwei Frauen stundenlang terrorisiert und dabei beinahe vergast. Dennoch waren sich die meisten Kritiker einig: Sehr spannend, gelungen inszeniert, ein guter Film.
Im Moment führt "Borat" die Kino-Hitparade an. Die meisten Kritiker - die aus Kasachstan einmal ausgenommen - sind sich einig: Sehr lustig, bissig und sozialkritisch, ein guter Film. Wer glaubt, selbst über einen genug hohen IQ zu verfügen, um die Ironie zu deuten, erlaubt Sacha Baron "Borat" Cohen gerne seine antisemitischen, rassistischen und sexistischen Witze. Und wer nicht? Der lacht vermutlich - in der Meinung, seine Vorurteile bestätigt zu sehen - nicht minder darüber. Man darf gespannt sein, ob beim nächsten ausländerfeindlichen Überfall der Ruf nach einem "Borat"-Verbot laut wird.
Mit Automatismus zum Massenmörder?
Daran zeigt sich doch zweierlei: Erstens, eine einzig auf Computerspiele abgestellte Debatte ist nun wirklich einfältig. Wer wenigstens auch Filme und andere Medien in seiner Argumentation berücksichtigt, entzieht sich zumindest dem Vorwurf, dem Hang zur Vereinfachung zu erliegen. Aber er hat noch lange nicht Recht.
Denn zweitens liegt - wie bei nahezu allem im Leben - auch bei Computerspielen, Filmen oder Nachrichtensendungen die Wirkung vor allem beim Adressaten. Wenn der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz feststellt, dass nicht jeder, der sich Ballerspielen hingibt, "automatisch zum Massenmörder" wird, klingt das naiv, trifft aber genau den Nagel auf den Kopf. Die meisten Menschen nutzen ein Auto, um von A nach B zu kommen. Doch es gibt auch welche, die ihren Wagen gerne als Waffe missbrauchen - ein Umstand, der tagtäglich zu erleben ist. Also verbieten wir Autos?!
Die Angst um die Freizeitbeschäftigung
Gleichwohl machen es sich auch die Zocker von Spielen wie Counter-Strike und Co in ihrer Angst, um ihre geliebte Freizeitbeschäftigung gebracht zu werden, gerne nur allzu leicht. Es muss schon erlaubt sein, den Gehalt solcher Spiele zu hinterfragen. Zumal die zur Schau gestellte Kriegstümelei, Gewalt und Brutalität oft gar nicht nötig wäre. Bei gutem Willen ließen sich durchaus auch Spiele mit ähnlichen Anforderungen und Ansprüchen entwickeln, die in einem friedfertigeren Ambiente zu Hause sind, ohne dass es gleich zum virtuellen Topfschlagen ausartet. Nur dafür gibt es offenbar kaum einen Markt. Der letzte Kick kommt eben doch erst, wenn der Gegner getötet wird und das Blut spritzt. Oder?
Dass gewalttätige Computerspiele nicht das Problem, sondern eben nur Teil des Problems sind, kann daher nur bedingt als Entschuldigung gelten. Mit dem Finger auf Ballerspiele zu zeigen, ist bigott. Sich mit der Zunahme von Gewaltdarstellungen zu Unterhaltungszwecken grundsätzlich kritisch auseinanderzusetzen, ist es indes nicht. Und dass diese massiv zugenommen und immer selbstverständlicher geworden sind, steht außer Frage: Anstelle der Gespenster in Pacman jagt man heute die Terroristen in Counter-Strike, statt über Heinz Erhardt lacht man heute - den Autor dieses Kommentars eingeschlossen - über "Kill Bill".