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Echte Wiedergutmachtung lässt sich nicht in Euro beziffern: Panayiota Mario, ein Überlebender des Nazi-Terrors, vor den Überresten seiner Mutter in Distomo.
Echte Wiedergutmachtung lässt sich nicht in Euro beziffern: Panayiota Mario, ein Überlebender des Nazi-Terrors, vor den Überresten seiner Mutter in Distomo.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 12. März 2015

Streit um Reparationszahlungen: Tsipras geht mit Merkel über Leichen

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Der Streit um Reparationszahlungen an Griechenland nützt niemanden - nicht Athen, nicht Berlin und schon gar nicht dem Ziel echter Wiedergutmachung für die Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras hat recht: Deutschland hat immer wieder mit "Schweigen, Tricks und Verzögerungen" größere Reparationszahlungen an Griechenland verhindert. Wenn die Bundesregierung nun, wie schon so oft, eine Diskussion über griechische Ansprüche ablehnt und sich auf umstrittene rechtliche Argumente zurückzieht, ist das deshalb im doppelten Sinne schändlich. Denn richtig ist auch: Zwischen 1941 und 1944 haben Deutsche schreckliche Verbrechen in Griechenland verübt. Eine Debatte darüber darf eine Bundesregierung niemals unterdrücken.

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Die moralische Hoheit hat Tsipras im aktuellen Streit um Reparationszahlungen trotzdem nicht. Fast jede griechische Regierung hat sich in den vergangenen Jahren um Reparationen bemüht. Tsipras Links-Rechts-Koalition hat diese zähe, aber nachvollziehbare Auseinandersetzung allerdings zu einem Druckmittel im Schuldenstreit gemacht. Es ist kein Zufall, dass sein Justizminister ausgerechnet in dem Moment mit einer Pfändung deutschen Eigentums in Griechenland drohte, als die Gläubiger des verschuldeten Staates zu Verhandlungen riefen.

Allzu offensichtlich ist: Der griechischen Regierung geht es nicht um die Opfer des NS-Terrors oder ihre Hinterbliebenen. Der Regierung geht es ums politische Kapital in den Verhandlungen mit ihren Gläubigern. Tsipras geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Moralisch diskreditieren sich so beide Seiten, Deutschland und Griechenland. Und als wäre das nicht tragisch genug, nutzt das Ringen um Reparationen auch im Sinne eines moralfreien Pragmatismus weder Athen noch Berlin noch dem Ziel echter Wiedergutmachung.

Zwar könnte Griechenland mit den Reparationen, die bis zu 332 Milliarden Euro umfassen sollen, in der Theorie alle seine Schulden tilgen. Kommt es aber wirklich zu einem Rechtsstreit darüber, wird dieser sich Jahre hinziehen. Selbst wenn Griechenland diesen Prozess gewinnen sollte - das Geld würde erst fließen, wenn das Land längst bankrott wäre. Unklar ist überdies, wie groß die Summe ist, die Athen wirklich für die Sanierung des Staatshaushalts nutzen könnte. Schon jetzt geraten in der Debatte allgemeine Reparationszahlungen, der Streit um Zwangsanleihen und die Forderungen von Opfern und Hinterbliebenen durcheinander.

Deutschland wiederum hat schon verloren. In Medien im Ausland heißt es längst: "Griechenland wartet noch immer auf Reparationszahlungen" oder "Deutschland bügelt Griechenlands Reparations-Forderungen ab".

Und letztlich ist auch dem Ziel der Wiedergutmachung nicht gedient. Denn wenn es um echte Wiedergutmachung geht, helfen keine Geldzahlungen, sondern nur die ganz großen politischen und gesellschaftlichen Lösungen: der Aufbau einer Kultur der gegenseitigen Sensibilität und des gegenseitigen Verständnisses, Freundschaft und Vergebung zwischen zwei einst verfeindeten Staaten. Eine stärkere europäische Integration war ein Versuch, diesen Weg zu beschreiten. Deutschland und Griechenland sind ihn sehr weit zusammen gegangen. Jetzt drohen sie, auf halbem Wege umzudrehen.

Quelle: n-tv.de

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