Politik
Es mag widersprüchlich klingen, aber wir brauchen eine gewisse Gelassenheit.
Es mag widersprüchlich klingen, aber wir brauchen eine gewisse Gelassenheit.(Foto: dpa)
Montag, 25. Juli 2016

Von Nizza bis Ansbach: Überall kann etwas passieren

Ein Kommentar von Michael Ortmann

Die Anschläge der vergangenen Tage wie auch der Amoklauf von München machen deutlich: Absolute Sicherheit gibt es nicht, an keinem Ort, zu keiner Zeit. Was folgt daraus?

Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach, davor der grauenvolle Anschlag von Nizza, der schon durch die gewaltige Zahl der Toten und Verletzten alle anderen schrecklichen Nachrichten dieser Tage überlagert. Angesichts von immer neuen Anschlägen, Amokläufen und Attentaten brauchen wir dreierlei: professionell arbeitende Sicherheitskräfte, eine einheitliche Präventions- und Deradikalisierungsstartegie. Und, so widersprüchlich das wirken mag, eine gewisse Gelassenheit beim Umgang mit dem Terror.

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Denn eines zeigen die Anschlagsszenarien der vergangenen Tage sehr deutlich: Es kann jeden überall treffen. Auf diese Erkenntnis mit Panik zu reagieren, wäre indessen grundfalsch. Es kann nicht sein, dass wir nach München nicht mehr in Einkaufszentren gehen, dass wir nach Würzburg nicht mehr mit Regionalzügen fahren, dass wir nach Ansbach keine Musikfestivals mehr besuchen. Das würde unser Leben nicht nur unverhältnismäßig einschränken, es würde auch nichts bringen, denn, wie gesagt: Jederzeit, an jedem Ort kann etwas passieren.

Die einfache Wahrheit ist: Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir von hasserfüllten Attentätern, von Attentätern mit psychischen Problemen und von politisch motivierten Attentätern bedroht sind. Mitunter sind auch mehrere dieser Motivlagen im Spiel. Daran wird sich auf absehbare Zeit vermutlich nichts ändern. Amokläufe wird es immer wieder geben, und auch die Terrororganisationen können wir nicht einfach ausschalten. Al-Kaida etwa wird seit 2001 militärisch bekämpft, und doch ist die Nusra-Front, einer der wichtigsten Ableger des Terrornetzwerks, noch immer sehr aktiv.

Einzeltäter sind ein Problem

Zugleich müssen wir uns selbstverständlich darauf verlassen können, dass die Sicherheitsbehörden ihre Notfallpläne immer wieder anpassen und verbessern. Meine Einschätzung ist, dass dies weitestgehend passiert. In München konnte die Polizei zwar nicht verhindern, dass neun Menschen getötet wurden. Und dennoch hat sie hochprofessionell reagiert. Binnen einer Stunde waren 2300 Beamte im Einsatz. Auch die deutschen Nachrichtendienste sind, was den islamistischen Terrorismus betrifft, sehr gut aufgestellt.

Ein Problem sind allerdings Einzeltäter. Sie kommunizieren nicht mit einem Netzwerk, das den Behörden bereits bekannt ist, sie treffen sich nicht mit anderen Islamisten, die vielleicht beobachtet werden, und fallen schlicht und ergreifend deshalb auch nicht auf. Der Amoktäter von München hat sich, vermutlich von seinem Kinderzimmer aus, im Darknet eine Pistole und Munition besorgt. In diesem dunklen Teil des Internets gibt es Seiten, auf denen man problemlos Waffen und Drogen aller Art bestellen und sich dann per Post diskret zuschicken lassen kann.

Ein ehemaliges Al-Kaida-Mitglied hat mir einmal eine Seite gezeigt, auf der man den Plastiksprengstoff Semtex genauso wie Pistolen und Kalaschnikows (AK 47) ordern konnte – in kleinen Mengen, aber ausreichend, um große Anschläge zu verüben.

Gerade in Osteuropa, vor allem im Großraum des ehemaligen Jugoslawien, kursieren aus den Zeiten der jugoslawischen Krieges noch immer viele Waffen. Und genau dort bekommt man eine funktionstüchtige AK 74 schon für 400 Euro.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht

Es mag sein, dass es sinnvoll ist, unsere ohnehin relativ strengen Waffengesetze in einzelnen Punkten noch zu verschärfen. Weitaus wichtiger allerdings ist, dass die Sicherheitsbehörden das Darknet in den Griff bekommen. Und natürlich muss massiv und vehement gegen die Internetpropaganda vorgegangen werden. Viele der terroristischen Einzeltäter radikalisieren sich in islamistischen Foren – teilweise sehr schnell, wie im Fall des Attentäters von Nizza. Da gibt es bereits vielversprechende neue Ansätze. Das Fraunhofer-Institut in Berlin beispielsweise arbeitet an einer Mustererkennung für Videoanalysen. Das Ziel ist, ein Programm zu entwickeln, das dschihadistische Propagandavideos bereits zum Zeitpunkt des Uploads erkennt. Dann könnten die Filme schon während des Hochladens gelöscht werden. Das ist die Zukunft, da müssen wir hin.

Und wir müssen uns intensiv mit Präventions- und Deradikalisierungsstrategien auseinandersetzen. Wir müssen uns, gemeinsam mit den muslimischen Gemeinden, Verbänden und Moscheen, um die kümmern, die zur Gefahr werden könnten, weil sie so viel Wut im Bauch haben, dass sie ein leichtes Opfer für die Rekruteure des Terrors werden können, weil sie verroht aus den Kriegsgebieten zurückgekommen sind und keine Perspektive haben. Und wir müssen schon frühzeitig und vehement gemeinsam Integrationskonzepte entwickeln und umsetzen. Und dafür müssen wir viel Geld in die Hand nehmen.

Und doch: Hundertprozentige Sicherheit, das ist in den vergangenen Tagen häufig betont worden, kann es nicht geben. Der Politologe Herfried Münkler empfiehlt, mit "heroischer Gelassenheit" auf Terroranschläge zu reagieren. Das ist eine hehre Forderung, aber sie ist richtig. Es ist einfach nicht sinnvoll, in Hysterie zu verfallen – weder für uns als Bürger noch für die Politik.

Michael Ortmann ist Terrorismus-Experte von RTL und n-tv.

Quelle: n-tv.de

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