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"Wir sind Charlie": Diese Solidaritätsbekundung ist nicht nur auf den Straßen von Paris bei Christen, Konfessionslosen und Muslimen zu sehen. Auch in Istanbul und der arabischen Welt gehen Menschen so auf die Straße.
"Wir sind Charlie": Diese Solidaritätsbekundung ist nicht nur auf den Straßen von Paris bei Christen, Konfessionslosen und Muslimen zu sehen. Auch in Istanbul und der arabischen Welt gehen Menschen so auf die Straße.(Foto: picture alliance / dpa)

Terrorakt in Frankreich: Von wegen Angriff auf die "westliche Welt"

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Der Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" ist kein Indiz für einen tobenden "Kampf der Kulturen". Es gibt diesen Kampf nicht. Muslimisch geprägte Länder leiden am heftigsten unter islamistischem Terror.

Es war nur eine Frage von Minuten. Nachdem die Kouachi-Brüder die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" stürmten und das Feuer eröffneten, hieß es: "Das ist ein Anschlag auf die westliche Welt". Es war auch kein Zufall, dass nur wenig später ausgerechnet das Buch "Unterwerfung" von Skandal-Autor Michel Houellebecq Teil der Debatte war. "Unterwerfung" lässt sich schließlich nicht nur als gesellschaftspolitische Karikatur lesen, sondern eben auch als Aufruf zum "Kampf der Kulturen".

Genau damit, mit einer bipolaren Schlacht zwischen Ost und West, Morgen- und Abendland, Christen und Muslimen hat der islamistische Terror aber nur sehr wenig zu tun. Der Krieg, den Al Kaida, der Islamische Staat (IS) und ihre Sympathisanten führen, richtet sich auch gegen den Westen. Tatsächlich ist er aber viel umfänglicher.

Deutlich wird das schon am Beispiel des Polizisten Ahmed Merabets. Er gehörte zu den Menschen, die die Redaktion von "Charlie Hebdo" schützen wollten. Das Bild des verwundeten Merabets, der auf der Straße liegt und dann von einem der Attentäter durch einen Kopfschuss exekutiert wird, ging um die Welt. Merabet hatte algerische Wurzeln und war Moslem. Doch das kann nur ein Symbol sein. Die durch den Islam geprägte Welt ist das größte Opfer islamistischer Fanatiker.

Die meisten Opfer müssen Muslime beklagen

Nur ein paar Stunden vor dem Anschlag in Paris explodierte in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa eine Autobombe. Binnen Sekunden starben mehr als 30 Menschen. Nur Tage zuvor verloren mehr als 130 Schulkinder in Pakistan ihr Leben, als die Taliban nach einer Armeeoffensive gegen sie ein leichtes Ziel für ihre Rache suchten.

Durch den IS kommen Tausende muslimische Opfer im Irak und in Syrien hinzu. Teils die Muslime unter den Kurden, teils Schiiten, teils aber auch Sunniten, die sich nicht der Auslegung des Islam von Abu Bakr Al-Baghdadi anschließen. In den nördlichen Bundestaaten Nigerias versucht die Terrororganisation Boko Haram, die Herrschaft an sich zu reißen. Oft ist dort die christiliche Minderheit das Opfer. Doch Boko Haram versucht die Ordnung ausgerechnet in den Bundesstaaten zu sprengen, in denen ohnehin schon seit Jahren die Scharia gilt. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, aber allein in den vergangenen Tagen töteten sie rund um die Stadt Baga Hunderte Menschen.

Warum muss das gesagt werden? Ganz sicher nicht, um das Leid von irgendjemanden zu relativieren. Es muss gesagt werden, weil die mordenden Islamisten behaupten, im Namen des Islam zu töten. Das stimmt nicht. Und es muss gesagt werden, weil rechte Scharfmacher versuchen, die Terrorakte für ihre fremdenfeindliche Agenda zu instrumentalisieren. Das ist gefährlich. Noch gibt es den "Kampf der Kulturen" nicht. Wenn es verblendeten Hetzern gelingen sollte, ihre Weltsicht weiter zu verbreiten, könnte es eines Tages aber soweit sein.

Quelle: n-tv.de

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