Archiv

ZwischenrufWas die Sterne sagen

18.12.2006, 20:47 Uhr

117 Professoren aus ganz Deutschland haben in einem Offenen Brief die bundesweite Einführung des Pflichtschulfaches Astronomie gefordert.

von Manfred Bleskin

117 Professoren aus ganz Deutschland haben in einem Offenen Brief die bundesweite Einführung des Pflichtschulfaches Astronomie gefordert. Adressiert sei das Schreiben an die Abgeordneten des Bundestages und die Landesparlamente, berichtet die "Leipziger Volkszeitung". Recht haben sie. Denn ohne Astronomie werden wir Erdlinge nie begreifen, woher wir kommen, wo wir stehen und wohin wir dereinst gehen. Aber die Unterzeichner tragen auch ein paar Eulen nach Athen. In der Mehrzahl der Flächenstaaten östlich der Elbe - in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen - steht die Wissenschaft von der Gesetzmäßigkeit der Sterne bereits als Pflichtfach auf dem Stundenplan.

Das wiedervereinigte Berlin übernahm die im Osten bestehende Pflichtastronomie zunächst. Die dort nach der Wende für die Bildung verantwortlichen Grünen waren zwar der DDR nicht grün, aber doch dem Fortschritt zugetan. Es blieb der im Ressort nachfolgenden CDU vorbehalten, den Zugang zum Wissen um die Entstehung schwarzer Löcher an den Schulen zu versperren.

Die damalige brandenburgische Bildungsministerin Marianne Birthler von den Grünen hatte ein eher schwarzes Verhältnis zum kleineren deutschen Staat. Und sie hatte ihrem Herzen schon auf der legendären antitotalitären Demo vom 4. November 1989 Luft gemacht über die Misere des Bildungswesens in der "Fußnote der Geschichte" (Stefan Heym). So war es nur allzu verständlich, dass die Sternenkunde nicht auf dem Stundenplan blieb. Ein Siegmund Jähn war genug.

Ganz anders die Sache in Thüringen. Dort zeichnete der heutige CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus für das Bildungsressort verantwortlich. Der hatte von der FDJ die Medaille "Für hervorragende Leistungen bei der kommunistischen Erziehung in der Pionierorganisation Ernst Thälmann" in Gold erhalten und muss das mit der Astronomie gewissermaßen als Generallinie in die neue Welt hinübergerettet haben.

Sollte es stimmen, dass sich die Sachsen mit dem Gedanken tragen, die Astronomie im nächsten Jahr vom Stundenplan zu streichen, kann das nur daran liegen, dass man auf keinen Fall mit den Thüringern verwechselt werden will, was ja auch umgekehrt gilt.

Aus Sachsen-Anhalt sind keine Streichpläne bekannt. Schließlich nennt das Land die Himmelsscheibe von Nebra sein eigen. Und da sei schon das pekuniäre Interesse an den Tourismuseinnahmen vor. Auch in Mecklenburg-Vorpommern besteht keine Streichgefahr. Und wenn, dann hat's noch Zeit. Denn an der baltischen Peripherie passiert dem ollen Bismarck zufolge ohnehin alles fünfzig Jahre später.

Sollte der Professorenappell, namentlich im Westen des Vaterlandes, unerhört bleiben, so wäre dies zwar unerhört, aber es gibt eine unerhört interessante Alternative zur Sternenguckerei. Hessens christdemokratische Bildungsministerin Karin Wolff hatte in einer Sternstunde ihres Wirkens nichts dagegen, dass in Schulen ihres Landes kreationistische Hirngespinste gelehrt werden. Kreationisten, das sind die, welche vor allem in Gottes eigenem Land behaupten, dass das Buch Genesis wörtlich zu nehmen ist, Gottvater die Welt samt allem, was da kreucht und fleucht, an sechs Tagen erschuf und sich am siebten Tag zufrieden zurücklehnte.

Wie die Damen und Herren Volksvertreter in Berlin auf den Gelehrtenaufruf reagieren, steht in den Sternen. Es ist zu befürchten, dass er verpufft wie eine Sternschnuppe. Und die Duodezfürsten der Länder lassen sich im Zuge der Föderalismusreform geheißenen Rückkehr zur Kleinstaaterei überhaupt nicht mehr in die Bildung hineinreden. So kann's passieren, dass eines schlechten Tages Spielbergs "Jurassic Park" verboten wird, weil die Sache mit den Dinosauriern vor gut 235 Millionen Jahren begann, vor rund 65 Millionen Jahren zu Ende war, die Erde aber doch erst 5767 ff. Lenze zählt.