Politik
Für ihn ist die Kirche unfehlbar: Papst Benedikt XVI.
Für ihn ist die Kirche unfehlbar: Papst Benedikt XVI.(Foto: dpa)
Mittwoch, 21. September 2011

Kirche in den Katakomben: Wir sind nicht mehr Papst

ein Kommentar von Udo Gümpel, Rom

Joseph Ratzinger hat es in seinem Buch "Salz der Erde" geschrieben: Auf absehbare Zeit werde die Kirche eine Minderheit sein, man müsse sich auf eine neue Zeit der Verfolgungen vorbereiten. Als Papst tut Benedikt XVI. alles, damit es tatsächlich dazu kommt.

Natürlich gibt es sie noch, die absoluten und unbeirrbaren Papst-Fans, oder, wie sie sich mit Stolz selber nennen, die " Papa-Boys". In Rom treffen sie sich in einem einstöckigen Gebäude im Innenhof eines Wohnblocks im eleganten Prati-Viertel. Im Auftreten scheinen sie Untergrund-Christen, sie finden sich über die Idee, den Papst zu verehren - eine verschworene Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in der Gesellschaft, auch in Italien. In den ersten Monaten der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. fielen sie bei jedem Papstauftritt auf: "Benedetto Benedetto", riefen sie in Sprechchören, ein italienisches Wortspiel: " Geweiht bist du, Benedikt". Der Papst habe das aber nicht gewünscht, bedeuteten mir die Papa-Boys und -Girls, und so habe man es sein lassen. Jetzt sei man eben nur noch als stumme Zeugen dabei, wenn der Papst auftritt. Wenn überhaupt.

"Wir sind Papst" - die "Bild"-Zeitung hält daran fest.
"Wir sind Papst" - die "Bild"-Zeitung hält daran fest.(Foto: REUTERS)

Wie den Papa-Boys ist es vielen gläubigen Katholiken ergangen. Heute sind wir kein Papst mehr. Dazu hat vor allem dieser Papst selbst beigetragen. Die Chance auf einen Neuanfang hat Benedikt vertan. Dabei kannte er alle Probleme der Kirche mehr als genau. Seit 1981 leitete er die Glaubenskongregation, früher bekannt als das Heilige Uffizium, also jene Einrichtung der römischen Kirche, die über die Reinheit der katholischen Doktrin wachen sollte, Ketzer aus der Kirche verbannte und früher gelegentlich auch verbrennen ließ. Über Ratzingers Schreibtisch gingen viele Fälle pädophiler Priester, schließlich musste seine Behörde die innerkirchlichen Strafen beschließen.

Als Behördenleiter darf man ihn moralisch-ethisch verantwortlich nennen für die jahrzehntelange Verschleppungstaktik Roms, den Schutz der Institution Kirche ganz oben anzusiedeln, nicht mit den zivilen Behörden zusammenzuarbeiten, der Opfer bestenfalls im stillen Gebet zu gedenken. Ob Ratzinger Erlasse dabei persönlich unterschrieben hat, ist unwesentlich. Die moralische Schuld der Institution Kirche bleibt bestehen. Doch genau das kann dieser 84-jährige Mann nicht anerkennen, ohne die Grundlage seines Kirchenverständnisses aufzugeben: Die Unfehlbarkeit seiner Kirche. Natürlich hat Papst Ratzinger die Regeln im Umgang mit pädophilen Priestern streng neu formuliert. Nach dem Skandal. Nicht freiwillig, vorher.

Der Vatikan dreht sich weg

Dieser Papst hat sich zurückgezogen in die Welt des Vatikans und hofft, dass die Kirche den Sturm übersteht, ohne selbst etwas ändern zu müssen. Was 2000 Jahre gut gegangen ist, kann heute doch nicht falsch sein.

Warum fällt kein klares Papstwort zur Massenprostitution im Hause des italienischen Regierungschefs? Eine solche moralische Verkommenheit ist wohl einzigartig in der Welt, aber der Papst schweigt. Warum? Weil Berlusconi die römische Kirche mit Steuergeschenken überhäuft? Es stinkt zum Himmel, aber der Vatikan dreht sich weg. Ein Machtwort des Papstes und Berlusconi wäre weg vom Fenster.

Im Berliner Olympiastadion wird der Papst am Donnerstag eine Messe lesen.
Im Berliner Olympiastadion wird der Papst am Donnerstag eine Messe lesen.(Foto: REUTERS)

In Deutschland kann man aus der Kirche austreten, um sein Missfallen auszudrücken. In Italien geht das nicht. Es bringt ja auch nichts, die Steuergelder gehen direkt an die Kirche, der Einzelne hat nichts davon, es sei denn eine persönliche Meinungsäußerung, wenn er in der Steuererklärung kein Kreuzchen bei der katholischen Kirche macht. Das unterlässt immerhin fast die Hälfte der Steuerzahler im ach so katholischen Italien.

Ratzingers Kirche ist die Kirche des perfekten Stillstands. All die schönen Projekte, die seine Mitarbeiter unmittelbar nach seiner Wahl im April 2005 aus den Schubladen zogen, sind wieder weggelegt: Darunter eben auch die Auflockerung des Zölibats, übrigens eine Ur-Idee von Ratzinger selber, die er zusammen mit Kardinal Lehmann 1970 einmal entwickelt hatte; weiter die Abgabe kirchlicher Entscheidungsgewalt an die Ortskirchen.

Ratzingers Kirche ist trist

Statt sich der Weltkirche zu öffnen, hat Papst Ratzinger - darin aber der Linie seines Vorgängers folgend - den innerkirchlichen Sekten Tür und Tor geöffnet: Opus Dei, Comunione e Liberazione, Neokatechumenale, Legionäre Christi. Ratzinger selber hatte es in seinem Buch "Salz der Erde" geschrieben, auf absehbare Zeit werde die Kirche eine Minderheit, vielleicht sogar eine kleine sein, man müsse sich psychologisch auf eine neue Zeit der Verfolgungen, auf ein Überleben in den Katakomben vorbereiten. Eine solche Kirche ist trist. Sie schließt aus, hat Angst vor den Menschen, lebt nicht in der Mitte der Gesellschaft, kann nur den Kontakt verlieren. Da bleiben dann wirklich nur noch die Sekten übrig, selbst die Papa-Boys ziehen sich zurück. Weil man die normalen Menschen mit ihren Problemen gar nicht will. Ratzingers Kirche droht eine Kirche der absoluten Minderheit zu werden.

Die Statistiken über die Milliarde Katholiken auf der Welt sind dabei offenkundig gelogen. Nehmen wir den Fall Brasilien. Das "größte katholische Land der Welt", einst zu nahezu 100 Prozent römisch-katholisch, ist heute wohl gerade noch zu Hälfte Papst-treu. Die andere Hälfte sind Anhänger evangelikaler Freikirchen Nordamerikas oder animistisch-afrikanischer Religionen - jeden Tag verliert Roms Kirche dort an Boden.

Gerade Papst Ratzinger hat dazu seinen Teil beigetragen, in dem er in den 1980er Jahren die Basiskirche Lateinamerikas zerstörte. Anstatt bärtiger Priester mit Sympathien für die Armen und das frühe Christentum, die mit den Gläubigen das Evangelium Christi lebten, hat die Kirche dort heute kaum noch Priester, dafür viele Opus-Dei-Männer in den Spitzenfunktionen. Franziskaner und Jesuiten gelten schon fast als Revolutionäre! Die Bischofskonferenzen sind wieder Rom-treu, aber viele Gläubige sind dorthin abgewandert, wo sie tiefen Glauben und Trost fanden: Ein religiöses Vakuum bleibt nicht lange ungefüllt.

Udo Gümpel ist Italien-Korrespondent von n-tv.
Udo Gümpel ist Italien-Korrespondent von n-tv.

Eine Umkehr unter diesem Papst ist schwerlich denkbar und die grausame Kirchenverfassung, die die römische Kirche dazu zwingt, mit einem einmal gewählten Papst bis zu dessen Ende oder freiwilliger Amtsaufgabe zu leben, verhindert das. Aufgeben wird dieser Papst wohl kaum. Dafür macht ihm das Papstsein einfach zu viel Spaß. Sehr vielen Gläubigen aber sichtbar weniger.

Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen