Politik

Person der Woche: Am Lagerfeuer der Niedlichkeit

Von Wolfram Weimer

Angela Merkel wird 60 Jahre alt und geht unumstritten ins zehnte Jahr als Kanzlerin. Sie ist national beliebt und international respektiert, eine Weltmeisterin ihrer Kategorie. Besser kann es kaum werden - und doch fehlt ihr etwas zur großen Kanzlerschaft.

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Weltmeisterin ist sie nun auch noch. In der Umkleidekabine skandierten die WM-Helden von Rio doch tatsächlich "Angie, Angie, Angie" als die Bundeskanzlerin eine kurze Gratulationsrede hielt. Schweinsteiger & Co. haben Angela Merkel damit das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt gemacht. Denn sie wird in dieser Woche 60 Jahre alt, und große Geschenke gibt es nicht. Merkel feiert so bescheiden, wie es in der Weltpolitik nur wenige fertig bringen. Der französische Präsident würde Paraden laufen, Schlösser glitzern und Champagner fließen lassen. Der englische Premier ließe an der Seite der Queen das alte Empire auferstehen und selbst den Staatschef von Tonga einfliegen. Der russische Präsident würde ein Land annektieren und sich selber schenken, der amerikanische Präsident ließe die Hollywood-Puppen tanzen und das Spektakel von Wall-Street-Bankern finanzieren. Was macht Merkel? Sie begeht eine akademische Stunde im Adenauer-Haus. Professorale Biederkeit ist angesagt, der Historiker Jürgen Osterhammel aus Konstanz hält einen Vortrag. Anschließend gibt es Schorle.

Nun wissen wir von Goethe, dass Bescheidenheit in der Politik auch "der Deckmantel eines Diebes" sein kann. Mächtige wollen mit ihr zuweilen Zuneigung stehlen. Auf Angela Merkel trifft das nicht zu. Sie taugt wirklich nicht zu Pathos und Pomp. Ihr Naturell entspringt keinen Palästen und keinen Posaunen, keinem südlichen Überschwang, keiner rheinischen Leichtigkeit, nicht der hochfahrenden Gotik, der monumentalen Renaissance oder dem verspielten Barock. Sie ist ein reines Kind der Aufklärung, eine Kantianerin, in jeder Beziehung protestantisch. Ihr Wesen ist aus einem norddeutschen Klinkerbau erwachsen, kühl und schmucklos und rational.

Die Küsterin der Macht kam am 17. Juli 1954 in Hamburg zur Welt.
Die Küsterin der Macht kam am 17. Juli 1954 in Hamburg zur Welt.(Foto: dpa)

Das Amt der Bundeskanzlerin zum Beispiel hat sie lange nur ausgefüllt wie eine Küsterin der Macht. Sie  arrangierte politische Führung bloß, und also wechselte sie Meinungen, je nachdem wie die Mehrheiten sich fanden. Sie wollte nicht bestimmen, sondern entschied sich für eine politische Strategie des Moderierens. So wurde sie zur Meisterin von "liquid democracy", längst bevor die digitale Demokratie das zur Mode erklärte.

Ihre Kritiker schimpfen sie "opportunistisch", ihre Bewunderer nennen das "präsidial". Sie selbst erklärt sich kurzerhand zur "Mitte". Das Chamäleonhafte der merkelschen Regentschaft folgt ihrer Biografie, hat sie doch schon viele Versteckspiele der Identität vollziehen müssen. Es ist ihr Erbe der DDR, sich zu verbergen und anzupassen, das Misstrauen zur Kulturtechnik zu verfeinern und abzuwarten, bis Mauern gefallen sind. So sah man zunächst das unsichere Ost-Mädchen von Helmut Kohl mit sonderbaren Haaren und besonderer Intelligenz. Ihr folgte die generalsekretärende Praktikantin der Macht, die schneller lernt, als andere denken können. Dann trat diese mitfühlend-ehrgeizige Krankenschwester der verwundeten Post-Kohl-CDU auf, die einen sicheren Instinkt für die Schwächen anderer hat. Plötzlich agierte sie als kalte Physikerin der Macht, die ihre innerparteilichen Konkurrenten erledigt wie lästige Bauern in einem Schachspiel. Schließlich triumphiert die großkoalitionär ausgleichende Mutter der Nation, Deutschlands erste Frau im Kanzleramt.

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Ihre Technik, Politik als sammelnde Nachhutveranstaltung zu organisieren, ist zum Markenzeichen geworden. Damit entfaltet sie zuweilen eine Szenerie des Wartesaals, doch irgendwie passt das zum Zeitgeist der Indifferenz. Die Große Koalition wird die große Signatur ihrer Ära. Sie kommt dem Regierungsstil Merkels ebenso entgegen wie ihren mittigen Überzeugungen. Die Union hat Angela Merkel mit ihrem "Modernisierungskurs" inzwischen weiträumig sozialdemokratisiert: vom Etatismus der Wirtschaftspolitik bis zur sozialistisch-grünen Energiewende, vom Mindestlohn bis zum Doppelpass, von der Mietpreisbremse über die Rente mit 63 bis zur Homo-Ehe – immer weniger wissen Deutschlands Christdemokraten, was an ihrer Regierung noch christdemokratisch ist. Wie auch, da Merkel mit ihrer CDU seit Jahren die Strategie verfolgt, das linke Lager durch Raubkopie zu entwaffnen.

Politisch befriedet sie damit ein Deutschland, das mit sich selbst so im reinen scheint wie noch nie. Merkel ist – was für ein enormer emotionaler Erfolg – mit ihrer Methode, alle am Abendtisch der Nation zu einen, zur “Mutti” aufgestiegen. Ihre Sympathiewerte sind para-politisch hoch, als sei sie einer anderen moralischen Kategorie entsprungen. Zugleich vertritt sich die Nation nach außen mit Selbstbewusstsein und Haltung, die selbst ihre Gegner bewundern. Und mit der Bewältigung der europäischen Schuldenkrise hat sie auch staatsmännische Meriten verdient. Und doch fehlt Angela Merkel noch etwas Wesentliches, um eine große Kanzlerin zu werden.

Was bleibt?

Mit 60 Jahren und mehr als 3000 Tagen im Amt hat sie alle SPD-Kanzler zwar an Regierungsdauer überholt, ebenso Kiesinger und Ehrhard. Nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl haben noch länger regiert als sie. Aber wo bleibt mit all den Jahren das historische Verdienst? Adenauer hatte das Wirtschaftswunder, die Republikgründung, die Westbindung an Europa und Nato. Brandt verbucht Versöhnung nach außen und Demokratisierung nach innen. Kohl steht für die Wiedervereinigung und den Euro. Selbst der Halodri-Kanzler Gerhard Schröder hat mit seiner Agenda 2010 der Nation einen großen Dienst erwiesen und dafür sogar sein Amt geopfert. Von dieser mutigen Tat profitieren Deutschland (und Merkel) bis heute mit einem breiten wirtschaftlichen Erfolg. Und die Große Koalition droht gerade mit absurden Rentenreformen und planwirtschaftlichen Vorstößen von Mindestlohn bis Mietpreisbremse diesen strategischen Vorteil Deutschlands zu verfrühstücken.

Was also würde Merkels Erbe sein, wenn sie alsbald zurück träte, wie der Spiegel dieser Tage unkt? Es fehlt der große Wurf. Die Merkel-Ära wäre rückblickend wie ein belangloser Streichelzoo der bundesrepublikanischen Epoche - nett, behaglich, versöhnlich, muttig eben. Die Wellness-Oase der deutschen Geschichte wäre unter den denkbaren Bedrohlichkeiten, was alles schief laufen kann in der Politik, schon eine große Sache. In Anbetracht der Chancen aber, die alle möglich wären, ist es vielleicht doch eher bescheiden. Und mit Blick auf die Risiken, die mit der fortlaufenden Selbstgefälligkeit dräuen, bleibt es zu wenig. Denn - um die Sprache ihres Geburtstagsreferenten Osterhammel zu verwenden - die "asymmetrische Effizienzsteigerung", die einst den Globus in reiche und arme Regionen zerfallen ließ, läuft derzeit zum Nachteil Europas. Und auch die kommunikative "Referenzverdichtung" findet anderswo dynamischer statt als bei uns. Im globalen Wettbewerb fallen Deutschland und Europa zurück. Die Merkel-Ära könnte darum in historischen Zeitläuften wirken wie ein lauer, leerer Sommerabend vor dem Niedergang der Nacht, den keiner kommen sah, weil Mutti ihr Lagerfeuer der Niedlichkeit so lange hat lodern lassen.

Quelle: n-tv.de

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