Politik
Dienstag, 23. August 2016

Person der Woche: Der Kultur-Terrorist gesteht

Von Wolfram Weimer

Im Prozess um die Zerstörung des Weltkulturerbes in Timbuktu hat der Chef der islamistischen "Moralbrigade" wortreich seine Schuld gestanden. Ihm drohen mehrere Jahre Haft. Dabei wird der grausame Terror an Menschen nicht einmal verhandelt.

Ahmed al-Faqi al-Mahdi gibt sich reumütig. Vor dem Internationalen Strafgerichtshof bekennt er sich der Kriegsverbrechen schuldig - erstmals überhaupt hat das ein Angeklagter in Den Haag getan. Al Mahdi präsentiert sich vor Gericht mit seinem wallenden Haar und der intellektuellen Drahtgestellbrille als durch und durch Empfindsamer und Geläuterter. Er lege sein Geständnis mit "tiefem Bedauern und in großem Schmerz" ab, seufzte er zu Beginn des Prozesses. Und mehr noch: Er ruft Muslime in aller Welt dazu auf, seinem schlechten Beispiel nicht zu folgen. "Das wird zu nichts Gutem für die Menschheit führen". Er bedaure, was er der Bevölkerung Timbuktus, dem malischen Volk und der Weltgemeinschaft allgemein angetan habe. "Dies war das erste und letzte Verbrechen, das ich begangen habe", so Al Mahdi. Man solle ihn als "verlorenen Sohn" betrachten, der vom Weg abgekommen sei. Es hätte nur noch gefehlt, dass er das "Vaterunser" und die christliche Bitte um Vergebung zitierte.

Ahmed al-Faqi al-Mahdi gibt sich reumütig.
Ahmed al-Faqi al-Mahdi gibt sich reumütig.(Foto: REUTERS)

Prozessbeobachter vermuten, dass der Islamist den perfekt Reumütigen spielt, um eine mildere Strafe zu erreichen. Denn vor seiner Verhaftung sah man Al Mahdi ebenso perfekt in einer radikal anderen Rolle. Er war im staubigen Islamistengewand und Turban ein wortgewaltiger, erbarmungsloser Chef der "Moralbrigade", die als islamistische Tugendwächter die Bevölkerung Malis terrorisierten. Damals wollte er seine Version eines Gottesstaates mit besonderer Härte durchsetzen - Musik wurde verboten, die Vollverschleierung von Frauen durchgesetzt, er organisierte öffentliche Auspeitschungen für Liebespaare. Al Mahdi ging es als oberstem Tugendterroristen darum, das kulturelle Antlitz und Alltagseben der "Gottlosen" zu vernichten. Dazu gehörte die Zerstörung hochrangiger Kulturgüter in Timbuktu, alles, was nach Büchern und Bibliotheken und dem Geist der Vergangenheit aussah, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Neun Mausoleen hat er vernichten lassen und den Anschlag auf die Sidi-Yachia-Moschee geplant und ausgeführt. Sie waren Teil des Weltkulturerbes der Unesco.

Staatsanwaltschaft fordert neun bis elf Jahre

Kurzum: Er war der offizielle Moralapostel der Islamisten und bekennender Kulturterrorist. Dafür steht er jetzt vor Gericht. Aber nur dafür. Denn die Gewalttaten seiner gefürchteten "Tugend-Brigade" bis hin zu den systematischen Vergewaltigungen werden nicht verfolgt. Dem Strafgerichtshof geht es diesmal um das spezielle Kriegsverbrechen der Zerstörung von Kulturgütern. Die Chefanklägerin Fatou Bensouda meint dazu: "Dieses Verfahren ist insofern besonders, als dass es hier um einen Angriff auf die gemeinsamen Werte und Erinnerungen einer Gemeinschaft geht. Ziel der Angreifer war es, jedes Weltbild, das nicht dem ihren entsprach, zu zerstören. Sie wollten deshalb diese Monumente und Kulturdenkmäler von der Landkarte tilgen." Die Staatsanwaltschaft fordert für dieses Kriegsverbrechen eine Haftstrafe in Höhe von neun bis elf Jahren.

"Unser Kulturerbe ist kein Luxusgut", begründet Bensouda ihre Anklage. Eine Verurteilung Al Mahdis könne einen klaren Präzedenzfall schaffen und eine wichtige und positive Botschaft an die gesamte Welt senden. Bensouda vergleicht den Angriff mit der Zerstörung der syrischen Ruinenstadt Palmyra durch den sogenannten Islamischen Staat. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International kritisieren hingegen, dass sich der Angeklagte nicht auch für andere Verbrechen der Islamisten wie Vergewaltigung oder die Versklavung von Frauen vor Gericht verantworten muss. Dazu lassen die Richter wissen, dass man Beweise für solche Straftaten durchaus berücksichtigen könne - allerdings in einem separaten Verfahren.

Folterung und Vergewaltigungen sind kein Thema

Vielleicht wird man dann auch Azahara Abdou aus Timbuktu hören. Die heute 23-Jährige ist eines der Opfer von Al Mahdis Tugendterroristen, die in internationalen Medien Interviews gibt und über ihr furchtbares Leid berichtet, das sie mit so vielen Frauen aus Mali teilt. In der schlimmsten Nacht ihres Lebens wurde sie von fünf "Gotteskriegern" brutal vergewaltigt – zur Bestrafung weil sie westliche Musik hörte und für Celine Dion wie Bob Marley schwärmte.

Ähnlich erging es Aisha Haïdar, wie die FAZ berichtete. Ihr "Verbrechen" bestand darin, dass eine Haarsträhne unter dem Schleier hervor lugte. Auch sie wurde gefoltert und vergewaltigt - in den Räumen der örtlichen Bankfiliale, die die Sittenwächter Al Mahdis zur Frauenvergewaltigungsanstalt umfunktioniert hatten. Davon war im jetzigen Geständnis des scheinbar so Reumütigen keine Rede. Vielleicht wird sich Al Mahdi in einem zweiten Prozess plötzlich erinnern und endlich auch bei den Frauen entschuldigen - wenn es ihm nutzt.

Quelle: n-tv.de

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