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"Trumptin": Wladimir Putin und Donald Trump sind Brüder in Geist und Sprache.
"Trumptin": Wladimir Putin und Donald Trump sind Brüder in Geist und Sprache.(Foto: dpa)
Dienstag, 27. Dezember 2016

Personen des Jahres: Trump und Putin: Die Männer des Jahres sind Riesenzwerge

Von Wolfram Weimer

Sie sind die Personen des Jahres 2016: Donald Trump und Wladimir Putin werden fortan die Weltpolitik neu umreißen. Doch hinter den Fassade des lautstarken Angebertums steckt bei beiden jede Menge Schwäche.

Das Phänomen hat schon einen Namen: "Trumptin" regiert ab sofort die Welt. Donald Trump und Wladimir Putin sind die Männer des Jahres 2016 und sie verkörpern eine neue Ära narzisstischer Autokraten, die von Erdogan in der Türkei bis Rodrigo Duterte auf den Philippinen reicht. Das Testosteron kehrt gewissermaßen in die Weltpolitik zurück. Der sanfte Wohltätigkeitsbazar-Tonfall der Obamas, Ban Ki-Moons und Merkels weicht dem gefühlten Narrativ von Kirmeskerlen.

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Obwohl ihre nationalistischen Programme einander eigentlich in die Parade fahren, dürften sich Trump und Putin bestens verstehen. Sie sind Brüder in Geist und Sprache, pragmatische Machtpolitiker und sie können einander stärken. Das macht Optimisten in Europa zumindest Hoffnung, dass jenseits der donnernden Rhetorik eine neue Ost-West-Entspannung anstehen könnte. Konservative Kreise freuen sich gar auf eine wehrhafte Gemeinschaftspolitik der Stärke gegen den beiderseits angreifenden Islamismus.

Die Mehrheit der Europäer aber ist skeptisch bis besorgt über "Trumptin". Das Säbelrasseln in Moskau wie in Washington - selbst ein neues atomares Wettrüsten steht plötzlich wieder auf der Agenda - macht vielen schlichtweg Angst. Es lohnt darum ein nüchterner Blick auf die Verhältnisse. Denn sowohl Trump als auch Putin sind in Wahrheit Riesenzwerge. Ihre Möglichkeiten sind viel begrenzter als man denkt. Sie haben in ihren eigenen Ländern gewaltige Probleme, die sie in Atem halten werden. Ihre Strategie des Aufplusterns wirkt eher wie ein schrilles Indiz für den Niedergang ihrer beider Weltreiche.

Putin riskiert imperiale Überdehnung

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So ist Russland wirtschaftlich schwer angeschlagen und kaum mehr zu weltpolitischen Sprüngen in der Lage. Das Bruttosozialprodukt von Putins Imperium liegt nach einer neuen Übersicht des Internationalen Währungsfonds nur noch auf dem Niveau von Süd-Korea und Spanien, deutlich hinter Italien jedenfalls. Da Putin an vielen Fronten Großmacht spielen will - von der Ukraine bis Syrien, von Georgien bis nach Tschetschenien, von der Eroberung der Arktis bis zur atomaren Aufrüstung - riskiert er einen klassischen "imperial overstretch", eine Überdehnung seiner imperialen Möglichkeiten. Russland Ex-Finanzministers Alexej Kudrin schätzt alleine die Kosten für die Annexion der kleinen Krim auf 150 bis 200 Milliarden Dollar. Der Krieg in der Ukraine wird noch teurer, der Syrien-Feldzug ebenfalls. "Russland kann sich das auf die Dauer einfach nicht leisten. Der russische Hund bellt zwar, aber beißen kann er kaum noch", urteilen geostrategische Analysten in London.

Russland hat drei bittere Jahre tiefer Rezession hinter sich. Die kostspielige Militärpolitik, der Ölpreiscrash und die Sanktionen des Westens haben tiefe Spuren im Wohlstandsgefüge des Landes hinterlassen. Die Rezession schmälert die Kaufkraft in Russland deutlich, die inneren Verteilungskonflikte häufen sich und Teile der Bevölkerung sind in die Armut getrieben. Putin wird schon zur inneren Stabilisierung seiner Macht an einem friedlichen Ausgleich mit dem Westen interessiert sein. Zumal er wesentliche politische Ziele bereits erreicht hat - die Krim wird Russland wohl endgültig zufallen, die Ostukraine bleibt sein Kontrollgebiet und die weltpolitische Bedeutung Moskaus ist durch das Syrien-Engagement erheblich gestiegen.

Trump-Boom bleibt wohl aus

Doch auch bei Trump steht das Angeber-Getöse in einem krassen Missverhältnis zu den realen Möglichkeiten der USA. Die volkswirtschaftlichen Bilanzen sind in einem verheerenden Zustand. Alleine das Handelsbilanzdefizit lag 2015 bei atemraubenden 736,2 Milliarden US-Dollar. Das Land lebt auf Pump, konsumiert viel mehr als es erwirtschaftet und hat jetzt Handelsdefizite mit 101 Ländern. Doch nicht nur als Warenproduzenten und Händler sind die Amerikaner wettbewerbsschwach, das Defizit in der gesamten US-Leistungsbilanz lag alleine im dritten Quartal 2016 bei 113 Milliarden Dollar. Jahrzehnt für Jahrzehnt steigt das Leistungsbilanzdefizit, seit 2000 auf durchschnittlich 3,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Dies ist fast viermal so hoch wie das Defizit von 1 Prozent der Jahre 1970 bis 1999.

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Diese miserable Bilanz können sich die USA nur mit immer größeren Schulden überhaupt leisten. Die US-Verbraucher sind mit 12,3 Billionen Dollar privat verschuldet, was allerlei Experten fürchten lässt, dass eher eine neue Finanzkrise bevor stehe als ein Trump-Boom – zumal auch der amerikanische Staat kräftig Schuldenmonopoly spielt. Die US-Staatsverschuldung hat 20 Billionen Dollar erreicht - was 108 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Damit stehen die Vereinigten Staaten viel schlechter da als Europa: Im Schnitt liegt die Gesamtverschuldung hier bei 86 Prozent der Wirtschaftsleistung – die Schuldensolidität der USA bewegt sich also im Umfeld von Zypern, Belgien oder Portugal.

Bei Obamas Amtsantritt 2009 betrug die US-Staatsschuld noch 10,6 Billionen Dollar. Die mehr als neun Billionen neuen Schulden in einer einzigen Präsidentschaft sind ein historisches Fanal. Obama hat damit so viele Schulden angehäuft wie alle amerikanischen Regierungen von George Washington bis Bill Clinton zusammen genommen. Und Trump wird sie erben.

Wirtschaftlicher Hinkefuß Trumptin

Amerika hat sich in wenigen Jahren so stark verschuldet wie nie ein Staat zuvor in der Menschheitsgeschichte - und kein Ende ist in Sicht. An jedem einzelnen Tag machen die USA 3,5 Milliarden Dollar neue Schulden. Nur glühende Trump-Optimisten können hoffen, dass das dauerhaft gut gehen wird.

Trump hat also das gleiche Problem wie Putin - er kann sich seine Weltmachtspiele gar nicht leisten. Die Staatsfunktionen - insbesondere die gewaltigen Militärausgaben - sind schon jetzt überstrapaziert. Trumps Programm aus Protektionismus, hohen Militärausgaben und schulden-finanziertem Konjunkturprogramm könnten sogar einen besonders schädlichen Cocktail mixen, zumal die Notenbank nicht mehr bereit ist, über die wunderbare Geldvermehrung des "quantitative easings" den unsoliden Staat zu refinanzieren.

Fazit: Trumptin ist ein rhetorischer Riese und ein wirtschaftlicher Hinkefuß. Die Männer des Jahres 2016 könnten zu Problembären des Jahres 2017 werden.

Quelle: n-tv.de

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