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Die Briten lieben ihre Queen.
Die Briten lieben ihre Queen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 21. Juni 2016

Person der Woche: Der Brite: Drei Gründe, warum wir die Briten brauchen

Von Wolfram Weimer

Brexit oder nicht Brexit, das ist jetzt die Frage. Großbritannien quält sich mit der EU. Dabei sind die Briten so herrlich europäisch, dass man sie umarmen sollte.

Ihre Torhüter sind allenfalls im Ikea-Kinderparadies satisfaktionsfähig, ihr Essen ist so überzeugend wie Griechenlands Zahlungsmoral und für ihr Wetter gilt: Acht Monate Regen, vier Monate Nebel - das nennt der Brite Heimat und findet es auch noch "lovely"! Gleichwohl sind die Briten ein großartiges, liebenswertes Völkchen, das wir schon deswegen dringend in Europa brauchen, weil Europa ohne sie kein Europa mehr wäre. Drei wichtige Dinge würden fehlen:

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Erstens - der Individualismus. "Nicht nur England, auch jeder Engländer ist eine Insel", beobachtete schon Novalis. Während der Kontinentaleuropäer sich gerne in Masse, Klasse oder Rasse einschmiegt und kollektiviert, ist der Brite zuvorderst er selbst. Was dem Deutschen die Bürokratie, dem Russen ein Zar, dem Italiener die Mama und dem Franzosen der Staat, das ist dem Briten sein Ich - die höchste Autorität. Das macht sie resistent gegen Ideologen und Zentralisierer, Führer und Verführer. Britanniens Demokratie beginnt im Selbst-Bewusstsein jedes Einzelnen.

Der gesunde Menschenverstand und lustvolles Unternehmertum sind daher auf der Insel irgendwie weiter verbreitet als andernorts. Der Widerstand gegen eine Zentralisierungs-EU, die sich ineffizient, bürokratisch und bevormundend aufbäumt, entspringt einem tiefen Unbehagen, das in den Tiefen der britischen DNA angelegt ist - aber für den Rest Europas auch wie ein Indikator für Freiheitsdefizite wirken könnte. Die EU braucht die Briten also als Alarmanlage vor Planwirtschaft und Etatismus. Denn es gehen schon jetzt rund 40 Prozent des EU-Gesamthaushalts in ein absurd sozialistisches Agrarsubventionssystem, weitere knapp 40 Prozent werden in zweifelhafte Strukturförder- und Kohäsionsfonds gesteckt, die zu massenhaftem Subventionsbetrug einladen und gigantische Ressourcen fehlleiten.

Zweitens - die Toleranz. Wenn Franzosen den Engländern über den Kanal rufen "Wir haben Sex und ihr habt Wärmflaschen", dann antwortet der Brite "We are not young enough to know everything." Seine Toleranz ist Legende wie sein Humor. Selbst im spanischen Urlaubssommer, wenn die Sonne ihn schon krebsrot gebrannt hat, bleibt er stoisch in der prallen Sonne liegen. Der Durchschnittsbrite toleriert Hitze wie Kälte und kann bei Minusgraden das Lager-Bier gut gelaunt draußen vor der Kneipe im T-Shirt trinken; im Fußballstadion zieht er es ganz aus, weil ihm Wetter offenbar kein Zustand ist, sondern eine Einstellung.

Der Brite im Fußballstadion - es ist nicht schön, aber es ist, wie es ist.
Der Brite im Fußballstadion - es ist nicht schön, aber es ist, wie es ist.(Foto: REUTERS)

Der Brite toleriert seit Jahrhunderten auch groteske Nahrungsofferten aus seinen Küchen - klebrig-verdauliche Pasteten und Puddings, wässrig-verkochtes Gemüse, fettige Fish and Chips in Zeitungspapier und gewaltige Mengen an Gebratenem zum Frühstück. Er bekommt permanent sein Fett weg und klagt darüber nicht, nein, er toleriert das Unbekömmliche bis zum Kult: Haggis zum Beispiel, das schottische Nationalgericht (ein Schafsmagen mit schwer verdaulichen Zutaten wie Nierenfett und Innereien sowie Hafermehl) dürfte wohl nur erfunden worden sein, um Engländer umzubringen, die es wagen, nach Norden vorzudringen. Doch der Engländer toleriert es und gönnt sich lieber hinterher einen Scotch, als sich vorher zu beklagen.

Diese Toleranz gebiert in Großbritannien allerlei Skurrilitäten, ein hohes Maß an Exzentrik und gepflegte Spleens. Sie lehrt aber den Rest Europas auch, dass Intoleranz zuweilen Geschichte schreibt, Toleranz aber dabei hilft, sie zu ertragen. Die älteste Demokratie Europas lebt dem Rest daher die Grundtugend vor, die Europa erst zu Europa macht.

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Darum sollte der Brexit dringend ausbleiben, denn die Insel schenkt denn anderen das Bewusstsein, dass es Inseln im Meer der geistigen Uniformität braucht. Ein Austritt Londons wäre automatisch der Anfang vom Ende der EU. Denn die Briten haben in den meisten Punkten ihrer EU-Fundamentalkritik an zweifelhaften Demokratie-, Transparenz- und Teilhaberegeln schlichtweg recht. Eigentlich leidet Brüssel just an dem, was London nicht hat: ein Toleranzdefizit.

Drittens - die Herkunft. Oscar Wildes Kritik ("England ist die Heimat der abgestandenen Ansichten") ist Gemeingut geworden. Und doch übersah Wilde, dass das Abgestandene eine Kategorie der Identität bedeuten kann. Die enorme Popularität der Queen zeigt das exemplarisch. Herkunft schenkt Identität, Ethos und Maßstab. Großbritannien lebt aus seiner Herkunft - mehr vielleicht als jedes andere Land Europas. Und hat gerade darum Zukunft wie wenige. Das gebrochene Verhältnis anderer Europäer - der Russen, der Deutschen, der Österreicher, der Italiener, der Spanier - zur eigenen, jüngeren Geschichte prägt aus Sicht der Briten deren fehlende Balance in der politischen Kultur. "Die Deutschen hat man entweder am Hals oder zu Füßen", heißt es dazu in London: "Sie bauen entweder Mauern oder reißen Grenzen ein." Und so wittern sie, dass das Haus Europas, das die Unbalancierten bauen, eben auch eine schiefe Statik bekommt.

Mit einigem Stolz rühmen sich die Briten hingegen einer der ältesten Verfassungen der Welt. Noch heute basiert ein Großteil der Rechtssprechung in Großbritannien auf der Magna Carta aus dem Jahr 1215. Es existieren in der britischen Rechtssprechung mehr als 4000 nationale und 11.000 lokale Gesetze, die aus dem 18. Jahrhundert stammen. Damit ist es etwa verboten, im Westminster Palace zu sterben oder betrunken auf Pferden oder Kühen zu reiten oder eine Briefmarke mit dem Konterfei der Queen mit dem Kopf nach unten auf einen Brief zu kleben.

Die Engländer denken und leben in langzeitlichen Zusammenhängen. In Deutschland geht kaum ein Horizont mehr weiter zurück als bis 1945. Doch die Europäer ohne lange Linien sind gezwungen, von einem Zeitgeist zum nächsten zu hecheln, von Mode zu Mode, von politischer Korrektheit zu politischer Korrektheit. Die Langläufer-Briten hingegen haben jenes Gespür für die Herkunft, die ihnen die Zukunft als einen Willensakt eröffnet und nicht als ein Zufall. Für Europa eine wichtige Gabe, denn das EU-Europa muss seine Zukunft so oder so genauer definieren, damit die Europäer es dauerhaft mittragen.

Kurzum: Der Brexit wäre ein Exit Europas aus seiner Herkunft. Nicht gut. Darum, liebe Briten: Tut uns den Gefallen, bleibt bitte in diesem schiefen, aber liebenswerten europäischen Haus und macht es ein Stück britischer.

Quelle: n-tv.de

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