Politik
Dienstag, 13. September 2016

Person der Woche: Markus Söder, der Tiger der CSU

Von Wolfram Weimer

Die CSU fordert eine Umkehr in der Migrationspolitik und will so die AfD überflüssig machen. Während Seehofer den brüllenden bayerischen Löwen verkörpert, gibt Söder den Tiger der Macht. Nur den Sprung nach Berlin will er vermeiden.

Wer die CSU verstehen will, der sollte Fabeln studieren. Denn die CSU ist eine fabelhafte Partei. Sie hat mit Horst Seehofer einen Vorsitzenden mit Königspranke und der Fähigkeit zu brüllen, ohne laut zu werden. Er ist der bayerische Löwe höchstselbst. Innenminister Joachim Herrmann genießt Respekt als Luchs der Sicherheit. Peter Gauweiler ist die schwarze Eule, einsam und weise, doch nurmehr nachts im Wald gehört. Im Landtag gibt Fraktionschef Thomas Kreuzer wahlweise den emsigen Biber oder den abwehrenden Igel. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner ist die gute Biene der Partei, fleißig und mit einer freundlichen Redlichkeit unter den Flügeln, aus der sich Honig saugen lässt. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt verkörpert das vielseitige Pferd, von dem alle noch Wundersprünge erwarten, Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, wirkt wie der schlaue, aber in fernem Unterholz umherstreifende Euro-Fuchs, und Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt ist die Bärin in Berlin, die sich ein dickes Fell gegen Freund und Feind zulegen musste.

Selbstironie kann er: Im Februar 2015 verkleidete Söder sich als Mahatma Gandhi. Tiger war er bislang noch nicht - vielleicht eine Idee für 2017?
Selbstironie kann er: Im Februar 2015 verkleidete Söder sich als Mahatma Gandhi. Tiger war er bislang noch nicht - vielleicht eine Idee für 2017?(Foto: picture alliance / dpa)

Die fabelhafte CSU-Schar ist derzeit munter und mit allerlei Getöse unterwegs in der deutschen Politik. Denn sie wittert wie ein nervöses Rudel, dass sich das Land eine Umkehr von der "Multikulti-Migrationspolitik" der Kanzlerin ersehnt. Und sie wettert gemeinsam gegen Merkels "historischen Fehler" (Söder) des Grenzen-Aufreißens, schließlich scheint der spektakuläre Wahlerfolg der AfD den Christsozialen Recht zu geben.

Wenn sich in Berlin derzeit einige über die Daueroffensive der CSU wundern, dann hat das weniger mit dem Geltungsdrang des Löwen als mit dem Überlebensinstinkt der Herde zu tun. Die CSU hat seit jeher ein gutes Gespür für Volkes Stimmung und wähnt sich von großen Mehrheiten getragen. Vor allem aber hat sie die eigene Landtagswahl in zwei Jahren im Blick – um dort die absolute Mehrheit zu verteidigen und den AfD-Aufstieg zu verhindern, muss man sich jetzt eindeutig positionieren. Zur Verteidigung der Vormacht in Bayern ist man allemal bereit, in Berlin auf Macht zu verzichten. Und wenn das eine nur ohne das andere zu haben ist, dann steuert man lieber lustvoll auf eine Opposition in Berlin zu. In Berlin mögen Linke und Grüne die dauernde Merkel-Kritik als "politischen Amoklauf der CSU" brandmarken, in Wahrheit folgt er einem klaren Kalkül der Selbsterhaltung.

Auf keinen Fall nach Berlin

Ganz besonders gilt das für Markus Söder. Der bayerische Finanzminister kämpft recht erfolgreich um die Nachfolge Seehofers als Ministerpräsident. Er will auf keinen Fall ab 2017 nach Berlin in die Bundespolitik geschickt werden (obwohl er dort einen perfekten Innenminister als schwarzen Sheriff geben könnte), sondern in München die Macht übernehmen. Darum positioniert sich Söder derzeit am klarsten als Gegner der Berliner Koalition – vom Länderfinanzausgleich bis zur Flüchtlingsfrage.

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Im Fabelkreis der CSU hat Söder die Rolle des Tigers. Er verkörpert in Bayern die Kraft der politischen Raubkatze. Söder wird nicht von allen geliebt in der CSU, schon gar nicht von Seehofer, der ihm vor ein paar Jahren öffentlich "Schmutzeleien" vorgeworfen hat, aber die meisten respektieren seine politische Intelligenz und Durchsetzungskraft. Kurzum: Söder hat Biss, er ist kein politisch korrekter Vegetarier der Macht, er ist wie der Tiger ein reiner Fleischfresser des Willens.

Im Gegensatz zum Löwen, der gerne mit dem Wind streift, nähert sich der Tiger bei der Jagd bevorzugt gegen den Wind. Das gilt auch für Söder, der sich bestens profiliert, wenn der Gegenwind besonders kräftig weht und ihm in Talkshows gleich drei Gegner gegenüber sitzen. Söder hat zeitlebens kämpfen gelernt. Er entstammt keiner verwöhnten Großbürgerfamilie, wo man sich neben Klavierunterricht und Ponyreiten auch eine politische Gesinnung leistet. Er kommt aus dem Arbeitermilieu Nürnbergs und hat sich seinen Aufstieg erarbeitet und erkämpft. Habituell wirkt er auf die CSU wie weiland Gerhard Schröder auf die SPD – als Verkörperung von Eigentlichkeit und etwas Handfestem.

Und so geht er im Moment der CDU-Niederlage selbstbewusst und klartextend in die Arena des Fernsehens und ruft: "Diese Wahl ist doch ein Weckruf, ein klares Signal". "Wie kann man denn so was ignorieren", fragt Söder und fordert: Statt "wir schaffen das" müsse es jetzt heißen: "Wir haben verstanden und wir ändern das." Ein "weiter so" könne es nicht geben. Man dürfe "das deutsche Volk nicht ignorieren".

Ein weiterer Mythos passt daher auf die Fabelwelt der CSU: Während dem Löwen die Rolle als "König der Tiere" zugesprochen wird, gilt der Tiger mehr als "König des Dschungels". In dem Moment, da Deutschland wilde Zeiten drohen, ist er da und wird gebraucht. Nun wissen Biologen, dass Tiger auch die Fähigkeit haben, bis zu zwei Meter hoch und acht Meter weit zu springen. Dass könnte im politischen Sinne auch für Söder bedeuten, dass er 2017 doch noch nach Berlin springen muss. Denn manches deutet in München darauf hin, dass Seehofer keineswegs bald aufhören will. Schon gar nicht in derart bewegten Zeiten. Also würde Söder – so deutet es Seehofer dieser Tage an – nach Berlin hoch und also weg gelobt. Der aber wehrt sich und könnte alsbald die Machtfrage in München stellen. Andererseits: Wenn Merkel von sich aus für 2017 nicht mehr antritt, ist Seehofer plötzlich ein Kanzlerkandidatenkandidat für die gesamte Union. Des Tigers Sprung hängt also von des Löwen Streif ab.

Ilse Aigner wiederum lässt die Großkatzen fauchen. Sie ist besser unterwegs als ihre Kritiker vor Jahresfrist dachten, sammelt bienenfleißig Kompetenzpunkte und wählt einen leiseren, konzilianteren Weg durch die Wildnis der Politik. Ihre Stunde als große Versöhnerin, als erste Ministerpräsidentin, als Sissi der Bayern könnte noch kommen, falls Löwe und Tiger sich gegenseitig verletzen und verjagen. Und: Sie hat ihren Berlindienst schon hinter sich. Die Fabelwelt der CSU bleibt voller Wunder.

Quelle: n-tv.de

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