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Dienstag, 19. April 2016

Person der Woche: Cem Özdemir: Schwarz-grüner Hybrid für 2017

Von Wolfram Weimer

Die Grünen freunden sich mit dem Gedanken an, im kommenden Jahr auch in Berlin eine schwarz-grüne Regierung anzustreben. Cem Özdemir wäre der perfekte Spitzenkandidat dafür - doch es gibt Widerstand.

Wenn die Grünen eine Auto-Familie wären, dann rollte Joschka Fischer im Papamobil vor. Winfried Kretschman brummelte als ein Daimler-Diesel mit verlässlichem Einganggetriebe und Holzlenkrad umher. Katrin Göring-Eckardt käme als sanfter Renault Clio mit Schutzengel am Rückspiegel. Jürgen Trittin röhrte noch als Off-Roader-Auslaufmodell mit Linkslenkung, Claudia Roth knatterte als lauter VW-Bus in knallbunten Flower-Power-Blumen um die Ecke und Toni Hofreiter wäre Deutschlands letzter Opel Manta mit Fuchsschwanz. Cem Özdemir aber wäre ein schwäbischer Porsche-Hybrid - innen schwarz, außen grün.

Nun will der Hybrid Özdemir seine Partei als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl 2017 lenken. Er wäre der perfekte Kandidat für das schwarz-grüne Wendeprojekt. Nachdem in Hessen diese Koalition bereits erstaunlich friedlich regiert, bahnt sich nun auch in Baden-Württemberg - Özdemirs Heimat - eine grün-schwarze Regentschaft an. Und er leistet dazu seinen Beitrag. Özdemir macht keinen Hehl aus seiner Präferenz, vernetzt sich seit Jahren mit Unionisten und stellt sich hinter die Kretschmann-Perspektive, wonach Mehrheiten in Deutschland nur in der Mitte zu holen seien. Özdemir hat früh erkannt, dass es für rot-grüne Regierungen in Deutschland keine Mehrheiten mehr gibt.

Die politische Achse der Republik verschiebt sich - spätestens mit dem Aufkommen der AfD und dem Comeback der FDP - nach rechts. Die Wählermilieus von CDU und Grünen sind sich mittlerweile sehr nahe gekommen, die Programme auch. Mit Angela Merkel regiert eine CDU-Kanzlerin, die bei Grünen-Wählern überdurchschnittlich beliebt ist, und von der einstigen ideologischen Feindschaft der 80er-Jahre ist kaum mehr etwas übriggeblieben. Eine neue Generation von Politikern beider Parteien gehen zielstrebig aufeinander zu. Von Tarek Al-Wazir (Hessens grüner Wirtschaftsminister) bis zum CDU-Generalsekretär Peter Tauber, vom Tübinger Bürgermeister Boris Palmer bis zum CDU-Staatssekretär Jens Spahn knüpfen sie neue grün-bürgerliche Bande. 

Knuddelkandidat mit Neuigkeitsbonus

Nur in der Bundestagsfraktion der Grünen hat sich noch lange ein linker Geist gehalten wie Altherrenschweiß. Die Niederlage der jüngsten Bundestagswahl, als man es noch einmal linksherum mit Steuererhöhungen und Verboten versucht hatte, wurde dort nur zögernd als Richtungsfehler anerkannt. Doch inzwischen weichen die alten Linken von Renate Künast über Claudia Roth bis Jürgen Trittin einer neuen Generation, die die Fenster zum liberalen Durchlüften öffnet und den Makel der staatsfixierten Bevormundungspartei abschütteln will.

Auf den ersten Blick scheint alles ein Selbstläufer. Katrin Göring-Eckhardt will ebenfalls Schwarz-Grün für 2017. Sie ist zu Angela Merkel geradezu eine Schwester im ostdeutsch-weiblich-pastoralen Geiste. Mit Özdemir an ihrer Seite und Kretschmann als Paten wäre das Wendeprojekt vorgezeichnet. Dummerweise aber muss die grüne Basis mit ihren 61.000 Mitgliedern dazu noch abstimmen. Im September wird die Urwahl eingeleitet, doch der partei-interne Wahlkampf hat bereits jetzt begonnen.

Und da stehen Özdemir zwei unangenehme Konkurrenten im Weg. Robert Habeck, der Umweltminister aus Schleswig-Holstein, könnte ihm Stimmen aus dem Realo-Lager abzweigen. Der 46-jährige Habeck ist ein Knuddelkandidat mit Neuigkeitsbonus - Philosoph, Buchautor und Vater von vier Kindern, mal ein anderer Typ. Diplom-Biologe Hofreiter wiederum wirkt zwar tapsig, ideologisch und wie ein historisches Relikt aus den Demo-Tagen der Grünen. Aber er vertritt eben den linken Flügel der Partei - und viele Mitglieder könnten mit einer Stimme für ihn gegen den Rechts-Ruck in ihrer Partei protestieren. Mit Göring-Eckhardt und Cem Özdemir wären gleich zwei schwarz-grüne Protagonisten in Talkshows und auf Plakatwänden zu sehen - das könnte manchem Altlinken zu viel sein.

Kapieren statt Kopieren

Doch Özdemir wird vom Kretschmann-Effekt getragen und weiß - er ist ein guter Redner und Sprüchetexter - das auch in Worte zu bringen: "Kretschmann kapieren, nicht kopieren", gibt der Parteichef als Losung für die nächsten eineinhalb Jahre bis zur Bundestagswahl vor. Kretschmann kapieren heißt Schwarz-grün anstreben, dessen Wahlerfolg über die Betonung der Bürgerlichkeit erreichen. Dazu passen Law-and-Order-Sprüche, dass man Terror "nicht mit der Yogamatte unterm Arm bekämpfen" könne. Özdemir will das neue Selbstbewusstsein der Grünen als mögliche Volkspartei zu seinem eigenen Markenkern machen. Er sieht für seine Partei die Chance, die siechende SPD als Macht der linken Mitte abzulösen. 

Erst einmal aber muss er seine eigenen Parteimitglieder von sich überzeugen. Und so wird er seine persönliche Geschichte ausgiebig zum Besten geben, die so perfekt zu den Multikulti-Grünen passt. Die Geschichte vom bürgerlichen Schwaben mit den türkischen Wurzeln, der es "als eines von zwei Ausländerkindern in der Schulklasse“ geschafft hat. Der Hybrid ist gestartet - der Opel Manta sieht alt aus.

Quelle: n-tv.de

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